16.09.2005 · Die Zahl erwerbstätiger Frauen in Deutschland steigt, von Chancengleichheit kann aber noch keine Rede sein. Kinder sind nach wie vor ein Karriere-Killer. Teil 8 der F.A.Z.-Serie „Brennpunkt Arbeitsmarkt“.
Der Arbeitsmarkt für Frauen ist in Deutschland ein anderer als der für Männer - immer noch. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute: Die Erwerbstätigkeit der Frauen in Deutschland steigt stetig.
Zunächst zur guten Nachricht: Bereits im Jahr 2000 hatte die Erwerbstätigkeit der Frauen in Deutschland die auf dem Gipfel von Stockholm festgelegte Quote von 57 Prozent überschritten. Derzeit liegt sie bei mehr als 60 Prozent. Somit nähern sich die Erwerbstätigenquoten von Männern und Frauen einander an. Dabei geht die Zahl der erwerbstätigen Männer zurück, die der Frauen stagniert.
Zumindest kinderlose Frauen haben gute Chancen
Gerhard Engelbrech vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sagt dazu mit einem Blick auf die langfristige Entwicklung: "Schon in der großen Arbeitsmarktkrise in den neunziger Jahren konnten Frauen Arbeitsplätze hinzugewinnen." Quantitativ also hat sich die Situation der Frauen am Arbeitsmarkt somit erheblich verbessert. Befördert hat dies nach der Erklärung des Arbeitsmarktforschers Engelbrech vor allem die Tatsache, daß in den vergangenen 15 Jahren Arbeitsplätze in den männerdominierten produktionsorientierten Tätigkeiten hierzulande verlorengingen. "Hingegen kamen Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich vor allem für Frauen hinzu."
Die Tendenz setzt sich fort. Daß Frauen dabei sogar erfolgreicher als Männer sein können, hat die jüngste jährliche Umfrage des Statistischen Bundesamts, der Mikrozensus 2004, ergeben, der im Frühjahr veröffentlicht wurde. Kinderlose Frauen im Alter zwischen 30 und 45 Jahren haben insgesamt bessere Jobs als ihre gleichaltrigen Männer. Der Präsident des Wiesbadener Amtes nannte es "durchaus bemerkenswert, daß Männer ohne Kinder bei gleicher Ausbildung weniger erfolgreich sind als Frauen ohne Kinder". Die Betonung liegt dabei allerdings auf der Kinderlosigkeit. Doch positiv bleibt: Zumindest kinderlose Frauen haben inzwischen gute Chancen.
Keine Chancengleichheit
Zur Erinnerung: Daß Frauen überhaupt arbeiten, ist gesellschaftlich noch gar nicht so lange anerkannt. Noch in den fünfziger Jahren hieß es im Bürgerlichen Gesetzbuch: "Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist." Die steigende Präsenz der Frauen auf dem Arbeitsmarkt, die in Deutschland gerade einmal im Mittelfeld europäischer Länder liegt, zeigt, daß diese Zeiten vorüber sind.
Doch werden diese positiven Entwicklungen getrübt durch einen genauen Blick darauf, wie sich die Frauen durch das Berufsleben schlagen. Insgesamt gilt: Noch immer besteht auf dem deutschen Arbeitsmarkt keine Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen.
Kinder sind immer noch ein Karriere-Killer
Denn erstens verdienen Frauen noch immer deutlich weniger als Männer - auch wenn sie im selben Betrieb und im gleichen Beruf arbeiten, gleich alt und gleich ausgebildet sind. Zweitens gehen sie viel häufiger Teilzeitbeschäftigungen nach. 80 Prozent der Teilzeitbeschäftigten sind Frauen. Drittens sind sie vor allem in insgesamt niedriger qualifizierten und damit schlechter bezahlten Jobs angestellt. Viertens: Die Nürnberger Bundesagentur für Arbeit hat erst unlängst gemeldet, daß Frauen dann, wenn sie ihre Arbeit verlieren, länger arbeitslos bleiben - durchschnittlich 41 Wochen, Männer indes "nur" 36 Wochen.
Und fünftens: Wenn Frauen ernsthaft Karriere machen wollen, wird es für sie vor allem dann schwierig, wenn sie Kinder haben. Kinder sind - anders als in einigen Nachbarländern - in Deutschland immer noch Karriere-Killer. Mehr noch, sie verhindern hierzulande, solange sie klein sind, breitflächig eine Berufstätigkeit der Frauen. Nur ein Drittel der Frauen mit Kindern unter drei Jahren sind überhaupt berufstätig.
Das Gehaltsgefälle ist deutlich
Das IAB hat ermittelt, daß Frauen beim Gehalt im Schnitt einen Abschlag von 12 Prozent gegenüber ihren männlichen Kollegen in Kauf nehmen müssen. Das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) sieht die Gehaltsunterschiede fast doppelt so hoch an. Geringer würden die Lohnunterschiede ausfallen, wenn die tatsächlichen Berufsunterbrechungen von Frauen berücksichtigt würden und womöglich auch die tatsächlich geleistete Arbeitszeit, also einschließlich der Überstunden. Trotzdem gibt es ein Gehaltsgefälle, was allerdings, wie verschiedene Personalberatungsgesellschaften betonen, nicht aufgrund einer systematischen Diskriminierung stattfindet.
Ein wesentlicher Faktor, der zu dem Gehaltsgefälle führt, ist die Dauer der Erwerbstätigkeit. Miriam Beblo vom ZEW sagt: "Frauen sind bei gleichem Alter im Schnitt weniger Jahre berufstätig, vor allem weil sie ihre Erwerbstätigkeit häufiger durch Erziehungszeiten unterbrechen." Ein gut Teil der ermittelten Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen sei darauf zurückzuführen, allerdings nicht alles. Je später die Pause im Erwerbsleben erfolgt, desto höher sind in der Folge die Einkommenseinbußen. Und noch eines: Frauen sind, meinen die Experten vom ZEW, noch immer in Branchen mit relativ niedriger Bezahlung beschäftigt, Männer in Branchen, in denen sich mehr Geld verdienen läßt. Noch immer ist die Berufslandschaft geschlechtsspezifisch segmentiert. In den typischen "Frauenberufen" läßt sich - bei allen bestehenden Ausnahmen - weniger Geld verdienen.
Werkzeugkasten
Mit der Verbesserung der Chancen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt beschäftigen sich gleich mehrere Parteien im laufenden Wahlkampf - wenn auch indirekt. SPD, Union und Grüne planen den Ausbau der Betreuungskapazitäten für Kinder unter drei Jahren. Rot und Grün sehen sogar einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz vor. Außerdem plant die Ökopartei, den Einsatz von Arbeitszeitkonten, Familienteilzeit und Jobsharing zu forcieren. Die Union dagegen will den Anspruch auf Teilzeitarbeit in kleinen Unternehmen nur gelten lassen, wenn zu Hause ein Kind betreut oder ein Angehöriger gepflegt wird.
Wissenschaftler weisen schon seit einiger Zeit darauf hin, daß Frauen zwar auf Grund des demographischen Wandels zunehmend in den Arbeitsmarkt integriert werden. Auf der anderen Seite kommen durch die steigende Zahl alter Menschen auch neue Aufgaben in der Pflege auf sie zu, warnt Jutta Allmendinger, Direktorin vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Die Autoren des Familienberichts der Bundesregierung fordern deshalb die Einführung von Optionszeiten, um die klassische Trias „Ausbildung - Beruf - Rente“ zu durchbrechen. Arbeitnehmer sollen eine bezahlte Auszeit für Pflege oder Kindererziehung nehmen können. Die Finanzierung wird als Vorschuß mit der späteren Rente verrechnet, die ausgesetzte Zeit nachgeholt.
Die Arbeitsmarktexperten des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) haben einen eher praktischen Rat für Frauen. Denn sie haben herausgefunden, daß jede Unterbrechung der Erwerbstätigkeit mehr kostet als nur das entgangene Gehalt. Das gilt für Arbeitslosigkeit und Erziehungszeiten. Die Folgekosten umfassen auch Einbußen bei der späteren Lohnentwicklung. Eine einjährige Unterbrechung im Rahmen der Elternzeit reduziert den Lohnsatz einer Frau durchschnittlich auf 95 Prozent des Stundenlohns einer kontinuierlich erwerbstätigen Frau. Die Konsequenz: Frauen sollten trotz Erwerbsunterbrechung dem Arbeitsmarkt verbunden bleiben und zumindest in Teilzeitarbeit rasch zurückkehren.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3195 | −0,67% |
| Rohöl Brent Crude | 117,61 $ | −0,91% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |