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Fragen der Gerechtigkeit Das Jahr der Frau

Männer schaffen Kinder und Karriere. Frauen müssen sich entscheiden. Leider. Denn noch immer landen vor allem drei Typen von Müttern im Chefbüro: die übermenschlich Begabten, die Steinreichen oder diejenigen, deren Partner daheim bleibt.

© dpa Vergrößern Die Aussicht, beruflich alles erreichen zu können, verleitet dazu, privat alles aufs Spiel zu setzen

Wer dieses Jahr neben der Euro-Rettung im Kopf noch Platz für andere politische Themen hatte, kam an der Frauenfrage nicht vorbei. An zwei Frauenfragen, genau gesagt: Wieso gibt es so wenige Frauen in Spitzenpositionen? Und wieso kriegen so wenige Frauen Kinder? Dass Karriere und Kinderlosigkeit zusammenhängen, leuchtet ein. Man lese nur dies: „Ein Teil der deutschen Niedrig-Fertilitäts-Situation lässt sich aus dem niedrigen Geburtenniveau bei Hochqualifizierten erklären.“ So das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung.

Die Gleichung ist einfach: Je besser Frauen ausgebildet sind, desto höher steigen sie auf, aber desto weniger Kinder kriegen sie. Je mehr sie arbeiten, desto eher werden sie befördert, aber desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie Mutter werden. Was unter dem Strich steht, schrieb die Politikwissenschaftlerin Anne-Marie Slaughter im vorigen Herbst im Magazin „The Atlantic“: „Women still can’t have it all.“

Überall werde Frauen eingehämmert, beruflicher Erfolg und privates Glück sei einzig ihre Entscheidung. Wer alles will, kann alles schaffen. Tatsächlich aber, so Slaughter, schafften es vor allem drei Typen von Müttern ins Chefbüro: die übermenschlich Begabten, die Steinreichen oder diejenigen, deren Partner bereit ist, daheim zu bleiben.

Eine Gerechtigkeitsfrage

Eine These, die auch hierzulande zutrifft, allen Kitas und Elterngeldern zum Trotz. Sie betrifft nicht alle Frauen, sondern die Gruppe der Hochqualifizierten, das „boardroom material“, also Frauen, die nach oben streben. Für sie bedeutet „Having it all“ nicht nur, Kinder und einen interessanten Beruf zu vereinbaren, wie es zahllose Mütter schaffen. Nein, diese Frauen sind Luxusweiber, sie wollen Kinder und den Spitzenjob in ihrem interessanten Beruf. Ihre Wünsche klingen geradezu anmaßend. Aber wer sie ignoriert, wird auch 2030 noch Platz im Kopf lassen müssen für Frauenquoten und Fertilitätsfragen.

Denn solange Spitzenpositionen nicht in Teilzeit oder teils von daheim zu schaffen sind, solange Teilzeit-Frauen nicht befördert werden, solange Betreuungszeiten nicht zu Arbeitszeiten passen oder passende Betreuung unbezahlbar ist und solange es keine Karrieren für Mütter ab 45 gibt, deren Kinder aus dem Gröbsten raus sind - solange können Frauen nicht alles haben.

Ihre Ambitionen zu berücksichtigen ist aber eine Gerechtigkeitsfrage. Wählen zu müssen zwischen der großen Karriere oder der Großfamilie (oder der Aussicht, sich zwischen beiden aufzureiben), ist schmerzhaft und unzumutbar. Viele drücken sich - und treffen die Wahl doch. Die Aussicht, beruflich alles erreichen zu können, verleitet zu viele dazu, privat alles aufs Spiel zu setzen.

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Nun liegt die Frage nahe: Wer hat schon alles? Stehen Männer nicht vor derselben Frage? Nein, in dieser Grundsätzlichkeit nicht. Karrierebewusste Väter klagen über dieselbe Zerrissenheit wie Mütter und müssen noch zu oft Opfer für den Aufstieg bringen. Auch sie verpassen auf der Karriereleiter die ersten Schritte oder das erste Lächeln ihrer Kinder. Aber das Kinderkriegen an sich verpassen sie eben viel seltener. Sie können „alles haben“, auch wenn unterwegs zu wenig ankommt.

Die Lösung der Gerechtigkeitsfrage kann nicht sein, auch Männer vor die unzumutbare Wahl zu stellen. Daher liegt die Lösung nur zum Teil in privaten Abmachungen der Paare. Sie liegt vor allem in den Händen derjenigen, die die Bürowelt und die Karrierewege gestalten. Solange sie die Ausdauer Marathon laufender Singles höher schätzen als die der Marathon-Familienmanager, solange sie Vätern keine Karrierechancen in Teilzeit oder nach der Elternzeit aufzeigen, solange sie Kinder als Frauenquotenproblem sehen, wird sich wenig ändern. Sogar die Familienministerin sollte umdenken: „Ich kümmere mich nicht um mittelalte, kinderlose Männer“, sagt sie. Da haben wir das Problem.

Quelle: F.A.S.

 
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