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Fluglärm in Frankfurt Brüllen, Dröhnen, Pfeifen

 ·  Objektiver Krach und subjektive Ängste: Immer mehr Frankfurter leiden unter dem Fluglärm. Er weckt Existenzsorgen - um den Immobilienwert und um das Lebensmodell.

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© Helmut Fricke Es hätte so ruhig sein können. Isses aber nicht

Der Mann, so viel ist klar, war dem Wahnsinn nahe. „All dieses entsetzliche Randalieren, dieses unaufhörliche Brüllen, Dröhnen, Pfeifen, Zischen, Fauchen, Hämmern, Rammeln, Klopfen, Schrillen, Schreien und Toben, womit der Mensch seine Aktionen zu begleiten pflegt“: Das hielt der Philosoph Theodor Lessing schon vor hundert Jahren nicht mehr aus. Seine Verzweiflung schrie er in der 1908 erschienenen Broschüre „Der Lärm“ in die Welt hinaus: eine „Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens“.

Elke Baumanns Patienten geht es heute ebenso. Sie können nicht schlafen, fühlen sich erschöpft, können sich im Job nur schwer konzentrieren. Schuld ist der Frankfurter Flughafen, der im Zuge des Ausbaus seine Flugrouten verschoben hat. Seither sind die Flieger auch in Stadtteilen und Kommunen zu hören, in denen es zuvor über Jahrzehnte ruhig war - trotz Flughafennähe.

Krach ist immer subjektiv

Seit dem Zeitpunkt hat Elke Baumann, Psychotherapeutin in Bad Soden, verstärkten Zulauf von Fluglärm-Patienten. Jeder Flieger lässt sie zusammenzucken, sogar nachts schrecken sie aus dem Schlaf, schweißgebadet. Ist es wirklich so viel lauter geworden? Oder weckt jeder Flieger versteckte Ängste mancher Menschen, an deren Ort sich objektiv so viel gar nicht verändert hat?

“Der akute Krach ist das eine“, erklärt die Therapeutin. In manchen Gemeinden im Rhein-Main-Gebiet ist er tatsächlich unerträglich. „Das andere sind die Existenzängste, die das Rauschen in den Menschen weckt.“ Damit meint Frau Baumann die Angst um den Wert der Immobilie, die Furcht, dass alles, was die Menschen sich über Jahrzehnte vor Ort aufgebaut haben, zerfällt, ohne dass sie daran etwas ändern könnten. Was, wenn das Haus, in dem ein Großteil des Vermögens steckt, plötzlich kaum noch etwas wert ist? In manchen Stadtteilen, wie im Villenviertel Sachsenhausen, ist dies bereits der Fall. Für die Menschen geht es dann um alles - um ihr Vermögen, um ihren Rückzugsort, ihr Lebensmodell.

Es sind die vermögenden Bürger, die zittern. „Mit jedem Flieger bricht da die Idee einer heilen Welt zusammen“, sagt Baumann. Dass manch ein Nachbar seelenruhig weiterschläft, die Flieger gar nicht wahrnimmt, beruhigt die Patienten überhaupt nicht. Denn Krach ist immer subjektiv. Nicht die Dezibel sind im Zweifel entscheidend, ob Geräusche als Lärm empfunden werden, sondern die Ängste (oder auch der Ärger), die Menschen damit verbinden. Sie breiten sich viel weiter aus als die tatsächlich unerträgliche Flugbeschallung. Es könnte ja noch schlimmer kommen, mutmaßen die Menschen, die neuerdings das Brummen der Maschinen wahrnehmen und die Kondensstreifen am Himmel sehen.

Flughafenausbau entscheidet womöglich Oberbürgermeisterwahl

Es muss gar nicht mal ein Großprojekt wie der Ausbau des Frankfurter Flughafens sein, der den Menschen mit einem Mal vor Augen führt, dass ihre Großstadt-Idylle, die sie sich mit Haus und Garten geschaffen haben, bedroht ist. Häufig reichten schon eine neue Schnellstraße, neue ICE-Strecken, ein Einkaufszentrum oder auch die röhrenden Blätter eines Windparks. Ein einziges Neubauprojekt kann die Welt der Anwohner auf den Kopf stellen. Die Losung „Lage, Lage, Lage“ der Immobilienexperten kehrt sich zu ihrem Nachteil: Der Richtwert, gestern noch zur Ermittlung des Vermögens herangezogen, fällt in dem Augenblick, in dem sich das Umfeld plötzlich ändert. Das Haus ist das gleiche, sein Wert aber schrumpft.

Schon Theodor Lessing erkannte das paradoxe Phänomen: Einerseits wächst das Ruhebedürfnis des Menschen mit dem Grad der Zivilisation, andererseits bringt eben diese Zivilisation und das Erfordernis der Mobilität immer neue Geräuschquellen hervor. In den Frankfurter Villenvierteln stößt beides aufeinander. „Kultur ist Entwickelung zum Schweigen“, schrieb Lessing. Niemand rede so knapp, schlicht und leise wie ein englischer Gentleman. Gleichzeitig gebe es ein neues Geräusch, „unvergleichlich schrecklicher“ als der alte Lärm der Barbarei: „Ich denke an die transportablen Maschinen, die Straßenlokomobile, das Motorrad, den Motoromnibus, vor allem aber an das Automobil.“ Und das Flugzeug, ließe sich heute hinzufügen.

Der Krach des urbanen Lebens kann wie bei Elke Baumanns Patienten psychisches Leiden hervorrufen. Er kann in den Bürgern aber auch eine solche Wut entfesseln, dass sie selbst Wahlen zum Kippen bringen. Der Flughafenausbau in Frankfurt ist seit Wochen Grund für Massenproteste von betroffenen Bürgern. Und er entscheidet am heutigen Sonntag womöglich die Oberbürgermeisterwahl in Frankfurt, bei der ein Nachfolger für die CDU-Frau Petra Roth gewählt wird.

Bei Verkauf droht ein Abschlag

Denn in nicht wenigen Stadtteilen, die neuerdings vom Fluglärm betroffen sind, wohnt bürgerliches Publikum. Der lange sicher geglaubte Wahlsieg des CDU-Kandidaten Boris Rhein ist deshalb längst nicht mehr garantiert. Denn dieser pochte am wenigsten unter allen Amtsanwärtern auf Einschränkungen für die neue Landebahn, um den Lärm zu drosseln. Was ihm die vielen Parteianhänger in den lärmbetroffenen Stadtvierteln nun übelnehmen. Nun könnte es Boris Rhein ergehen wie Stefan Mappus vor einem Jahr. Der ehemalige Ministerpräsident Baden-Württembergs und vehemente Kernenergie-Befürworter verlor die Landtagswahl, kurz nachdem das Atomkraftwerk in Fukushima explodiert war. Die Bilder einer möglichen Katastrophe frisch vor Augen reichten, um die Wähler gegen ihre Stammpartei und die Atommeiler in ihrer Nähe stimmen zu lassen. Rheins Fukushima könnte die Landebahn werden.

Erstaunlicherweise finden sich unter den Flughafen-Protestlern auch viele Anhänger des Fliegens. Während die Ehemänner unter der Woche durch die Welt jetten, gehen die Ehefrauen gegen den Fluglärm auf die Straße. Einen Widerspruch sehen sie darin nicht. Schließlich wollen auch - beziehungsweise gerade - Manager nachts und am Wochenende ihre Ruhe. Dafür sind sie ja bewusst in Gegenden gezogen, die entweder weit weg vom Flughafen liegen, oder sie haben einen Aufpreis für die ruhigen Wohnviertel in Kauf genommen. Und nun droht ihnen ein Abschlag, wenn sie ihr Haus künftig verkaufen wollen.

Wie schnell der Preisverfall tatsächlich eintritt und in welchem Ausmaß, ist aus den Statistiken noch nicht genau abzulesen. Das städtische Vermessungsamt aber, das die Bodenrichtwerte festlegt, hat nun die Werte in den neu betroffenen Stadtteilen um fünf bis sieben Prozent gesenkt, in den anderen Vierteln dafür um 15 Prozent angehoben. „In Sachsenhausen stehen mittlerweile einige Villen zum Verkauf“, bestätigt die Maklerin Lydia Ishikawa. „Da sind die großen Gärten so gut wie wertlos, weil nicht nutzbar.“ Von einer generellen Flucht will sie dagegen nichts wissen.

Das Geld vom Flughafen wischt die Existenzangst beiseite

Generell geraten die Immobilienpreise in und um Frankfurt nicht ins Rutschen. Im Gegenteil: Seit 2005 sind die Preise um mehr als 30 Prozent gestiegen, auf lange Sicht sogar noch stärker. Und alle Prognosen deuten darauf hin, dass das Niveau weiter in die Höhe klettert, weil immer mehr Menschen in die Region ziehen wollen, attraktiver Wohnraum aber knapp ist.

Wie objektiver Lärm und subjektive Ängste korrelieren, zeigt das „Casa“-Projekt, mit dem der Flughafen in vom Fluglärm betroffenen Zonen die Häuser aufkauft. Dabei geschehe „Denkwürdiges“, berichtet Hessens Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP). Viele Verkäufer ziehen anschließend nicht aus, sondern wohnen weiter als Mieter. Das Geld vom Flughafen wischt die Existenzangst beiseite, und es schläft sich wieder angenehmer - selbst wenn es am Himmel höllisch laut zugeht. So subjektiv kann die schwindende Angst vor objektivem Wertverlust der Immobilie sein.

Auch der Philosoph Lessing zeigte sich am Ende versöhnlich. „Ich weiß nicht, was sein wird, noch wie es sein wird“, schloss er. „Aber Lärm wird sicher dabei sein. Ich werde mich nicht mehr wehren, sondern nach der Wand kehren, und auch testamentarisch keine andere Bitte mehr hinterlassen als die, dass an meinem Grabe nicht etwa noch ein Böller abgeschossen wird.“

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Jahrgang 1969, Korrespondent für Wirtschaftspolitik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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