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Veröffentlicht: 21.09.2012, 18:05 Uhr

Frauenquote Die Hälfte des Himmels

Schon jetzt wird in Großunternehmen kaum noch ein Mann befördert. Nun mischt sich auch noch der Staat in die Personalentscheidungen der Privatwirtschaft ein. Dabei wissen Politiker jenseits frauenbewegter Fensterreden ganz genau, dass manche Frauen schlicht andere Prioritäten für ihren Lebensweg setzen.

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© dapd Der Bundesrat hat sich auf einen Gesetzesentwurf zur Frauenquote geeinigt, bald soll es mehr Frauen in Unternehmen geben

Eine frauenfreie Zone sind die Vorstandsetagen in deutschen Unternehmen keineswegs - schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Doch die Vorherrschaft von Männern in dunklen Anzügen ist an den Konzernspitzen nicht zu übersehen. Von einer Beteiligung, die dem Anteil des weiblichen Geschlechts in der Bevölkerung entspräche, sind die Frauen dort weit entfernt. Auch wenn unter dem öffentlichen Druck, den eine durchaus überschaubare Zahl von Aktivistinnen in jüngerer Zeit entfaltet hat, in Großunternehmen kaum noch ein Mann befördert wird: Mit Brachialgewalt wollen vor allem die Dax-Konzerne die Frauenquote steigern, um einer gesetzlichen Zwangsregelung zu entrinnen.

Doch ob ihnen dies gelingt, steht auf des Messers Schneide. Der Bundesrat hat sich am Freitag einer Initiative der Hamburger Landesregierung angeschlossen, den Frauenanteil auf stolze 40 Prozent hochzutreiben - mit voller Unterstützung der CDU-Regierungschefs Annegret Kramp-Karrenbauer und Reiner Haseloff. Ihre Parteifreundin, die Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen, hat damit in ihrem Kampf für eine Zwangsquote die Länderkammer auf ihrer Seite.

Gegen staatliche Regularien

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) und die Bundesfrauenministerin Kristina Schröder (CDU) haben zwar gerade an die EU-Kommission geschrieben, dass sie deren Gesetzespläne für eine Quote ablehnen. Doch in typisch Brüsseler Manier hat Justizkommissarin Viviane Reding noch eins draufgesetzt und auf dem Deutschen Juristentag angedroht, ihre für Aufsichtsräte gedachten Regularien auch noch auf Vorstände auszuweiten. Dass die altehrwürdige Juristenvereinigung sich anschließend mit deutlicher Mehrheit gegen jede Form staatlicher Reglementierung aussprach und sogar gegen die von Schröder favorisierte „Flexiquote“ votierte, dürfte in Brüssel und Berlin wenig Eindruck schinden.

Weil die mangelnde Repräsentanz von Frauen ungerecht sei, müssten Unternehmen nun einen Eingriff der Politik hinnehmen, argumentieren die Vorkämpferinnen. Und zur Abwechslung hätten daher jetzt die Männer für eine Übergangszeit eine gewisse Diskriminierung zu schlucken. Doch damit mischt sich der Staat in die Personalentscheidungen der Privatwirtschaft ein. Die Aktionäre, denen das Mitbestimmungsgesetz schon die Hälfte der Mitglieder in den Aufsichtsräten aufoktroyiert, werden durch dieses gesellschaftspolitische Anliegen noch ein Stück weiter enteignet.

Andere Prioritäten

Sicher ist nicht auszuschließen, dass mancherorts wirklich noch ein patriarchalischer Geist weht und Frauen in ihrer Laufbahn an eine „gläserne Decke“ stoßen. Doch in vielen Branchen greifen Arbeitgeber begierig auf dieses Reservoir an gutausgebildeten Nachwuchskräften zurück. Dass hingegen etwa ein Maschinenbaukonzern, der in seiner gesamten Belegschaft nur wenig weibliche Arbeitskräfte hat, deren Proporz an der Führungsspitze auf fast die Hälfte steigern soll, ist widersinnig.

Jenseits frauenbewegter Fensterreden wissen Politiker ganz genau, dass manche Frauen schlicht andere Prioritäten für ihren Lebensweg setzen. Warum sonst gelingt es den Volksvertretern weder in staatseigenen Unternehmen noch in den Ministerien, wenigstens in ihrem eigenen Machtbereich die forschen Vorgaben zu erfüllen, die sie der Privatwirtschaft abverlangen? An mangelnder Qualifikation der weiblichen Mitarbeiter liegt es ja tatsächlich nicht.

Mehr Kitas, bessere Arbeitszeiten

Dass die auch vom Deutschen Corporate Governance Kodex eingeforderte Vielfalt in Vorständen und Aufsichtsräten nicht automatisch zu größerem wirtschaftlichen Erfolg verhilft, zeigt das Beispiel Norwegen. Dort wurde die Frauenquote so rabiat durchgesetzt, dass die Kennziffern der Aktiengesellschaften abstürzten. Andere wechselten schnell ihre Rechtsform, um der Drohung zu entgehen, bei Nichteinhaltung der Planzahlen strafhalber aufgelöst zu werden. Das aus dem skandinavischen Land bekannte Phänomen der „Goldröcke“ - dass sich nämlich die Aufsichtsratsposten auf eine kleine Zahl von verfügbaren Frauen verteilen - spricht zudem allen Erfolgen der Corporate-Governance-Bewegung Hohn.

Der einzig sinnvolle Weg, mehr Frauen ins Management zu hieven, ist eine Verbesserung der äußeren Umstände. Noch immer ist es in Deutschland ein Kraftakt, einen passenden Kitaplatz für den Nachwuchs zu finden. Auch die Überbetonung physischer Präsenz am Arbeitsplatz (so gilt es in großen Anwaltskanzleien schlicht als ungehörig, vor 20 Uhr das Büro zu verlassen) ist ein Hindernis. Die Aussichten, dass dies besser wird, sind aber durchaus günstig: Die nachwachsende „Generation Y“ fordert so rigoros eine bessere Balance zwischen Beruf und Privatleben ein, dass Personalchefs bereits zum Umdenken gezwungen sind.

Dennoch zeigt sich, dass auch in Unternehmen mit vorbildlichen Betriebskindergärten viele Mitarbeiterinnen eine Teilzeitstelle vorziehen. Ob Frauen wirklich die „Hälfte des Himmels“ erobern werden, wie es einst Feministinnen in lila Latzhosen propagierten, ist also durchaus fraglich. Ob ein Platz im Top-Management überhaupt dazu gehört, aber auch.

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