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Frankreich : Der Liberalismus bekommt wieder eine Chance

Lange hatten sie einen schlechten Ruf. Nun sollen vergessene Vordenker langsam ins französische Bewusstsein zurückkommen.

          Ein malerisches Schloss aus hellroten Backsteinen und schneeweißen Fenstern. Davor ein leuchtend grüner Rasen in einem weitläufigen Park, der England alle Ehre machen würde. Den Vordergrund dominiert ein Reiterstandbild von Wilhelm, dem Eroberer. Die normannische Kultfigur hat allerdings keine Arme mehr, kein Gesicht und nur ein Bein. Es ist eine moderne Skulptur, geschaffen vom Schlossherrn, Jean-Marc de Pas. Der 54 Jahre alte Bildhauer hat das Glück, das idyllische Château de Bois-Guilbert bei Rouen in der Normandie schon in jungen Jahren aus dem Familienbesitz geerbt zu haben. Er hat daraus ein lebendiges Freilichtmuseum für die Verschmelzung von Kunst und Natur gemacht. De Pas lebt und arbeitet hier mit seiner Frau Stéphanie, hier veranstalten sie Skulpturen-Ausstellungen und Konzerte, empfangen Kunstinteressierte und vermieten ihre Anwesen an Gruppen und Unternehmen für verschiedene Anlässe.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Weniger bekannt ist, wer vor langer Zeit der Vorbesitzer war: Pierre le Pensant de Boisguilbert (1646–1714), ein direkter Vorfahre des Bildhauers. In ganz Frankreich ist der Mann kaum bekannt und jenseits seiner Grenzen erst recht nicht. Dabei war Boisguilbert einer der wichtigsten Vordenker der Ökonomie und einer der ganz frühen Wirtschaftsliberalen, lange Zeit vor Adam Smith. Karl Marx, der die Wirtschaftsgeschichte bestens kannte, bezeichnete den Franzosen zusammen mit dem Engländer Sir William Petty als Mitbegründer der klassischen politischen Ökonomie. „Boisguilbert ist heute ein sehr vernachlässigter Ökonom, besonders in der englischsprachigen Welt. Keine seiner wirtschaftlichen Arbeiten wurde ins Englische übersetzt, und nur wenige Arbeiten über die Volkswirtschaftslehre erwähnen ihn überhaupt“, bedauerte auch der Wirtschaftshistoriker Peter Groenewegen.

          Frankreich hat den Ruf, schon immer auf das Modell einer staatlich organisierten Volkswirtschaft gesetzt zu haben. Der umtriebige Minister Jean-Baptiste Colbert (1619–1683) des Sonnenkönigs Ludwig XIV. legte die Wurzeln für diesen Ansatz. Er modernisierte den französischen Staat, erweiterte und verschärfte die Regulierung, gründete Manufakturen und trieb so die französische Version des Merkantilismus voran, die den Export auf Kosten der Nachbarländer in den Vordergrund stellte. Die strikte Hierarchie unter der Allmacht des absolutistischen Königs ließ den Einzelnen wenige Freiräume. Mit der Französischen Revolution endete die starre Ständeordnung, doch die Philosophie des Gesellschaftsvertrages von Jean-Jacques Rousseau legte eine neue Grundlage für die starke Rolle des Staates. Von Beginn des 20. Jahrhunderts an sorgten zudem Kommunisten, Sozialisten, die Gewerkschaftsbewegung und später der Gaullismus für eine weitreichende Abkehr vom Liberalismus.

          Immer wieder siegreiche Momente für den Liberalismus

          Liberale Epochen gab es jedoch immer wieder. Das 19. Jahrhundert war auch in Frankreich weitgehend eine Zeit des freien Wirtschaftens. Als Bismarck in Deutschland eine landesweite Sozialversicherung einführte, lehnten dies die Franzosen zunächst ab, weil sie an ihren zahlreichen Genossenschaften festhalten wollten. „Der deutschen Rasse die autoritäre Lösung, die auf dem Staatssozialismus fußt, der romanischen Rasse die liberale Lösung, die auf dem Teilen und der Freiheit beruht“, schrieb Emile Cheysson, der Direktor der französischen Hüttenwerke Schneider Ende des 19. Jahrhunderts. Auch später hatte der Liberalismus immer wieder siegreiche Momente, etwa 1958, als der Ökonom Jacques Rueff, ein Mitbegründer der liberalen Mont-Pèlerin-Gesellschaft, Präsident Charles de Gaulle von einem beherzten makroökonomischen Reformprogramm überzeugte. Zwischen 1986 und 1988 privatisierte die bürgerliche Regierung unter dem sozialistischen Präsidenten François Mitterrand Dutzende von Unternehmen, senkte Steuern und trieb die Deregulierung voran.

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