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Veröffentlicht: 23.07.2016, 10:14 Uhr

Flughafen Hahn Blind vor der Babyöl-Connection

Der Hahn-Skandal und kein Ende: Neue Details zum geplatzten Flughafengeschäft erhöhen den Druck auf die Landesregierung und KPMG. Ein früherer Ermittler äußert scharfe Kritik.

von Marco Tripmaker
© Frank Röth Drohende Insolvenz: Regionalflughafen Hahn im Hunsrück

In dem gescheiterten Geschäft um den Regionalflughafen Hahn in Rheinland-Pfalz hat es offenbar noch mehr Pannen gegeben als bislang bekannt. Die Beratungsgesellschaft KPMG verzichtete bei der Due-Dilligence-Prüfung des Bieters „Shanghai Yiqian Trading Company“ (SYT) nicht nur komplett auf die Überprüfung der Geschäftsadresse, sondern ließ auch den Check der sozialen Netzwerke vollkommen außen vor.

Der F.A.Z. liegen Dokumente vor, aus denen hervorgeht, dass zum Investor-Check für einen solch bedeutsamen Millionenvertrag vom rheinland-pfälzischen Innenministerium und von KPMG nur 3000 Euro angesetzt wurden. Insgesamt entstanden dem Land Rheinland-Pfalz bisher aus der Beauftragung von KPMG für den Verkaufsprozess in Hahn seit 2012 Beratungskosten von 6,25 Millionen Euro.

Ein Kenner legt jetzt mit der Kritik noch mal nach. „Es ist unbedingt notwendig, Social Media, Domainrecherchen und Checks der Geschäftsadressen bei solchen Prüfungen zu berücksichtigen. Hätte man dies getan, dann wären sicher sehr früh Zweifel an der Seriosität der SYT und der Gesellschafter aufgekommen“, sagt Jörn Weber.

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Der frühere Kriminalist, der sich mit dem Fall beschäftigt hat, beklagt zudem weitere fatale handwerkliche Fehler. Weber ist Geschäftsführer des Unternehmens Corma für Wirtschaftsermittlungen und Intelligence-Lösungen aus Brüggen (Nordrhein-Westfalen).

Kein ernstzunehmender Alternativ-Investor

Nach Informationen der F.A.Z. gibt es – anders als von der Landesregierung derzeit zu hören ist – keinen ernstzunehmenden Alternativ-Investor mehr zur Übernahme des hoch defizitären Flughafens, so dass in den nächsten Monaten die Insolvenz der Gesellschaft droht.

Dem rheinland-pfälzischen Innenministerium – das Land hält 82,5 Prozent der Anteile der Flughafen Frankfurt-Hahn GmbH – wirft Weber Blauäugigkeit vor: „Man hat dem Gutachten blind vertraut ohne jegliches, kritisches Hinterfragen der vielen unbestätigten Informationen. Offenbar gab es einen großen politischen Druck“, sagt Weber. Wie die F.A.Z. aus Politikkreisen in Mainz erfuhr, gab es für den Flughafenverkauf am Ende lediglich SYT als einzigen Bieter.

Aus der Landesregierung war stets kolportiert worden, dass immer noch zwei weitere konkrete Kaufangebote vorgelegen hätten. Doch diese potentiellen Käufer waren offenbar vorher abgesprungen. Das Land hingegen wollte den Verkauf seiner Anteile wohl noch vor der Sommerpause und angesichts der mehr als 2000 gefährdeten Arbeitsplätze in Hahn unbedingt durchdrücken. Koste es, was es wolle. Der Sprecher des Innenministeriums bestätigte jetzt auf Anfrage, dass die „Bieter 2 und 3“ während des Verkaufsverfahrens keine weiteren Unterlagen mehr eingereicht hatten.

Babyöl im Portfolio

Das Land Rheinland-Pfalz hatte die Verkaufsverhandlungen mit dem chinesischen Investor SYT Ende Juni abgebrochen, nachdem die erste Rate des Verkaufspreises von rund 13 Millionen Euro nicht eingegangen war. Es besteht der Verdacht, dass gefälschte Bankbelege im Spiel waren. „Es fehlen einfach Angaben, die absolut zu den Standards gehören. Es wird für den Kunden nicht exakt dokumentiert, wo man genau recherchiert hat, und es fehlen Beziehungsdiagramme zu Gesellschaftern, Firmen, Adressen und E-Mail-Adressen“, sagt Weber.

Nach seiner Auffassung ist es heutzutage unabdingbar, Recherchen in sozialen Netzwerken wie Facebook oder LinkedIn mit in die Erstellung eines Gutachtens einzubeziehen. „Es sei denn, der Kunde möchte dies nicht, um den privaten und öffentlichen Bereich zu trennen. Aber hier überwiegt eindeutig das berechtigte Interesse des Landes an der Nutzung dieser öffentlich zugänglichen Daten.“

Im Falle des Gesellschafters Kyle Wang, der zehn Prozent der SYT hält, hätte KPMG schon weit im Voraus wissen müssen, dass dessen Geschäftsfelder überhaupt nicht zu dem eines Flughafen-Investors passen: So zeigt er in einem Facebook-Eintrag aus Malaysia, dass offenbar auch Babyöl zu seinem Portfolio gehört.

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