Gemächlich zieht das Wasser im Kanal von Saint Quentin seine Bahn. Karpfen, Barsche, Zander und Hechte finden in dem nordfranzösischen Strom mit seiner üppigen Ufer-Vegetation reichlich Lebensraum, berichten die örtlichen Fischer. Selbst im Industriegebiet der Kleinstadt Saint Quentin im Departement Aisne macht sich am Rand des Gewässers idyllische Stimmung breit. Nur einmal im Monat wird sie etwas gestört. Dann hält an der Rue Maurice Bellonte ein Lastkahn aus Rotterdam, Antwerpen oder Amsterdam und bringt Mineralien aus aller Welt.
Ein Kran greift sich die Fracht und lässt sie über einem Lastwagen ab, der das Rohmaterial in die Werkshalle der Firma CMMP am Kanalufer fährt. Dort wird es für eine breite Palette von Abnehmern zu feinen Pulverstoffen klein gemalen: Die Autoindustrie braucht sie für Bremsen, die Kosmetikhersteller für Lippenstifte, die Farbenindustrie für den Verputz und die Bauunternehmen für die Isolierung.
Joëlle Briot führt die 1932 gegründete Firma in dritter Generation. 29 Personen beschäftigt sie - genau vier mehr als 1997, ihrem ersten Jahr als Geschäftsführerin. Sie pflegt damit ein Dasein, das typisch ist für viele französische Unternehmen: Sie sind klein, und sie bleiben klein. „Ein, zwei oder drei Leute einzustellen, ist schon viel für uns“, sagt die ausgebildete Ingenieurin. „Mein Problem ist die Finanzierung durch die Banken. In Frankreich wird den Großen geholfen, nicht aber den Kleinen“.
Politiker als glühende Verehrer des Mittelstandes
Im französischen Wahlkampf ist mehr denn je über klein- und mittelständische Unternehmen gesprochen worden. Wenn am morgigen Sonntag die Franzosen den neuen Hausherren im Elysée-Palast bestimmen oder den alten bestätigen, dann haben ihnen zuvor alle Kandidaten die uneingeschränkte Unterstützung des Mittelstandes versprochen. Denn dort wurzelt letztlich die Wettbewerbsschwäche des Landes, die in einem Rekord-Außenhandelsdefizit von 70 Milliarden Euro im vergangenen Jahr zum Ausdruck kommt.
Frankreich hat kein Problem mit seiner unternehmerischen Speerspitze, den überwiegend gut aufgestellten Konzernen im Börsenindex CAC-40 - abgesehen davon, dass sie in Frankreich immer weniger Arbeitsplätze schaffen. Doch für das Gros der Beschäftigung und des Außenhandels sorgt immer der unternehmerische Unterbau, der Mittelstand. Frankreich ist da eine Wüste in weiten Strecken des Landes, wie gerade der Vergleich mit Deutschland und Italien zeigt.
Nur gut 90.000 mittelständische Unternehmen (bis 250 Mitarbeiter) sind nach Angaben des Handelsministers Pierre Lellouche in Frankreich im Export tätig. In Deutschland sind es mehr als viermal so viele. Noch schlechter fällt der Vergleich bei großen Mittelständlern aus. Im Wahlkampf sind die französischen Politiker daher in jeder Rede zu glühenden Verehrern des Mittelstandes geworden.
Schere zwischen Wahlkampfreden und Realität
Eine Dreiviertel Autostunde nördlich von Saint Quentin, im Örtchen Mericourt des Departement Pas-de-Calais, hätte der Tüftler Dominique Chaumont diese Zuneigung gerne einmal am eigenen Leibe gespürt. Der 65 Jahre alte Ingenieur sitzt in einem ärmlichen Büro, wo sich die Papierstapel türmen und der Schimmel an den Wänden nicht zu übersehen ist. Nebenan ragt einer jener Kohleberge in die Höhe, der noch aus der Zeit stammt, als Nordfrankreich eine Bergbauregion war.
Chaumont will das „Solex“, jene typisch französische Mischung aus Fahrrad und Mofa, um jeden Preis wiederbeleben. Schon 2005 sagte er dieser Zeitung: „Ich führe gerade den achten Krieg um das Zweirad“. Der Franzose kämpfte jahrelang um Namensrechte, Produktionslizenzen, Investoren und technische Zulassungen. Auf seinem Höhepunkt beschäftigte er 15 Mitarbeiter und lieferte seine Solex, die er „Black ’n Roll“ nennen musste, ins ganze europäische Ausland.
Doch heute hat Chaumont keine Firma mehr; in einer größeren Garage verstauben nur noch ein paar seiner Gefährte und jede Menge Ersatzteile. Er geriet in Schwierigkeiten mit seinem chinesischen Hauptlieferanten, und als er die Probleme endlich geregelt hatte, forderte das französische Finanzamt einen Zuschuss für Forschung und Entwicklung über 150.000 Euro zurück.
Übermächtige Verwaltung
„Das brachte das Fass zum Überlaufen“. Chaumont schwört Stein und Bein, dass er den Entwicklungszuschuss auch wirklich für ein Innovationsprojekt eingesetzt habe, nämlich die Erfindung eines Hybrid-Zweiradmotors. „Wenn das keine Innovation ist, was ist dann Innovation?“, erregt sich Chaumont und zeigt den Besuchern seine drei Briefe, die er an Präsident Nicolas Sarkozy schrieb. Sie wurden von Mitarbeitern im Elysée-Palast immer freundlich beantwortet: „...wir freuen uns über Ihren unternehmerischen Einsatz. ... sind aber leider nicht zuständig ... leiten die Angelegenheit weiter.“ Und so weiter.
„300 Kilometer Autonomie hätte mein Hybrid-Motor ermöglicht“, schwärmt Chaumont heute noch, doch die technische Zulassung bekam er nie. „All diese Politikerreden, ich kann sie nicht mehr hören. In diesem Land wird rein gar nichts für die kleinen Unternehmen getan“, schimpft Chaumont. Die Klage über eine übermächtige Verwaltung ist im französischen Mittelstand oft zu hören. Auch die Mineralienverarbeiterin Briot berichtet von den Besuchen der Zollbehörden und des Finanzamtes, die Hausdurchsuchungen ähnelten. „Die Behörden haben immer den Anfangsverdacht, dass die Unternehmer etwas verstecken“.
Die Zulassung ihres Unternehmens in Saint Quentin erstreckte sich über Jahre, sie reichte viel Aktenordner Dokumente ein, um dann die Antwort zu erhalten, dass immer noch ein Formular fehle. Erst als sie auf Empfehlung der Behörden einen bestimmten „Consultant“ einschaltete, kamen die Dinge in Bewegung. „Die Macht der französischen Administration ist unglaublich groß“, sagt auch Wilfried Verstraete, der Chef des weltgrößten Kreditversicherers Euler Hermes mit Sitz in Paris, der dank seiner Datenbank über rund 40 Millionen Unternehmen auf der ganzen Welt einen guten Überblick hat. Hinzu kommt in Frankreich das starre Arbeitsrecht. Ein unbefristeter Arbeitsvertrag garantiert den Beschäftigen einen hohen Kündigungsschutz, lässt die Unternehmen aber vor Neueinstellungen zurückschrecken. Ein zeitlich befristeter Vertrag darf dagegen in der Regel nur einmal verlängert werden. „Wir kennen viele Unternehmen, die sich sagen: Ich habe zehn Mitarbeiter, die sind schon lange bei mir, die kenne ich. Wenn ich aber auf 30 oder 40 Mitarbeiter erhöhe, dann gehe ich ein großes Risiko ein“, sagt Verstraete.
„In Deutschland werden Industrieunternehmen besser behandelt“
Joëlle Briot hat mit ihrer Familiengesellschaft CMMP, die auf einen Jahresumsatz von 10 Millionen Euro kommt, durchaus Wachstumspläne. Sie ist eine fröhliche und sympathische Frau, der es an Dynamik nicht fehlt. Die zum Teil hundert Jahre alten Gebäude und einige Anlagen in Saint Quentin könnten auch eine Auffrischung brauchen. Neben ihrer Fabrik in Saint Quentin verfällt eine ehemalige Bäckerei, deren Gelände sie übernehmen könnte. Doch überstürzen will Madame Briot nichts. Weil ihr die Unabhängigkeit wichtig ist, kommt der Eintritt neuer Aktionäre nicht in Frage. „Wir entwickeln uns vielleicht nicht so schnell wie andere, doch dafür behalten wir unsere Freiheit. Wenn ich jemanden ins Kapital lasse, ist der in zehn Jahren vielleicht anstelle von mir der Chef“.
Mit den aktuellen Gewinnmargen ist sie recht zufrieden, ihre Produkte sind auf der ganzen Welt gefragt, so dass sie auf eine Exportquote von gut 70 Prozent kommt. Weil das Unternehmen klein ist, hilft jeder jedem. Kürzlich verabschiedete sich die Vertriebsleiterin in den Baby-Urlaub, daher fliegt Madame Briot selbst zur nächsten Fachmesse in Chicago. Die mit kommerziellen und administrativen Aufgaben beschäftigten Mitarbeiter - mehr als die Hälfte - arbeiten in Paris. Sie nach Saint Quentin in die Provinz umzuziehen, wäre nicht möglich. „Ich will auch selbst Paris nicht verlassen will. Ich liebe Paris, das ist meine Heimat. Außerdem lassen sich internationale Kunden leichter nach Paris locken als nach Saint Quentin“, sagt Briot.
Früher hatte CMMP eine Produktionsstätte im nördlichen Ballungsraum von Paris, das Unternehmen musste dort aus Umweltschutzgründen jedoch wegziehen. Bis in die siebziger Jahre produzierte die Firma Asbest und hinterließ Rückstände im Boden. Anwohner protestierten, die lokale Presse schrieb über die „Gift-Firma“. Briot spricht ohne Bitterkeit über diese Episode, doch sie sagt: „In Deutschland werden Industrieunternehmen besser behandelt als bei uns“.
„Sarkozy unterstützte vor allem die Reichen“
Der Niedergang der französischen Industrie, der zur Arbeitslosenquote von fast zehn Prozent beiträgt, hat seine Ursachen auch in den allgemein schwierigen Rahmenbedingungen. An erster Stelle rangieren die hohen Sozialabgaben der Arbeitgeber für ihre Beschäftigten. „Die Personalkosten in Frankreich sind höher als in Deutschland. Vor zehn Jahren war das umgekehrt. Das Paradoxe ist, dass der französische Arbeitnehmer unterm Strich weniger herausbekommt als ein deutscher Arbeitnehmer“, klagt Jacques Aschenbroich, der den Autozulieferer Valeo mit seinen 71000 Mitarbeitern leitet. Nur noch 15000 seiner Beschäftigten arbeiten in Frankreich.
In zwei bis drei Jahren wird China der größte Produktionsstandort von Valeo sein, kündigt Aschenbroich an. Auch das „rigide“ Arbeitszeitsystem spricht gegen Frankreich. „In Deutschland kann man die Arbeitszeit über eine Woche oder sogar über Jahre viel leichter mit der Auftragslage atmen lassen“, berichtet der Manager. Die schwächere mittelständische Struktur führt dazu, dass Valeo in Frankreich eine kleinere Basis aus Zulieferern hat als in Deutschland. Den französischen Konzernen wird oft vorgeworfen, dass sie die kleinen Unternehmen nicht mitziehen würden. „2008 und 2009 haben wir vielen geholfen. Doch wenn jemand uns einfach nicht begleiten kann, dann müssen wir ihn ersetzen. Wir sind kein Wohltätigkeitsverein“, sagt Aschenbroich.
Der französische Mittelstand hat allgemein schwache Gewinnmargen und investiert daher auch weniger in Innovationen. „Die Lage wird nicht besser, denn die Banken verschärften infolge der neuen Eigenkapitalanforderungen ihre Kreditbedingungen“, berichtet Jean-Baptiste Bellon, Direktor der Beratungsfirma Trapeza. Die Regierung hat durch einen staatlich berufenen Kredit-Mediator über drei Jahre nach eigenen Angaben Darlehen in Höhe von drei Milliarden Euro gesichert. „Doch das sind gerade einmal 1,5 Prozent der gesamten Kreditsumme“, hat Bellon errechnet.
Vor diesem Hintergrund rechnet Euler Hermes in diesem Jahr mit mehr als 64.000 Unternehmensinsolvenzen in Frankreich, - das sind fast soviel wie auf dem Höchststand von 2008. „Man hat es in Frankreich nicht leicht als Unternehmer. Trotzdem würde ich meinem Land nie den Rücken kehren“, sagt Madame Briot. Am Sonntag wird sie für François Hollande stimmen. „Keiner der Kandidaten begeistert mich wirklich. Doch ich glaube, Hollande wird mehr für die kleinen Unternehmen tun. Sarkozy unterstützte vor allem die Reichen und die großen Konzerne“, sagt sie.
Kann mir eigentlich das FAZ-Forum
Till Diesing (Zabel24)
- 06.05.2012, 00:11 Uhr
falsche Hoffnungen
Ulrich Schweizer (ulswiss)
- 05.05.2012, 22:33 Uhr
Hollande wird vor allem Importzölle errichten - das glaubt Mdm.
Briot mit etwas für
Paul Banaschak (paul.banaschak)
- 05.05.2012, 20:03 Uhr
GSCI - German Strategic Change Initiatives - Eigentlich wäre es
womöglich an der Zeit hier und jetzt
Jürgen Braun (perfekt57)
- 05.05.2012, 19:44 Uhr
Ein guter Artikel...
Freddy Krüger (0608652565)
- 05.05.2012, 19:38 Uhr