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„Fracking“ Das Schiefergas spaltet Europa

 ·  Großbritannien will Vorreiter für das umstrittene „Fracking“ werden. Die Skepsis in Deutschland und anderen Ländern bleibt groß.

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In der Bäderstadt Bath geht die Angst um. Lokalpolitiker und Gewerbetreibende fürchten um den Tourismus in dem pittoresken englischen Städtchen, das für seine warmen Mineralquellen bekannt ist. Der Grund: Großbritannien will in Westeuropa Vorreiter bei der Ausbeutung sogenannter unkonventioneller Erdgasvorkommen werden. Kurz vor Weihnachten hat Energieminister Edward Davey ein zeitweiliges Verbot für das nicht nur auf der Insel umstrittene „Fracking“ aufgehoben. Bei dieser Fördermethode werden durch das Bohrloch mit hohem Druck und in großen Mengen Wasser und Chemikalien in das Schiefergestein gepresst, um es aufzusprengen und das Gas zum Fließen zu bringen. Ohne Fracking ist der Schiefergasschatz nicht zu heben. In den Vereinigten Staaten hat diese Methode bereits den Energiemarkt revolutioniert.

Fracking-Gegner in Bath und anderswo befürchten, dass der Chemiecocktail das Grundwasser vergiften könnte. 2011 verursachten zudem erste Probebohrungen in der Nähe des englischen Seebads Blackpool ein leichtes Erdbeben. Doch die Regierung in London hofft vier Jahrzehnte nach dem Beginn des Nordsee-Ölrauschs auf eine zweite Energie-Bonanza: Geologische Gutachten deuten darauf hin, dass im englischen Boden große Schiefergasvorkommen schlummern. Binnen weniger Jahre könnten landauf landab Dutzende von Bohrlizenzen vergeben werden. Finanzminister George Osborne hat „großzügige steuerliche Rahmenbedingungen“ für Investoren angekündigt.

Frankreich hat ein Fracking-Verbot erlassen

Mit ihrer Unterstützung für die Schiefergasindustrie setzt sich die britische Regierung von vielen anderen europäischen Ländern ab. In Deutschland ist die Skepsis groß, Frankreich hat ein Fracking-Verbot erlassen. Bulgarien und Rumänen haben zumindest zeitweilige Moratorien verhängt und damit den amerikanischen Energiekonzern Chevron (“Texaco“) ausgebremst. Fracking-Befürworter warnen, die Europäer liefen Gefahr, eine der größten Umwälzungen im globalen Energiegeschäft seit Jahrzehnten zu verpassen. Mit womöglich weitreichenden Folgen: „Europa muss sich darüber im Klaren sein, dass es auch um die Wettbewerbsfähigkeit seiner Industrie geht“, warnte Shell-Chef Peter Voser in einem Gespräch mit dieser Zeitung (F.A.Z. vom 15. Dezember).

Vor allem Nordamerika ist dank niedriger Erdgaspreise zum Schlaraffenland für Industrieunternehmen mit hohem Energiekostenanteil geworden. Auch deutsche Konzerne wie BASF und Bayer blicken deshalb bei Investitionsentscheidungen stärker nach Amerika als noch vor wenigen Jahren. Die Vereinigten Staaten sind das erste Land der Welt, in dem Schiefergasvorkommen im großen Stil ausgebeutet werden. Die Energiekosten sind dadurch drastisch gefallen: Der Erdgas-Spotpreis in Nordamerika liegt heute um mehr als 70 Prozent unter dem deutschen Gasimportpreis. Inzwischen werden in Amerika mit ähnlichen Fördermethoden auch bislang unerreichbare Ölvorkommen ausgebeutet. Im November prognostizierte die Internationale Energieagentur (IEA), die Vereinigten Staaten könnten in den kommenden Jahrzehnten weitgehend unabhängig von Öl- und Gasimporten werden.

In Deutschland und anderen europäischen Ländern geht es dagegen in der Debatte um das Schiefergas bisher nicht um den Wirtschaftsstandort, sondern um den Umweltschutz. Das Umweltbundesamt fordert unter anderem ein Fracking-Verbot in Wasserschutzgebieten. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) bilanzierte zwar im Mai in einem Gutachten, die Umweltrisiken des Fracking seien „gering“ und bei gründlicher Planung gut beherrschbar. In Nordrhein-Westfalen genehmigt die rot-grüne Landesregierung dennoch kein Fracking.

Auch in Schleswig-Holstein beschloss der Landtag Mitte Dezember einen Fracking-Bann. In Niedersachsen, wo schon heute fast das gesamte deutsche Erdgas mit konventionellen Methoden gefördert wird, ist die Politik dagegen aufgeschlossener: Der amerikanische Energieriese Exxon-Mobil (“Esso“) hat gerade gemeinsam mit Shell einen Antrag auf eine weitere Bohrung eingereicht. Auch Wintershall und andere Unternehmen wollen das Potential in Deutschland ausloten.

Der britische Energieökonom Dieter Helm von der Universität Oxford hält die europäischen Umweltschutzvorbehalte gegenüber dem Schiefergas für widersinnig. „Wir brauchen in Europa ein striktes Aufsichtsregime, sonst wird die Schiefergasförderung hier keine Akzeptanz finden“, sagt Helm. „Aber wenn wir das Schiefergas komplett blockieren, dann schaden wir der Umwelt massiv“, befürchtet Helm. „Der Kohlebergbau ist sehr viel umweltschädlicher als die Schiefergasförderung.“ Vor allem aber verweist der Energieexperte aus Oxford darauf, dass das vergleichsweise emissionsarme Erdgas dem Klimaschutz diene. In den Vereinigten Staaten verdrängt das Erdgas in der Stromerzeugung bereits die sehr viel schmutzigere Kohle.

Wie groß die Schiefergasvorkommen in Europa tatsächlich sind und ob sie rentabel gefördert werden können, ist bisher noch unklar. Das lässt sich erst mit zahlreichen Probebohrungen klären. Die Prognosen allerdings sind vielversprechend: Die Energieagentur hat errechnet, dass sich in Europa die Gasreserven durch das sogenannte unkonventionelle Erdgas wie Schiefer- und Kohleflözgas fast verdoppeln. In Deutschland schätzen die Geologen der staatlichen Rohstoffagentur BGR die förderbaren Vorkommen mit 0,7 bis 2,3 Billionen Kubikmeter. Beim heutigen Verbrauch würde das den deutschen Bedarf für bis zu drei Jahrzehnte decken - falls sich die Förderung nicht nur als technisch möglich, sondern auch als wirtschaftlich erweisen sollte.

Der Unsicherheitsfaktor der Schätzungen ist allerdings groß. Erst im Sommer hat Exxon-Mobil nach mehreren Fehlschlägen seine Schiefergas-Bohrungen in Polen gestoppt. Geologen gehen davon aus, dass das Land neben Frankreich über die größten Vorkommen in Europa verfügt. Und auch in den Vereinigten Staaten mussten trotz großer Euphorie nach zahlreichen Fehlschlägen bei Probebohrungen die geschätzten Reserven Anfang des Jahres um 40 Prozent deutlich nach unten korrigiert werden.

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