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Forschung Aktienhändler denken anders

31.10.2009 ·  Eine neue Forschungsrichtung bekommt Aufwind: Mit Hilfe der Neuroökonomie versuchen Wirtschaftswissenschaftler, den irrationalen Verbraucher zu verstehen. Die Uni Bonn ist Vorreiter in Europa. Auf dem Spiel steht richtiges Geld.

Von Corinna Budras
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Auf der Suche nach den Ursachen der Wirtschaftskrise hat sich schon so mancher ganz unbewusst in das Forschungsgebiet von Paul Glimcher und Elizabeth Phelps gewagt. "Was geht nur in diesen Köpfen vor?", fragen sich viele, die in diesen Zeiten das unheilvolle Zusammenspiel von verantwortungslosen Bankern, raffgierigen Anlageberatern und ahnungslosen Hausbesitzern analysieren.

Was für die meisten nur eine lapidare Frage ist, treibt die beiden Wissenschaftler von der New Yorker Elite-Universität NYU jeden Tag aufs Neue um: Glimcher gehört zu den Pionieren in der Neuroökonomie, einer noch jungen Forschungsrichtung, welche die Wirtschaftswissenschaft mit der Psychologie und der Neurowissenschaft verbindet. Seine Kollegin Phelps hat in den vergangenen Jahren einige aufsehenerregende Untersuchungsergebnisse auf diesem Gebiet vorgelegt.

Mit Hilfe von Brainscannern sehen die Forscher Versuchspersonen beim Entscheiden zu. Dabei liegen die Probanden in einer engen, monoton dröhnenden Röhre mit der technischen Bezeichnung "funktioneller Magnetresonanztomograph" (fMRT) und müssen in Sekundenschnelle darüber bestimmen, ob sie Geld investieren. 140 Mal drücken sie "ja" oder "nein". Ansonsten müssen sie nahezu regungslos verharren, damit sie die Computerbilder ihrer Gehirnaktivität nicht verfälschen. Die Umstände des Investments variieren, in einem Szenario können sie beispielsweise 16 Dollar verlieren oder 25 Dollar gewinnen, mit einer Chance von fünfzig zu fünfzig. Hier mag es um ein Experiment gehen. Doch auf dem Spiel steht richtiges Geld. Man braucht kein zweiter Einstein zu sein, um schnell dahinterzukommen, dass die Höhe des möglichen Gewinns diesen Deal besonders attraktiv macht.

Angstschweiß wegen „Verlustaversion“

Doch Phelps und ihre Mitarbeiter beobachten bei etwa der Hälfte der 30 Testpersonen ein Phänomen, das schon seit einiger Zeit unter der Bezeichnung "Verlustaversion" die Wissenschaft beschäftigt und den Anlegern den sprichwörtlichen Angstschweiß auf die Stirn treibt. Selbst wenn die Chancen gut stehen, gehen sie auf Nummer Sicher und investieren oft lieber gar nichts - deshalb ist auch die Börse im richtigen Leben bei Privatanlegern so unbeliebt. Auf dem Computerbild sehen die Forscher, woran das liegt: In solchen Momenten ist die Amygdala aktiv, eine Region im Gehirn, in der Gefühle wie Angst verarbeitet werden. Doch schon in der zweiten Runde des Experiments ändert sich das. Die Schweißausbrüche reduzieren sich, sobald den Testpersonen gesagt wird, dass sie wie Börsenhändler denken sollen: Nicht das einzelne Investment zählt, sondern das Portfolio als Ganzes. Durch einen kleinen Perspektivwechsel lassen sich Gehirn und Körper austricksen.

Experimente wie diese sollen klären, warum viele oft nicht das tun, was für einen "homo oeconomicus" wirtschaftlich am sinnvollsten ist. Nach diesem Idealbild der herkömmlichen ökonomischen Theorie handelt der Mensch stets rational und nutzenorientiert, doch die Realität sieht oft anders aus. Die Verwunderung über so manches offensichtlich irrationale Verhalten bewegt die Wirtschaftswissenschaften schon seit Jahrzehnten. Innovative Ökonomen versuchten deshalb bisher, die Risse im theoretischen Fundament mit Hilfe von psychologischen Erklärungen der Verhaltensökonomie zu kitten.

Wie der Klappentext eines Sciencefiction-Romans

Die Neuroökonomie geht nun noch einen Schritt weiter und nimmt Anomalien neurowissenschaftlich aufs Korn, die bislang mit den herkömmlichen Mitteln nicht zu erklären waren: Warum ist es für viele so schwer, sich aus 24 Marmeladensorten für eine zu entscheiden, obwohl für Ökonomen gilt: Je größer die Auswahl, desto besser? Warum zahlen Menschen bei Auktionen mehr für ein Kunstwerk als bei einem normalen Kauf? Die Ergebnisse dieser Studien werden nicht nur die Wirtschaftswissenschaften verändern, prophezeit Glimcher. Sie können auch ganz praktische Auswirkungen haben - auf die Politik genauso wie auf Unternehmen. Für den unbedarften Zuhörer klingt das Potential dieser Forschung wie der Klappentext eines Sciencefiction-Romans: "Inzwischen können wir uns das Gehirn anschauen und zu 75 Prozent sagen, wie impulsiv ein Mensch ist oder welche CD er kaufen wird", betont der Wissenschaftler.

Glimcher gehörte zu den ersten Wissenschaftlern, die vor rund zehn Jahren die Verschmelzung dieser drei eigenwilligen Disziplinen wagten. Zunächst arbeitete er als Neurobiologe und stieß dabei auf die Psychologie. Nach fünf Jahren an der New Yorker Universität NYU marschierte er 1999 auf der Suche nach neuen Forschungsgebieten über die Straße zu den Kollegen in die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät. Doch Glimcher biss auf Granit: "Sie sagten mir, ich solle zurückgehen und nie wiederkommen", erzählt er lachend. Das Letzte, was die Wirtschaftswissenschaft brauche, seien Neurowissenschaftler, erläuterten ihm die Kollegen damals. Die Skepsis unter den Ökonomen war weit verbreitet, einige glaubten nicht, dass ihnen ein Brainscanner neue Erkenntnisse liefern könnte. Sie kritisierten zudem, dass der neue Ansatz die traditionellen ökonomischen Modelle falsch interpretiere.

Was der Brainscanner möglich macht

Die Abfuhr konnte weder Glimcher noch die Entstehung einer neuen Forschungsrichtung aufhalten. Der Neurowissenschaftler begann, Kurse und Seminare zu besuchen, heute ist er Professor in allen drei Fachrichtungen. Gleichzeitig begannen auch andere Wissenschaftler, sich für die Materie zu interessieren. Anfang des neuen Jahrtausends traf sich eine kleine Gruppe von Forschern, die ähnliche Fragen wie Glimcher stellten. Mit der Erfindung des Brainscanners wenige Jahre zuvor war es nun möglich, Antworten auf diese Fragen zu finden. Nur wenig später stampften die Pioniere schon die ersten Forschungszentren aus dem Boden: Glimcher an der NYU gehörte ebenso dazu wie der Verhaltensökonom Colin Camerer am California Institute of Technology (Caltech) und Ernst Fehr an der Universität Zürich. Inzwischen arbeiten rund 55 Neuroökonomen an der NYU, wobei sich die Vertreter der drei Forschungsrichtungen in etwa die Waage halten.

Was noch immer etwas als Orchideenfach gilt, werde schon bald zum Standard gehören, prophezeit Glimcher, der auch zum Vorstand der Society for Neuroeconomics gehört. "In zwanzig Jahren werden die Studenten keinen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften mehr machen können, ohne auch etwas über das menschliche Gehirn zu wissen." Inzwischen gibt es auf der ganzen Welt Hunderte von Wissenschaftlern, die sich diese Fragen stellen. Doch der Stand der Technik setzt der Forschung noch immer Grenzen: Brainscanner arbeiten nach wie vor viel zu grob, um ein detailliertes Bild der Gehirnaktivitäten wiedergeben zu können. "Wir warten noch auf den nächsten Einstein der Brainscanner", scherzt Glimcher.

Die Qual der Wahl: Anomalien gibt es viele

In den vergangenen Jahren hat sich viel getan: Die Grundzüge des menschlichen Systems der Entscheidungsfindung seien inzwischen klar, sagt Glimcher. "Wir sind nun dabei, uns die Situationen anzuschauen, in denen Psychologen merkwürdige Anomalien festgestellt haben, die sie mit den herkömmlichen Mitteln der Wirtschaftswissenschaft nicht erklären können." Solche Anomalien gibt es viele: Die sprichwörtliche Qual der Wahl ist eine davon. Eine Sorte Marmelade aus einer Auswahl von dreien auszusuchen ist nicht schwer. Nahezu unmöglich wird es für viele allerdings, wenn die Auswahl auf 24 anwächst. Untersuchungen haben ergeben, dass das Gehirn auf Schwierigkeiten stößt, sobald mehr als sechs bis acht Möglichkeiten zur Verfügung stehen. "Das ist für einen Ökonomen rätselhaft, und Neurobiologen entwickeln nun Modelle, die solche Entscheidungen vorhersagen und schließlich auch umgehen können", sagt Glimcher.

Klare Auswirkungen haben diese Erkenntnisse etwa auf Pensionsfonds. Seit sich in den vergangenen Jahren die Auswahl um ein Vielfaches erhöht hat, ist das Interesse von Anlegern drastisch zurückgegangen. "Das Ziel muss sein, die Auswahl zu strukturieren", betont Glimcher. Schnell wird deutlich, dass zwei Herzen in seiner Brust schlagen. Als Wirtschaftswissenschaftler will er dem Verbraucher so viel Entscheidungsfreiheit wie möglich geben, doch der Neurologe weiß genau: Eine zu große Auswahl macht den Konsumenten nicht glücklicher, die Entscheidungen nicht effizienter.

Doch dieses Dilemma kann Glimchers Leidenschaft für sein Fachgebiet nicht schmälern: Immer wieder verweist er auf "bahnbrechende Erkenntnisse" - selbst wenn sie nicht von ihm stammen. Eine geradezu "wunderschöne" Studie habe seine Kollegin Elizabeth Phelps zu Auktionen vorgelegt, schwärmt er. Experten ist schon lange bekannt, dass bei Versteigerungen meistens zu viel geboten wird. Die Lust am Gewinnen wurde dafür lange Zeit als ein möglicher Grund für dieses unwirtschaftliche Verhalten zitiert. Phelps, die an der NYU ein Stockwerk unter ihrem Kollegen Glimcher residiert, hat mit Hilfe von Brainscannern und Verhaltensstudien nun festgestellt, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Menschen bieten zu viel, weil sie Angst vorm Verlieren haben. Auch die sonst eher nüchtern wirkende Forscherin gerät angesichts des überraschenden Studienergebnisses noch in Begeisterung. Dabei verhehlt sie nicht, dass diese Erkenntnis in der Praxis Auktionshäusern neue Möglichkeiten der Manipulation bietet, wenn sie diese Angst in ihren Präsentationen weiter schüren - eigentlich nicht das erklärte Ziel ihrer Forschungen.

Uni Bonn als Vorreiter in Europa

Die New Yorker Forscher mögen zu den Ersten gehören, die sich mit der Neuroökonomie beschäftigt haben, doch inzwischen sind schon weitere Institute auf diesen Zug aufgesprungen. In Europa hat sich die Universität Bonn zu einem Zentrum der Neuroökonomie entwickelt, betont Glimcher, der nur eine Einschränkung macht: "Zur vollen Reife entwickelt sich Europa erst dann, wenn das Max-Planck-Institut eine entsprechende Abteilung einrichtet."

Von diesem kleinen Seitenhieb lässt sich die Universität Bonn nicht beirren. Dort ist man gerade dabei, eine neue zentrale wissenschaftliche Einrichtung mit dem Titel "Center for economics and neuroscience" aufzubauen, erzählt der Wirtschaftswissenschaftler Armin Falk, der künftige geschäftsführende Direktor des Zentrums. Dabei wird er wie bisher eng mit seinen medizinischen Kollegen Bernd Weber und Christian Elger zusammenarbeiten. Die neue Forschungsstelle soll in der zweiten Hälfte des Jahres eröffnet werden, insgesamt acht neue Stellen werden dafür geschaffen.

Doch schon jetzt sind die Bedingungen auf dem Venusberg in Bonn günstig: Da den Forschern gleich zwei Scanner zur Verfügung stehen, ist selbst ein sogenanntes Hyperscanning möglich, bei dem zwei Testpersonen gleichzeitig untersucht werden, während sie interagieren. Falk und seine Kollegen Weber und Elger konnten dies schon nutzen, um zu zeigen, dass für Menschen als soziale Wesen nicht nur die Höhe des Gewinns eine Rolle spielt, wie dies in der traditionellen Volkswirtschaft so häufig angenommen wird. Auch der Vergleich zu den Einkünften anderer ist wichtig.

Falk, der in Zürich promovierte und sich habilitierte, beschäftigt sich seit zwei Jahren intensiv mit der Neuroökonomie. Auch in seinem Fall haben Mediziner den Anstoß für die Forschung gegeben. Doch mittlerweile ist auch der Bonner Wissenschaftler Feuer und Flamme für die Vielfältigkeit seines neuen Tätigkeitsgebiets: "Für mich ist es inzwischen vollkommen normal, dass ich mich morgens mit Arbeitsmarktfragen beschäftige, mittags mit einem Kollegen über ein Genprojekt unterhalte und abends mit einem anderen Kollegen über Bildgebung", schwärmt er. "Dabei habe ich nie das Gefühl, dass ich mich verbiegen muss. Es ist eigentlich immer das gleiche Erkenntnisinteresse, ähnliche Fragen, nur mit anderen Methoden."

Auch er glaubt an den nachhaltigen Einfluss, den diese neue Fachrichtung auf die Praxis haben wird: Konkrete Anwendungen gebe es bereits im Neuromarketing, mit dessen Hilfe Unternehmen die Vorlieben ihrer Kunden gezielt ansprechen können (Neuromarketing: Nackerte gehen immer). "Der Weg von der Erkenntnis zur Anwendung ist in diesem Bereich relativ kurz", sagt Falk und räumt ein, dass er in der Wirtschaftspolitik wesentlich länger ist: "Der Scanner wird nicht schon morgen die Politik völlig auf den Kopf stellen."

Große Hoffnungen außerhalb des Forschungslabors

Dabei sind die Hoffnungen, die in die Neuroökonomie gesetzt werden, außerhalb des Forschungslabors groß - besonders in Zeiten der globalen Wirtschaftskrise. In New York werden Glimcher und Phelps immer wieder mit der Frage bombardiert, welche neurologischen Entartungen diese Krise ausgelöst hätten. Doch Glimcher wehrt energisch ab: "Ich weigere mich, die Finanzkrise als ein Produkt der Irrationalität der Menschen zu beschreiben, denn ich glaube nicht, dass das stimmt." Er macht andere Gründe dafür verantwortlich: systematisch falsche Preisentscheidungen oder das Fehlen eines transparenten Marktes. Wirtschaftliche Phänomene wie Immobilien- oder Aktienblasen seien zwar ökonomisch bereits umfassend studiert, sagt er. "Aber neurologisch verstehen wir Spekulationsblasen überhaupt noch nicht." Er findet es sogar fraglich, ob die Neuroökonomie das überhaupt leisten muss: "Sie mag uns irgendwann einmal genau erklären können, warum das Verhalten von Individuen dazu führte, dass der Markt kollabierte", sagt er. "Aber um den Markt wiederherzustellen, dazu braucht man keine Neuroökonomie. Dazu reicht die traditionelle Ökonomie."

Auch in Bonn ist man vorsichtig: "Es ist immer noch ein großer Schritt vom Scanner zur Börse", warnt Falk. Allerdings spürt er durch das neugewonnene Interesse auch einen deutlichen Auftrieb für sein Forschungsgebiet: "Inzwischen ist wohl klargeworden, dass es hier nicht nur um solche sogenannten weichen Faktoren geht, die man sich abends mal anhören kann", bekräftigt Falk. "Wirtschaft funktioniert nur mit und durch diese Menschen, und die sind nun einmal erratische und manchmal auch völlig irrationale Wesen."

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