16.03.2008 · Der europäische Rüstungskonzern EADS hat mit dem Gewinn eines Auftrags der amerikanischen Luftwaffe einen spektakulären Erfolg errungen. Die Branche spricht von einem Jahrhundertauftrag. Verlierer ist der amerikanische Wettbewerber Boeing, der als klarer Favorit galt. In Amerika macht sich nun eine beunruhigende protektionistische Debatte breit.
Von Roland LindnerAuf den Triumph folgt das Bangen: Der europäische Rüstungskonzern EADS hat vor zwei Wochen mit dem Gewinn eines Auftrags der amerikanischen Luftwaffe einen spektakulären Erfolg errungen. Zusammen mit dem amerikanischen Partner Northrop Grumman soll EADS der Luftwaffe Tankflugzeuge im Wert von 35 Milliarden Dollar liefern. Die Branche spricht von einem Jahrhundertauftrag, wie es ihn lange nicht mehr geben wird. Verlierer ist der amerikanische Wettbewerber Boeing, der als glasklarer Favorit galt. Es ist ein neuer Rückschlag für das Unternehmen, das schon in seiner Zivilsparte mit Verzögerungen beim neuen Flugzeugmodell 787 kämpft. Jetzt macht sich in Amerika eine beunruhigende protektionistische Debatte breit, die im laufenden Wahljahr noch gewaltige Dimensionen annehmen könnte. Boeing selbst hat offiziell Protest eingelegt. Das ist eine Gefahr für EADS, denn schon öfter sind in Amerika Aufträge im Nachhinein gekippt worden.
Hat Boeing die notwendige Handhabe? Boeing sucht die Schuld bei anderen, obwohl der Tankerwettbewerb für das Unternehmen ein beschämendes Kapitel mit eigenen Fehlern und Verfehlungen war. Im Jahr 2001 hatte Boeing den Auftrag schon einmal gewonnen, leistete sich dann aber eine peinliche Korruptionsaffäre. Boeing umwarb eine Mitarbeiterin der Luftwaffe, die in den Tankerauftrag eingebunden war, mit der Aussicht auf eine lukrative Stelle. Die Kungeleien flogen auf, mehrere Beteiligte mussten ins Gefängnis, und im Jahr 2004 wurde Boeing der Auftrag wieder entzogen. Eine Schlüsselrolle spielte dabei John McCain, der designierte Kandidat der Republikaner im Präsidentschaftswahlkampf, der damals im Senat auf eine Neuausschreibung gedrungen hatte.
Boeing ging mit Arroganz in den Wettbewerb
Von Läuterung war bei Boeing aber auch nach der Neueröffnung des Rennens nichts zu spüren, an dem nun auch EADS teilnahm. Boeing ging mit Arroganz in den Wettbewerb und führte das gefährliche Argument der Unvermeidlichkeit an: Niemals würde die Luftwaffe EADS einen solchen Auftrag geben, tönte Boeing damals und erklärte sich so selbst zum haushohen Favoriten. So siegesgewiss Boeing war, so hungrig waren die Europäer, die bislang im amerikanischen Rüstungsgeschäft kaum eine Rolle gespielt hatten. EADS holte in einem taktisch geschickten Manöver Northrop Grumman ins Boot. Sie betrieb aggressiv Lobbyarbeit und zog einflussreiche Politiker mit dem Versprechen von Arbeitsplätzen auf ihre Seite. Und offenbar haben die Europäer der Luftwaffe ein attraktives und tadelloses Angebot gemacht.
Mit ihrer Entscheidung hat die Luftwaffe einen Aufschrei ausgelöst. Politiker klagen, dass Amerikaner Arbeitsplätze an Franzosen verlieren und Rüstungskompetenz ins Ausland abwandert. Das ist blanker Unsinn. Es ist sogar unmöglich, zu sagen, wer mehr Arbeitsplätze in Amerika schaffen würde, zumal beide Seiten mit einem globalen Netz an Zulieferern arbeiten. Zudem sind Tanker kein hochsensibles Produkt, über das ein Land seine militärische Stärke definieren würde. Sie sind Hilfsmittel zum Auftanken von Militärflugzeugen. Geflissentlich übersehen wird nun auch, dass Globalisierung keine Einbahnstraße ist. Schließlich kämpft auch Boeing im Ausland um Aufträge und würde sich dort nicht gerne aus patriotischen Gründen disqualifizieren lassen.
Boeing spielt die Opferolle
Ebenso wenig überzeugend wie die schrillen Parolen von Politikern ist der Protest von Boeing selbst. Boeing gibt die Rolle des übertölpelten Verlierers, der Opfer einer Verschwörung geworden ist. Das Unternehmen sieht sich von der Luftwaffe in die Irre geführt, die alle Hebel in Bewegung gesetzt habe, um EADS entgegenzukommen. So habe die Luftwaffe Boeing im Glauben gelassen, ein kleineres Flugzeug zu wollen, um sich dann aber doch für das größere Modell der EADS zu entscheiden. Es ist von außen kaum zu beurteilen, was genau den Ausschlag gegeben hat. Aber sollte EADS allen Ernstes in Washington mächtigere Verbündete haben als Boeing? Das ist schwer vorstellbar. Auch die Mutmaßung, die Luftwaffe wollte Boeing einen Denkzettel für den damaligen Korruptionsfall verpassen, scheint etwas weit hergeholt. Die Luftwaffe dürfte vielmehr alles darangesetzt haben, den Zuschlag für EADS sachlich wasserdicht begründen zu können - wohl wissend, wie viel Zündstoff darin steckt.
Die Empörung kommt bislang vor allem von Politikern aus Regionen, in denen Boeing fertigt. Auf nationaler Ebene hält sich der Aufschrei noch in Grenzen. Hillary Clinton und Barack Obama zeigten zwar Unverständnis für die Entscheidung, aber noch in recht gemäßigtem Ton. Deren erste Priorität ist das Duell untereinander um die Kandidatur der Demokraten. Wenn hier der Sieger feststeht und der Gegner John McCain heißt, könnte das Tankerthema schnell hochgekocht werden. Die Versuchung wird groß sein, McCain wegen der damaligen Opposition gegen Boeing als Vernichter von amerikanischen Arbeitsplätzen zu attackieren. Es ist zu hoffen, dass es so weit nicht kommt, auch wenn Boeing mit seinem Protest versucht, die Stimmung anzuheizen. Die Meinungsmache kann nicht davon ablenken, dass Boeing selbst Verantwortung für das Tankerdebakel trägt.
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