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Frankreich Die Unternehmer in den Banlieues fürchten um ihren Ruf

09.11.2005 ·  Die Armenviertel Frankreichs brennen doch nur ein bißchen, meinen die örtlichen Unternehmer, die sich um ihren Ruf sorgen. Förderzonen, die in den Vorstädten eingerichtet wurden, brachten kaum wirtschaftliche Erfolge.

Von Christian Schubert, Aulnay sous Bois
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Paris brennt nicht, so wie CNN berichtet hat, die Metropole ist allenfalls an den Rändern angekohlt. Dies ist die Botschaft der Wirtschaft im größten Ballungsraum Frankreichs, denn sie fürchtet um ihr Image im Ausland. „Hier bei uns in Aulnay ist das lokal alles sehr begrenzt - abgesehen von wenigen großen Feuern ein paar Autos hier und da, mehr nicht“, bemüht sich Cedric Nadotti, ein Jungunternehmer im Gewerbepark der Vorstadt von Paris, um Schadensbegrenzung.

Doch auch er ist persönlich betroffen, denn seinen bestellten Neuwagen kann er beim Renault-Händler um die Ecke erst mal nicht abholen. Der Grund: Der Betrieb ist ganz und gar abgebrannt. Zweihundert Wagen gingen in der vergangenen Woche in Flammen auf oder wurden von der einstürzenden Decke erdrückt. Der Anblick erinnert an einen Bombenanschlag.

Die Spuren sind nicht zu übersehen

„Aber das hier ist nicht Bagdad“, betont Nadotti und hat damit natürlich recht. Tagsüber gehen die Menschen in Aulnay unbehelligt ihrer Beschäftigung nach, wenn sie denn eine haben. Bei Dunkelheit beeilen sie sich jedoch, nach Hause zu kommen. Denn dann sind wieder nervöse Polizisten und gewaltbereite Jugendliche unterwegs, auch wenn sich deren Aggression meist gegen Sachen und nicht gegen Menschen richtet. Ihre Spuren sind nicht zu übersehen: Unweit des Renault-Händlers ist die Autovermietung Hertz niedergebrannt, noch etwas weiter ein Teppich-Depot.

„Ich befürchte, die Ausschreitungen werden einige Unternehmen davon abhalten, sich hier anzusiedeln“, sagt der 30 Jahre alte Nadotti. Langfristig leide darunter die ganze Region. Der Sohn eines korsischen Einwanderers hat vor eineinhalb Jahren eine Firma für die Beseitigung von Spezialabfällen, vor allem Gasbehälter, gegründet. In einem modernen Zweckbau sitzt Nadotti in einem Raum mit drei aufgeräumten Schreibtischen, neuem Teppichboden und drei Aquarien.

Öffentlich geförderte Wirtschaftszonen

Damit befindet er sich in einer öffentlich geförderten Wirtschaftszone, die für mehr Beschäftigung in der Pariser „Banlieue“ (Vorstadt) sorgen soll. Er muß in den ersten fünf Jahren keine Gewerbe- und keine Körperschaftsteuer zahlen, erhält kostenlose Beratung in Fragen der Buchhaltung und Unternehmensführung, bekommt die Miete reduziert und muß weniger Sozialabgaben für Beschäftigte leisten als andere Betriebe. Im kommenden Jahr will er neben seiner Frau zwei weitere Beschäftigte einstellen. Einen kleinen Gewinn habe er im vergangenen Jahr erzielt, berichtet Nadotti - ohne sich allerdings ein Gehalt zu zahlen. Dies soll erst im kommenden Jahr möglich sein.

„Die Nachfrage ist gut. Wenn es danach ginge, könnte ich drei bis vier Leute mehr einstellen“. Das Problem seien jedoch die hohen Sozialabgaben. Trotz Vergünstigungen in den Förderzonen stellen diese nach Aussagen vieler Jungunternehmer eine Beschäftigungsbremse dar. Aziz Senni, ein Taxi-Unternehmer aus Mantes-la-Jolie nordwestlich von Paris, berichtet, daß er auf das Gehalt noch einmal rund 25 Prozent aufschlagen muß, um diese zu decken. Das sei zwar nur rund die Hälfte der Aufschläge außerhalb der Förderzonen, „doch immer noch zu viel“.

Rege Wirtschaftszentren

Einige Vorstadtgegenden von Paris sind dennoch zu regen Wirtschaftszentren geworden. Im Norden strahlt der größte Flughafen des Landes, Charles de Gaulle, positiv auf das Umfeld ab. Außerdem ist die Autobahnanbindung gut, günstiger Boden ist verfügbar. Man darf sich die Banlieue auch nicht als durchgehend gefährliche Trabantenstadt vorstellen. Die vielgeschossigen und mal mehr, mal weniger verwahrlosten Sozialbauten sind immer wieder von Siedlungen mit alleinstehenden Häusern in gutem Zustand und alten Ortskernen unterbrochen. Die Konfliktherde konzentrieren sich meistens auf engen Raum.

Die 85 sogenannten Zones Franches Urbaines (ZFU) in sozial schwierigen Gegenden Frankreichs haben seit 1996 rund 15 000 Unternehmen angezogen, die 60 000 neue Arbeitsplätze entstehen ließen. Kein schlechter Wert, der angesichts der Einwohnerzahl von 1,4 Millionen Menschen in den ZFU jedoch untergeht. In den weiter gefaßten 751 Zones Urbaines Sensibles (ZUS) leben sogar 4,6 Millionen Menschen. Dort liegt die Arbeitslosigkeit unter Personen zwischen 15 und 59 Jahren bei knapp 21 Prozent - doppelt so hoch wie der nationale Durchschnitt. In manchen Gegenden wie Clichy-sous-Bois, wo die aktuelle Gewaltwelle ausbrach, erreicht die Arbeitslosenrate der 15 bis 24 Jahre alten Menschen mehr als 37 Prozent.

Anreize zur Beschäftigungs-Rekrutierung

Taxi-Unternehmer Zenni fordert, daß noch mehr Unternehmen Anreize zur Beschäftigungs-Rekrutierung in sozial schwierigen Gegenden erhalten, etwa durch Vergünstigungen bei den Sozialabgaben. Bisher sind nur die Unternehmen in den ZFU angehalten, ein Drittel ihrer Beschäftigten aus den benachteiligten Vierteln einzustellen. Dies ist schwer genug, wenn höhere Qualifikationen gefragt sind, berichtet Zenni. Junge Unternehmen können es sich am wenigsten leisten, Risiken mit ihren Beschäftigten einzugehen. Sein Unternehmerkollege Nadotti hält außerdem die Motivation für ein Problem.

„Arbeitswillige Leute in den Cites zu finden ist nicht einfach“. Er setzt allerdings auch strenge Kriterien an: Bei Bewerbungsgesprächen testet er die Kandidaten für Verkäuferstellen mit der Frage, ob sie lieber ein komplettes Festgehalt oder eine Gewinnbeteiligung hätten. „Nur wer die Gewinnbeteiligung wählt, kann ein guter Verkäufer sein“, sagt er. „Hart arbeiten ist der einzige Weg zum Erfolg“, lautet sein Credo, das er als Schulaussteiger mit 16 Jahren auch selbst immer befolgt habe. Daher begrüßt er auch den jüngsten Vorschlag von Premierminister Villepin, mit 14 die Schule verlassen und eine Lehre beginnen zu können. Doch es müsse auf vielen Ebenen angesetzt werden. „Früher drohten meine Eltern, mich vor die Tür zu setzen, wenn ich nach der Schule keine Arbeit gefunden hätte“, berichtet Nadotti. „Das motivierte unheimlich“.

Die Proteste der Armen treffen die Armen

Wer kommt für die Schäden der französischen Unruhen auf? Nach Angaben des Versicherungsverbandes in Paris haben 82 Prozent der Fahrzeughalter eine freiwillige Feuer-Versicherung abgeschlossen, die auch Gewaltakte abdecke. Es ist jedoch zu vermuten, daß viele der unversicherten Autobesitzer in den Banlieues wohnen. Nach Angaben der französischen Nachrichtendienste sind seit Jahresanfang bereits mehr als 28 000 Autos angezündet worden. Die Versicherungen haben sich an die Schäden gewöhnt. „Jedes Jahr zu Silvester geht es etwa in Straßburg los“, berichtet eine Sprecherin des Versicherungsverbandes. Die Proteste der Armen treffen also die Armen selbst. Daran haben auch die umfangreichen Fördermaßnahmen wenig geändert. Seit dem Jahr 2000 sind aus öffentlichen Kassen Frankreichs und der Europäischen Union 34 Milliarden Euro in die sozial schwierigen Vorstädte geflossen. Allein im kommenden Jahr sind 7,2 Milliarden Euro vorgesehen.

Quelle: F.A.Z., 10.11.2005, Nr. 262 / Seite 13
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Jahrgang 1964, Wirtschaftskorrespondent in Paris.

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