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Forschung : Aktienhändler denken anders

Durchleuchtet: Computerbild einer Kernspintomographie an der Uniklinik Bonn Bild: Edgar Schoepal

Eine neue Forschungsrichtung bekommt Aufwind: Mit Hilfe der Neuroökonomie versuchen Wirtschaftswissenschaftler, den irrationalen Verbraucher zu verstehen. Die Uni Bonn ist Vorreiter in Europa. Auf dem Spiel steht richtiges Geld.

          Auf der Suche nach den Ursachen der Wirtschaftskrise hat sich schon so mancher ganz unbewusst in das Forschungsgebiet von Paul Glimcher und Elizabeth Phelps gewagt. "Was geht nur in diesen Köpfen vor?", fragen sich viele, die in diesen Zeiten das unheilvolle Zusammenspiel von verantwortungslosen Bankern, raffgierigen Anlageberatern und ahnungslosen Hausbesitzern analysieren.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Was für die meisten nur eine lapidare Frage ist, treibt die beiden Wissenschaftler von der New Yorker Elite-Universität NYU jeden Tag aufs Neue um: Glimcher gehört zu den Pionieren in der Neuroökonomie, einer noch jungen Forschungsrichtung, welche die Wirtschaftswissenschaft mit der Psychologie und der Neurowissenschaft verbindet. Seine Kollegin Phelps hat in den vergangenen Jahren einige aufsehenerregende Untersuchungsergebnisse auf diesem Gebiet vorgelegt.

          Mit Hilfe von Brainscannern sehen die Forscher Versuchspersonen beim Entscheiden zu. Dabei liegen die Probanden in einer engen, monoton dröhnenden Röhre mit der technischen Bezeichnung "funktioneller Magnetresonanztomograph" (fMRT) und müssen in Sekundenschnelle darüber bestimmen, ob sie Geld investieren. 140 Mal drücken sie "ja" oder "nein". Ansonsten müssen sie nahezu regungslos verharren, damit sie die Computerbilder ihrer Gehirnaktivität nicht verfälschen. Die Umstände des Investments variieren, in einem Szenario können sie beispielsweise 16 Dollar verlieren oder 25 Dollar gewinnen, mit einer Chance von fünfzig zu fünfzig. Hier mag es um ein Experiment gehen. Doch auf dem Spiel steht richtiges Geld. Man braucht kein zweiter Einstein zu sein, um schnell dahinterzukommen, dass die Höhe des möglichen Gewinns diesen Deal besonders attraktiv macht.

          „In zwanzig Jahren werden die Studenten keinen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften mehr machen können, ohne auch etwas über das menschliche Gehirn zu wissen.” Elisabeth Phelps und Paul Glimcher, Professoren der New York University

          Angstschweiß wegen „Verlustaversion“

          Doch Phelps und ihre Mitarbeiter beobachten bei etwa der Hälfte der 30 Testpersonen ein Phänomen, das schon seit einiger Zeit unter der Bezeichnung "Verlustaversion" die Wissenschaft beschäftigt und den Anlegern den sprichwörtlichen Angstschweiß auf die Stirn treibt. Selbst wenn die Chancen gut stehen, gehen sie auf Nummer Sicher und investieren oft lieber gar nichts - deshalb ist auch die Börse im richtigen Leben bei Privatanlegern so unbeliebt. Auf dem Computerbild sehen die Forscher, woran das liegt: In solchen Momenten ist die Amygdala aktiv, eine Region im Gehirn, in der Gefühle wie Angst verarbeitet werden. Doch schon in der zweiten Runde des Experiments ändert sich das. Die Schweißausbrüche reduzieren sich, sobald den Testpersonen gesagt wird, dass sie wie Börsenhändler denken sollen: Nicht das einzelne Investment zählt, sondern das Portfolio als Ganzes. Durch einen kleinen Perspektivwechsel lassen sich Gehirn und Körper austricksen.

          Experimente wie diese sollen klären, warum viele oft nicht das tun, was für einen "homo oeconomicus" wirtschaftlich am sinnvollsten ist. Nach diesem Idealbild der herkömmlichen ökonomischen Theorie handelt der Mensch stets rational und nutzenorientiert, doch die Realität sieht oft anders aus. Die Verwunderung über so manches offensichtlich irrationale Verhalten bewegt die Wirtschaftswissenschaften schon seit Jahrzehnten. Innovative Ökonomen versuchten deshalb bisher, die Risse im theoretischen Fundament mit Hilfe von psychologischen Erklärungen der Verhaltensökonomie zu kitten.

          Wie der Klappentext eines Sciencefiction-Romans

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