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Flugzeugbau : Schlaflos aus Seattle

Klar zum Start: Die Boeing 737 ist bereit für ihren Testflug. Holger Appel war mit seiner Kamera dabei. Bild: Holger Appel

Neuwagenauslieferungen kennt jeder. Aber wo kommt ein neues Flugzeug her? Und was geschieht damit, bevor die ersten Passagiere einsteigen? Wir haben eine Boeing 737 abgeholt.

          Sollen die Kerle in Toulouse ihren Airbus 320 verkaufen wie warme Croissants, das bekommen ihre in Europa umherwuselnden Flugzeuge nicht geboten: einmal die weite Welt sehen, einmal über den großen Teich fliegen. Ja, inzwischen ist der Alltag eingekehrt, und die Ziele heißen Paderborn, Saarbrücken, Frankfurt oder München. Wenn es gut läuft Palma de Mallorca oder Heraklion. So wie die der Airbusse auch.

          Zwischenlandung zum Nachtanken im Schneegestöber
          Zwischenlandung zum Nachtanken im Schneegestöber : Bild: Holger Appel
          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Aber wer hat schon Seattle in seinem Logbuch aufzuweisen? Wer hat an Tag eins seines Daseins ein Polarlicht in schwarzer Nacht gesehen? Wer hat auf dem Weg nach Hause einen Tankstopp mit heftigen 26 Knoten Seitenwind samt Vollgas-Start morgens im Schneegestöber auf Island überstanden? D-ABMB hat all das erlebt. D-ABMB ist nämlich eine Boeing 737-800 von Air Berlin, Geburtsort Seattle, Gattung der fliegenden Arbeitstiere für Kurz- und Mittelstrecke, Überführung gen Heimat am 1. Dezember 2011, der vermutlich längste Flug ihres Lebens.

          Nur eine Handvoll Menschen an Bord

          Einem Auslieferungsflug, einem Delivery Flight, wie die Airliner sagen, wohnt stets etwas Mystisches inne. Es ist nicht der erste Flug eines Flugzeugs, aber es ist der erste ins richtige Leben, in das des Liniendienstes, in dem es höchstens fünf Stunden (es bleibt rund eine Stunde Reserve) in der Luft bleibt und dazu da ist, möglichst oft mit möglichst vielen Gästen abzuheben und Geld zu verdienen. Ein Delivery Flight ist ganz anders. An Bord von D-ABMB sind nur die Kapitäne Tim Techt und Josef Hartl, vier ausgewählte Flugbegleiter und eine Handvoll Techniker, die sich in der auf 186 Passagiere ausgelegten Kabine zu verlieren scheinen. Fünf Tage zuvor ist das Team um Techt nach Seattle gereist und hat das neue Flugzeug unter die Lupe genommen. Die Prozedur folgt festen Vorgaben, sie ist penibel - und für Überraschungen gut.

          Techt ist technischer Pilot von Air Berlin. Der 35 Jahre alte Kapitän gehört zu der 14 Mann kleinen Gruppe von Piloten der deutschen Fluggesellschaft, die nach spezieller Fortbildung Auslieferungsflüge absolvieren dürfen. Bis er mit der Maschine die Heimreise antritt, war sie schon mindestens zweimal in der Luft. Weil der Buchstabe A in der Nomenklatur der Amerikaner mit dem lästigen Konkurrenten aus Europa besetzt ist, beginnt in Seattle das luftige Leben mit B. Genaugenommen mit B1. Das ist ein erhebender Moment. 48 Tage Endfertigung in den riesigen Montagehallen der 381.000 Quadratmeter großen Fabrik im Vorort Renton sind vergangen, seit die in einem anderen Werk vorgefertigte, 1 bis 2,5 Millimeter starke Aluminiumzelle mit dem Zug eingetroffen ist.

          Test in maximaler Flughöhe

          Jetzt ist daraus ein Flugzeug geworden, 189 Liter Farbe haben der im Werk mit grünem Schutzlack überzogenen Hülle ihr Markengesicht gegeben. Die Probe aller Proben führen zwei Piloten von Boeing aus. Sie heben das neue Flugzeug erstmals in die Luft und prüfen in einem drei Stunden dauernden Test Flugeigenschaften, Steuerung, Navigation, Funk und was sonst noch alles für einen sicheren Flug notwendig ist.

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