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Weckruf an die Politik : Deutschland muss schleunigst innovativer werden!

Mach es zu deinem Projekt: Röntgenlaser in Schenefeld in Schleswig-Holstein Bild: dpa

Der deutschen Wirtschaft geht es blendend, doch immer noch bleibt Potential ungenutzt. Spitzenvertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft richten nun einen dramatischen Appell an die Politik – und legen eine To-Do-Liste vor.

          Offensichtlich ist Gefahr im Verzug: Die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft und die großen Wissenschafts- und Forschungsorganisationen haben erstmals gemeinsam Anliegen und Empfehlungen für die Innovations- und Forschungspolitik der nächsten Legislaturperiode formuliert. Damit soll auf die Parteien in Berlin noch vor Beginn der Sondierungsgespräche für eine kommende Regierungskoalition Druck ausgeübt werden. Das Ziel: Wissenschaft und Innovation sollen im politischen Handeln höhere Priorität genießen.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          „Deutschlands wirtschaftlicher Erfolg basiert wesentlich auf der Stärke seines Wissenschafts- und Innovationssystems. Es ist das Fundament für Wohlstand, Wachstum, Arbeitsplätze, soziale Integration und die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Standorts“, heißt es in der gemeinsamen Erklärung der insgesamt 22 Unterzeichner. Dafür seien die Ausgaben für Forschung und Entwicklung bis zum Jahr 2025 auf einen Anteil von 3,5 Prozent am Bruttoinlandsprodukt zu steigern. Derzeit liegt dieser Anteil bei 3 Prozent.

          Ruf nach mehr Freiräumen zur Erprobung neuer Techniken

          „Hierzu gehört die Einführung einer steuerlichen Forschungsförderung“, heißt es in dem Schreiben. Die bewährte Projektförderung dürfe durch die Einführung einer steuerlichen Forschungsförderung aber nicht beeinträchtigt werden. Und externe Entwicklungsaufwendungen, also auch die Auftragsforschung, sollten als förderfähig berücksichtigt werden.

          Unterzeichnet haben das Schreiben unter anderen Andreas Barner, der Präsident des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft, Acatech-Präsident Dieter Spath, der Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung, Helmut Schwarz, Dieter Kempf, der Präsident des BDI, Reimund Neugebauer, der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, die Präsidenten der Industrieverbände BPI, Bitkom, BDEW, VCI, VDMA, ZVEI und VDA sowie der Deutschen Forschungsgemeinschaft, des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, der Helmholtz-, Leibniz- und Max-Planck-Gesellschaft, der Deutschen Forschungsgemeinschaft – und weitere. Es ist eine eindrucksvolle Liste.

          Empfohlen wird auch Grundsätzliches: Stets sollten in Zukunft die Auswirkungen, die geplante Gesetzesvorhaben auf den Forschungs- und Innovationsstandort Deutschland haben können, vorher untersucht werden. „Dabei sollten negative und positive Auswirkungen bei künftigen Gesetzgebungsverfahren geprüft werden“, wird gefordert. Und: Förderschwerpunkte sollen künftig stärker als bisher „ressortübergreifend und methodisch konsistent“ festgelegt werden. Ganz offensichtlich gibt es in diesen Punkten einigen Nachholbedarf.

          „Der gemeinsame Aufruf aus Forschung, Wissenschaft und Wirtschaft beweist: Deutschland muss schleunigst innovativer werden. Unternehmen sind bereit, aber es liegt auch am Staat, endlich bessere Bedingungen herzustellen. Wir brauchen entscheidende Schritte nach vorn, Mut statt Verzagtheit, Zukunft statt Status quo“, sagt BDI-Präsident Kempf zu dem Forderungskatalog.

          Das deutsche Wissenschaftssystem sei zwar kooperativ, arbeitsteilig und regional breit aufgestellt, heißt es in dem Schreiben weiter. Die Chancen dieser „verteilten Exzellenz“ müssten künftig aber besser genutzt werden als heute. Sowohl die Grundlagenforschung als auch die anwendungsnahe Forschung müssten ihren Stellenwert zwar behalten. Zusätzlich zu den bestehenden Förderstrukturen sollten aber weitere Fördermaßnahmen für neuartige Forschung, Kooperation und Transfer konzipiert werden: „Dabei sollten auch vollständig neue Förderformate in den Blick genommen werden, die auf disruptive Innovationen abzielen“, heißt es.

          Knowhow in Innovationen überführen

          Industrie und Wissenschaft benötigten darüber hinaus mehr Freiräume, um neue Technologien und Geschäftsmodelle praxisnah zu erproben. Gelobt werden vor allem sogenannte „Reallabore“ zur Überprüfung sowohl technischer als auch sozialer Innovationen. Sie böten die Möglichkeit, früh in einen gesellschaftlichen Dialog zu treten – und das vor allem auf den Feldern Digitalisierung sowie Energie- und Mobilitätswende, an denen Wissenschaft und Wirtschaft gleichermaßen arbeiteten.

          Die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sei weiter zu fördern und mit dem Ziel zu stärken, vollständige Innovationskreisläufe von der Grundlagenforschung bis in die Anwendung und zurück abzubilden. Dazu sollten zusätzliche Förderformate entwickelt werden, die auf engen Entwicklungspartnerschaften zwischen Forschungseinrichtungen und Unternehmen mit komplementären Interessen und Knowhow aufbauten und diese in Innovationen überführen.

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          Die Nachfrage nach Hochschulbildung werde weiterhin hoch bleiben, sind die Unterzeichner überzeugt. Der Ausbau des Hochschulsystems sei richtig gewesen, müsse jetzt aber um eine zukunftsweisende Qualitätsoffensive ergänzt werden für die entsprechende Mittel bereitzustellen seien. Die Lehr- und Lernbedingungen an den Hochschulen müssten gestärkt, die Beschäftigungsmöglichkeiten in der Wissenschaft verbessert und die Chancen der Digitalisierung und der wissenschaftlichen Weiterbildung ausgeschöpft werden.

          Daneben seien die duale Ausbildung und die betriebliche Weiterbildung entscheidend, um dem Fachkräftemangel zum Beispiel im IT-Bereich effizient entgegenzuwirken. Zugleich solle Deutschland seine starke Position nutzen, um international qualifiziertes Personal für Wirtschaft und Wissenschaft zu rekrutieren. Übersetzt heißt das: Auch hier geschieht bisher zu wenig.

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