Er war Erfinder, Rennfahrer, Unternehmer - aber war er auch ein Kollaborateur der Nazis? Louis Renault, der zusammen mit seinen zwei Brüdern den gleichnamigen französischen Autokonzern gegründet hat, war als autoritärer Firmenpatriarch auf jeden Fall eine komplexe Gestalt. Renault sprach sich lange Zeit gegen einen Krieg mit Deutschland aus und hegte erhebliche Bewunderung für Mussolini sowie für Hitler, den er 1935, 1938 und 1939 traf. Anders als führende Manager von Peugeot und Michelin unterstützte er später nicht die Résistance, Frankreichs Widerstandskampf gegen die deutsche Besatzung. Stattdessen reparierte sein Unternehmen für die Wehrmacht Panzer, baute Lastwagen sowie Motoren für Flugzeuge und U-Boote. Wie andere französische Konzerne auch war Renault vollständig in die deutsche Kriegsmaschinerie eingespannt.
„In den anderen Fällen gab es Entschädigungen“
Entstand daraus das Recht, nach Kriegsende die Eigentümerfamilie ohne Entschädigung zu enteignen? Diese Frage beschäftigt seit diesem Mittwoch ein Gericht in Paris. Denn sieben Enkel des Firmengründers verlangen in Berufung auf das Recht auf Eigentum einen finanziellen Ausgleich und fordern die Überprüfung der Verfassungsmäßigkeit der damaligen Enteignung. „Renault ist nach dem Krieg unzweifelhaft als Sonderfall behandelt worden, es war die einzige Verstaatlichung mit Sanktionscharakter“, sagt Henry Rousso, ein Historiker am staatlichen Forschungsinstitut CNRS. „Die anderen Verstaatlichungen fanden nur dort statt, wo Monopole herrschten, wie bei Kohle und Strom. In der Autoindustrie war das eindeutig nicht der Fall. Außerdem gab es in den anderen Fällen Entschädigungen für die Eigentümer.“
Es war eine von Charles de Gaulle und Pierre Mendes-France veranlasste Verordnung, die 1945 zur Verstaatlichung von Renault führte. Der Vorwurf lautete, dass der Konzern zuerst die französischen Verteidigungsanstrengungen nicht richtig unterstützt, danach aber willig mit den Deutschen zusammengearbeitet habe. „Die französische Regierung musste vor dem deutschen Überfall in der Tat einen Aufseher an die Seite von Louis Renault schicken, um die Produktion zu steigern“, berichtet der Historiker Patrick Fridenson, der sich den Großteil seines Berufslebens mit Renault beschäftigt hat.
Weitere Hinweise im Daimler-Archiv?
Nach der deutschen Besatzung wurde Renault dann unter die Aufsicht des Daimler-Konzerns gestellt. Nach Ansicht von Fridenson sind aber zu wenige Dokumente bekannt, um Louis Renault als bräunlichen Nazi-Kollaborateur zu kennzeichnen. „Es wäre hervorragend, wenn die Daimler AG ihre Archive stärker öffnen würde“, sagt Fridenson. Denn dort sowie unter Umständen bei den Familien einiger damaliger Daimler-Führungskräfte vermutet er weitere Hinweise. In den vergangenen Jahren erhielt Fridenson nach eigenen Angaben jedoch nur zweimal begrenzten Zugang zu den Dokumenten des deutschen Autoherstellers.
In dem Historikerstreit steht Annie Lacroix-Riz auf der Gegenseite von Fridenson. Sie lässt kein gutes Blatt an Louis Renault und wirft ihm vor, schon vor dem Krieg rechtsradikale Kräfte in Frankreich finanziert zu haben. Dieser Ansicht ist auch die Gewerkschaft CGT, die den Prozess nun zusammen mit einigen ehemaligen Widerstandskämpfern zu öffentlichen Auftritten nutzt. Louis Renault verkörpert für sie das Feindbild eines kaltherzigen Kapitalisten, der auch Streiks brutal unterdrückte. Sie kritisieren besonders, dass die Renault-Erben im vergangenen Jahr per Gerichtsentscheid ein Foto von Louis Renault aus dem Erinnerungszentrum von Oradour-sur-Glane entfernen ließen, das den Renault-Chef zusammen mit Adolf Hitler und Hermann Göring zeigt. Die SS ermordete im Zuge der Partisanenbekämpfung 1944 fast alle Einwohner von Oradour-sur-Glane und zerstörte den in der Nähe von Limoges gelegenen Ort.
Die Verstaatlichung hielt bis 1994
Der schon länger kranke Louis Renault starb ebenfalls 1944. Zuvor war er einige Tage als Nazi-Kollaborateur in Haft genommen worden. Seine Familie behauptet, er sei währenddessen geschlagen worden. „Auch dafür liegen keine Beweise vor“, hält Fridenson dagegen. Verurteilt wurde Renault indes nie; er und seine Hinterbliebenen verloren aber ihre 96 Prozent der Konzernanteile. „Wie hätten sie damals entschädigt werden können?“, fragt nun der CGT-Anwalt Jean-Paul Teissonière. „Etwa im Maßstab des kolossalen Umsatzes, den Renault im Auftrag der Wehrmacht erzielte?“ Die aktuelle Renault-Führung will zu dem Streit keine Stellung nehmen. Die Renault-Verstaatlichung hielt bis 1994, als schrittweise die Privatisierung begann. Heute besitzt der französische Staat nur noch 15 Prozent an dem Unternehmen.
Im dem nun begonnenen Prozess gehe es im juristischen Sinne indes gar nicht um die inhaltliche Bewertung der Rolle von Louis Renault, erläutert Thierry Lévy, der Anwalt der Renault-Erben. Stattdessen stehe die Frage im Mittelpunkt, ob die Verordnung von 1945 mit der französischen Verfassung vereinbart werden könne. Denn anders als die meisten anderen Verordnungen jenes Jahres wurde diese Regelung später nicht in ein Gesetz umgewandelt und damit parlamentarisch genehmigt. Das Urteil, ob der Streit an den Verfassungsrat überwiesen werden soll oder nicht, soll am 12. Januar 2012 fallen.
„Die französische Regierung musste vor dem deutschen Überfall....“
Closed via SSO (yahel)
- 16.12.2011, 12:18 Uhr
Daimler-Archiv?.....
Gerhard Schumann (BuergervonStuttgart)
- 16.12.2011, 11:04 Uhr