http://www.faz.net/-gqe-7jxpc

Franziskus und die Globalisierung : Was der Papst verschweigt

Der Papst in den vatikanischen Grotten im Petersdom Bild: Reuters

Der Papst greift den Kapitalismus an. Dabei hat die Globalisierung Millionen Menschen aus der Armut befreit. Und vor dem Hungertod gerettet.

          Der mächtigste Mann einer sehr reichen Organisation lebt demonstrativ bescheiden. Papst Franziskus wohnt im Vatikan im Gästehaus Santa Marta, nicht im Apostolischen Palast. Seit dem Tag seiner Wahl trägt er eine einfache weiße Soutane, darüber statt eines goldenen Kreuzes ein schlichtes Eisenkreuz. Es heißt, dass der Papst morgens sein Bett selbst mache. Programmatisch wählte der langjährige Erzbischof von Buenos Aires den Namen Franziskus – in Erinnerung an den Bettelmönch und Ordensgründer Franz von Assisi. Auch jenseits dieser Gesten der Bescheidenheit formuliert der neue Papst in leichten Abwandlungen immer wieder den gleichen Wunsch: „Wie sehr möchte ich eine arme Kirche und eine Kirche für die Armen.“

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und Finanzen Online

          Nicht verwunderlich ist daher die Richtung, die Franziskus in seinem ersten Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ eingeschlagen hat. Auf 184 Seiten äußert sich der Papst vor allem über die richtige Einstellung, wie das Evangelium zu verkünden ist – nämlich fröhlich und mit vollem persönlichen Einsatz.

          „Diese Wirtschaft tötet“

          Franziskus referiert aber auch über Armut, Ungerechtigkeit und die Wirtschaft im Allgemeinen. Was er dazu den etwa 1,2 Milliarden Katholiken in aller Welt diese Woche mitteilte, erscheint klar, ja radikal. Franziskus schreibt: „Ebenso wie das Gebot ,Du sollst nicht töten‘ eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein ,Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen‘ sagen. Diese Wirtschaft tötet.“

          Es sei „unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte an der Börse Schlagzeilen macht“. Heute spiele sich alles nach den Kriterien der Konkurrenzfähigkeit ab, „wo der Mächtigere den Schwächeren zunichte macht“. Als Folge sähen sich „große Massen der Bevölkerung an den Rand gedrängt“. Die Menschheit erlebe eine historische Wende, so Franziskus weiter. Trotz einiger Erfolge, etwa im Gesundheitsbereich, lebe der größte Teil der Menschen in täglicher Unsicherheit: „Die soziale Ungleichheit tritt immer klarer zutage. Man muss kämpfen, um zu leben – und oft wenig würdevoll zu leben.“

          Allerdings belässt es der Papst nicht bei dieser Bestandsaufnahme, er identifiziert auch angebliche Schuldige. „Dieser epochale Wandel“, so schreibt Franziskus, sei verursacht worden durch enorme Sprünge im wissenschaftlichen Fortschritt und in technologischen Neuerungen. Darüber hinaus habe sich „eine Globalisierung der Gleichgültigkeit“ entwickelt. „Die Kultur des Wohlstands betäubt uns, und wir verlieren die Ruhe, wenn der Markt etwas anbietet, was wir noch nicht gekauft haben.“ Verantwortlich sei drittens die Beziehung zum Geld: „Wir haben neue Götzen geschaffen. Die Anbetung des antiken goldenen Kalbs hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel.“

          So wohnt der Papst im Vatikan-Gästehaus Santa Marta

          Neu ist derlei Kritik aus Rom nicht. Schon Papst Johannes XXIII. forderte in seinem Aufruf zum Zweiten Vatikanischen Konzil, dass die Kirche „an der Seite der Armen“ sein müsse. „Franziskus greift diese Akzentuierung auf“, erklärt der Theologe Markus Vogt, der an der Universität München unterrichtet. „Allerdings verstärkt er sie und gibt ihr ein völlig anderes Gewicht.“ Die Distanz gegenüber Reichtum sei in der katholischen Kirche seit jeher ein wichtiges Ideal, sagt der Theologe. Was das in der Praxis bedeutet, sei aber je nach Auslegung unterschiedlich. „Da gibt es verschiedene Strömungen.“ Für die einen gehe es lediglich um die innere Einstellung, nicht am eigenen Besitz zu hängen. Andere lebten bewusst in materieller Armut. Zwischen diesen Polen seien auch die Äußerungen des Papstes einzusortieren: „Er hat sich sehr scharf ausgedrückt, aber um die richtige Auslegung muss gerungen werden.“

          Auch jenseits aller Deutungsfragen ist zu prüfen, ob sich die Thesen des Papstes empirisch überhaupt halten lassen. Seine Behauptung etwa, „während die Einkommen einiger weniger exponentiell steigen, sind die der Mehrheit immer weiter entfernt vom Wohlstand dieser glücklichen Minderheit“, greift zu kurz. Anders als es der Papst nahe legt, ist die Zahl der sehr armen Menschen einer aktuellen Studie der Weltbank zufolge in den vergangenen drei Jahrzehnten um mehr als 700 Millionen Menschen auf 1,2 Milliarden gesunken. „Wir sind Zeugen eines historischen Moments, in dem sich die Menschen selbst aus der Armut befreien“, sagte Weltbank-Präsident Jim Yong Kim, als er die Studie im Oktober präsentierte. Das Millenniumsziel, die Zahl der Menschen, die von weniger als 1,25 Dollar am Tag leben müssen, bis 2015 zu halbieren, sei fünf Jahre früher erreicht worden. „Unsere Erwartungen wurden übertroffen“, so Kim. Verantwortlich dafür sind allen Zahlen zufolge vor allem China und Indien – Länder, die seit den siebziger Jahren zunehmend marktwirtschaftliche Prinzipien einführten und so die Zahl der Hungertoten drastisch reduzierten.

          Auch die anklingende Globalisierungskritik und die Aussage des Papstes, wonach „die soziale Ungleichheit immer klarer zu Tage tritt“, ist zu hinterfragen. Der Volkswirt Norbert Berthold von der Universität Würzburg etwa kommt in seiner Studie „Wie ungleich ist die Welt?“ zum Ergebnis, „dass im neuen Jahrtausend die Ungleichheit deutlich abgenommen hat“. Die zunehmende Globalisierung sei „mit einem Rückgang der Ungleichheit“ einhergegangen. Auch die päpstliche These, wonach „die Ungleichverteilung der Einkommen die Wurzel der sozialen Übel ist“, überzeugt Wirtschaftswissenschaftler nicht. Sie sehen in leistungsgerechter Entlohnung den wesentlichen Antrieb, der Wohlstand schafft und unsere Sozialsysteme erst bezahlbar macht.

          Weitere Themen

          Warum schont der Papst McCarrick?

          Missbrauchsaffäre : Warum schont der Papst McCarrick?

          Im Missbrauchsskandal in Chile greift Papst Franziskus drakonisch durch, sechs Bischöfe traten schon zurück. Gegenüber Bischof McCarrick verhält er sich jedoch nachsichtig. Denn Franziskus hat ihm viel zu verdanken.

          Lebensmittelskandal in Australien Video-Seite öffnen

          Nadeln in Erdbeeren gefunden : Lebensmittelskandal in Australien

          Vorsicht beim Reinbeißen ist geboten. Im australischen Bundesstaat New South Wales wurden haufenweise Erdbeerverpackungen mit Nadeln gefunden. Der oder die Verantwortlichen hätten mit Haftstrafen von bis zu zehn Jahren zu rechnen, teilte die Polizei mit.

          Topmeldungen

          Maaßen-Beförderung : Das Dilemma der SPD

          Nach der Beförderung von Hans-Georg Maaßen zum Staatssekretär zeigt sich die alte Zwangslage der SPD: Wie kann man drohen, wenn man zu viel Angst vor den Konsequenzen hat?

          Thema Brexit in Salzburg : Der EU-Gipfel soll eine Katastrophe vermeiden

          Beim informellen EU-Gipfel in Salzburg ist der Brexit wieder Thema. Eine Absage an Mays Pläne wird es wohl vorerst nicht geben, denn die Staats- und Regierungschefs haben die Zukunft der britischen Premierministerin im Blick.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.