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Fließband, Schlaflabor und Öffentlicher Dienst „Es gab Momente da wollte ich alles hinschmeißen“

17.02.2009 ·  Als ich nach Deutschland ging, gab meine Mutter mir 200 Mark mit, ein paar Gläser eingelegte Gurken und ein paar Wurstdosen. Für meinen Lebensunterhalt tat ich alles: Putzen, Kochen, am Fließband arbeiten und im Schlaflabor. Heute habe ich es geschafft. Niemals habe ich es bereut.

Von Katarzyna Zielonka
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Ich bin in einem kleinen Dorf im Osten Polens geboren. Bis zum 15. Lebensjahr hatten wir keinen Fernseher. Bis 17 hat meine Mutter mir und meinen beiden Brüdern Kleider selbst genäht. Mein Vater war Deutschlehrer in unserer Dorfschule und meine Mutter eine Buchhalterin in einer großen kommunistischen LPG. Ich war auf der Allgemeinbildenenden Oberschule die Beste in Deutsch, wollte aber immer Politologie studieren. In unserem kleinen Dorf gab es damals kaum Möglichkeiten, Kassetten, oder deutsch- bzw. englischsprachige Bücher zu kaufen. Wir haben lediglich alte DDR-Bücher zur Verfügung gehabt, Radio Free Europe und mehr nicht.

Auf die staatliche Universität zu kommen war fast unmöglich. Auf einen Studienplatz bewarben sich um die 16 Abiturienten. Jeder von uns wollte raus in die große Welt. Und die große Welt war für uns die nächste Großstadt Lublin. Uns hat aber nicht an Einfallsreichtum, Engagement, Eifer und Konsequenz gefehlt. Wir konnten uns immer bestens arrangieren.

200 Mark und ein paar Gläser eingelegte Gurken

Drei Jahre studierte ich Deutsch als Fremdsprache (heute studiert man das Fach als Bachelor) weil ich die Welt sehen wollte. Die Welt der Dichter und Denker. Die Welt der 68er Generation. Meine Diplomarbeit über den Mauerfall schrieb ich auf einem Autohof bei einem Iraner in Hannover, bei dem ich mal in den Sommerferien als Studentin ausgeholfen habe. Als Studentin gab ich damals jeden Penny für Reisen aus. Ich kannte nach kurzer Zeit besser Deutschland als meine Heimat Polen. Ob Heidelberg, Weimar, Oktoberfest oder Berlin - überall fühlte ich mich wohl, war überwältigt von der Vielfalt der Ideen, Kulturen, Weltanschauungen, die das Land prägen.

Ich habe beschlossen, hier meinen Traum zu verwirklichen. Nach Beendigung meiner Ausbildung in Polen beschloss ich nach Hessen zu ziehen. Meine Mutter gab mir damals 200 Mark in die Tasche, ein paar Gläser eingelegte Gurken, ein paar Wurstdosen, machte ein Kreuz auf meiner Stirn und sagte: „Geh wohin dich das Schicksal treibt“

In den Ferien am Fließband gearbeitet, nachts im Schlaflabor

Ich habe von Polen aus alles organisiert. Ein Studentenzimmer reserviert, bei der Krankenkasse angemeldet. In der ersten Woche schlug ich die Zeitung auf und fing an nach Stellen zu suchen, um als Studentin nebenher zu arbeiten. So habe ich mich bei privaten Haushalten beworben, als Babysitter, Reinigungskraft, Köchin oder Fensterputzerin.

Es gab Momente da wollte ich alles hinschmeißen. Das Studium der Politikwissenschaft und Rechts- und Wirtschaftswissenschaften war sehr anspruchsvoll. Nichts für jedermann. Sehr oft bin ich über Büchern eingeschlafen, bin hin und her gehetzt, habe kaum Studentenleben gehabt, da ich meinen Lebensunterhalt selbst bestreiten musste. Meine Noten waren aber exzellent. Ich habe in den Ferien am Fließband gearbeitet. In den letzten drei Jahren vorm Abschluss nachts im Schlaflabor 30 Stunden in der Woche. Tagsüber gelernt, gelesen, geschrieben. Für das verdiente Geld bin ich in der Welt umher gereist.

Jetzt bin ich 32, besitze die deutsche Staatsbürgerschaft, arbeite im Öffentlichen Dienst und bereue meine Entscheidung bis jetzt nicht. Hier habe ich alles gefunden: Freiheit, würdevolles Leben, Wohlstand, Vielfalt und Respekt. Es ist bestimmt manchmal nicht leicht. Und von der Mentalität her bin ich immer noch eine Polin. Aber ich würde das alles noch einmal machen.

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