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Fluglärm St. Florian am Flughafen

17.12.2011 ·  Wenn die Flugzeuge über die Viertel der Wohlhabenden fliegen, werden aus Vielfliegern Flughafengegner.

Von Christian Siedenbiedel
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Der heilige Florian, ein im Jahre 304 verstorbener Märtyrer der Kirche, ist zum Namenspatron für das Prinzip geworden, eine allgemeine Regel mit aller Entschiedenheit von jenem Spezialfall zu trennen, in dem man selbst betroffen ist. „Oh heiliger Sankt Florian / Verschon unser Haus / Zünd andere an“, pflegten Bauherren früher bisweilen über ihren Türbalken zu schreiben.

Nirgendwo lässt sich das Floriansprinzip eindrücklicher beobachten als in Gegenden, in denen es einen großen Flughafen gibt – der im Idealfall gerade erweitert wird. Nehmen wir als Beispiel Frankfurt, das gerade eine neue Landebahn bekommen hat und um ein Nachtflugverbot ringt, und Berlin, dessen neuer Großflughafen Schönefeld nach wie vor die Gemüter erhitzt. In beiden Städten stehen die Vorteile eines erweiterten Flughafenangebots (Arbeitsplätze, Bequemlichkeit) den Nachteilen durch Lärm und Umweltbelastung entgegen.

Auffällig ist nun, wie die Zustimmung zu Erweiterung und nächtlichen Flügen unmittelbar mit der Frage korreliert, ob das Haus der befragten Person nach dem jeweiligen Stand der Planung in der Nähe der Flugrouten liegt – oder weit davon entfernt. Und zwar unabhängig davon, welche politische Meinung die Person hat, wie sie vorher über das Projekt dachte, welcher gesellschaftlichen Schicht sie angehört – und welche logistischen Vorteile sie vom erweiterten Flughafenangebot hat.

Schön beobachten kann man das am Taunus. Die bewaldeten Höhenlagen im Frankfurter Umland galten lange Zeit als kaum vom Fluglärm betroffen. Hier wohnten viele Wohlhabende; Bankmanager zum Beispiel, die von der Nähe zum internationalen Flughafen profitierten. Weil man im Taunus aber wenig vom Lärm hörte, waren viele von ihnen in Pro-Ausbau-Initiativen engagiert. Das änderte sich schlagartig, als die Flugrouten verlegt wurden und man auf einmal auch in schönen Taunusörtchen hin und wieder leichte Geräusche von startenden oder landenden Maschinen wahrnehmen konnte. Auf einmal fanden sich die distinguierten Gattinnen der Bankvorstände als Wutbürger in Anti-Fluglärm-Initiativen wieder.

Eine gewisse Ähnlichkeit hat die Entwicklung in Frankfurt selbst. Dort wurde die CDU zur engagierten Partei der Nachtfluggegner, weil die Wohnviertel ihrer bürgerlichen Kernwählergruppen nun auch vom Fluglärm betroffen sind. Der bisherige hessische Innenminister Boris Rhein will dort Oberbürgermeister werden – und setzte sich kurzerhand an die Spitze der Bewegung. Und das, obwohl die Landes-CDU den Flughafenausbau maßgeblich befördert hatte.

Wie man es macht, hatte den Taunusbewohnern und Frankfurtern das Berliner Umland vorgemacht: Die wohlhabende Bevölkerung in Potsdam und Zehlendorf war gut genug organisiert, um die Flugrouten abzuwehren – obwohl sie vom Flughafen so weit entfernt ist, dass die Flugzeuge dort schon eine gewisse Höhe erreicht hätten.

Stattdessen wird nun über der Gegend am Müggelsee geflogen, die auch nicht wirklich arm ist – aber dort wohnen nicht die Berliner Meinungsführer. Interessant ist auch, dass manche der Leute, die in Zehlendorf gegen die Flugrouten kämpften, vorher an vorderster Front gegen die Schließung des innerstädtischen Flughafens Tempelhof protestiert hatten: Also kein Problem damit hatten, dass im armen Neukölln die Propellermaschinen mit wenigen Metern Abstand über die Mietskasernen flogen, während sie selbst in ihren Wohngegenden eine Flughöhe von 3000 Metern als völlig unzumutbar empfanden.

Im Taunus wie in Potsdam und Zehlendorf gilt offenkundig: Die Tatsache, dass man Globalisierungsgewinner ist, bedeutet keineswegs, dass man die lästigen Begleiterscheinungen der Globalisierung gern zu tragen bereit ist – zumindest, sobald es um die eigene Ruhe geht.

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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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