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Veröffentlicht: 09.01.2014, 17:38 Uhr

Fleischatlas 2014 Trog, Teller und Sonntagsbraten

In Deutschland werden etwa 750 Millionen Tiere im Jahr verwertet. Der Fleischkonsum sinkt zwar leicht. In anderen Teilen der Welt aber nimmt der Hunger darauf stark zu.

von , Berlin
© F.A.Z. Schlachtungen in Deutschland 2012

Der Fleischhunger in den entwickelten Ländern der Erde ist schon jetzt gigantisch - in Zukunft werden aber auch die Menschen in den Schwellenländer deutlich mehr Fleisch essen wollen als bisher. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sowie die Heinrich-Böll-Stiftung, die den Grünen nahesteht, warnen angesichts dieser Entwicklung vor verheerenden Folgen für Umwelt und Klima. Die politischen Entscheidungsträger müssten „endlich kapieren“, dass es eine Wende geben müsse und nicht weiter auf die übliche industrielle Art und Weise Fleisch produziert werden könne, sagte Barbara Unmüßig, Vorstand der Böll-Stiftung, am Donnerstag in Berlin. Dort stellten die beiden Organisationen den „Fleischatlas 2014“ vor.

Henrike Roßbach Folgen:

Den Daten dieses Reports nach wird die Fleischproduktion auf der Welt bis zum Jahr 2050 auf jährlich fast 470 Millionen Tonnen steigen. Das wären 150 Millionen Tonnen mehr als heute. Vor allem bei Schweinen und Geflügel ist das Wachstum rasant, weil diese Tierarten wenig Platz brauchen und teures Futter gut verwerten. Alarmierend daran ist aus Sicht von BUND und Böll-Stiftung, dass ein rasanter Anstieg der Fleischproduktion mit einer vermehrten Nutzung von Ackerflächen für Futterpflanzen einhergeht. Dieses Land stünde dann nicht mehr zur Verfügung, um Nahrungsmittel für Menschen anzubauen; Unmüßig warnte in der Folge vor steigenden Land- und Lebensmittelpreisen.

70 Prozent Fläche für die Futterproduktion

70 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen würden derzeit für die Futterproduktion genutzt, sagte Reinhild Benning, Agrarexpertin des BUND. Allerdings fallen darunter auch Wiesen und Weiden, auf denen Rinder grasen und die in der Regel nicht ohne weiteres für den Anbau von Nahrungsmitteln verwendet werden könnten. Gemessen an der wirklichen Ackerfläche, wachsen auf etwa einem Drittel Tierfutterpflanzen wie Soja.

Supermarkt - Fleisch © dpa Vergrößern Im Supermarkt: Fleisch ohne Ende

Dennoch warnte Unmüßig von der Böll-Stiftung, dass sich der Zielkonflikt zwischen Tank - Stichwort Biogasanlagen -, Teller und Trog weiter verschärfen werde. Bis Mitte des Jahrhunderts wird der Bedarf an Sojafutter dem „Fleischatlas“ nach von 260 Millionen Tonnen im Jahr auf mehr als 500 Millionen Tonnen steigen. Wegen des großen Flächenbedarfs für das Tierfutter könne das „Menschenrecht auf Nahrung“ weltweit nicht eingelöst werden, kritisierte Unmüßig. Benning vom BUND verwies zudem darauf, dass die Weidehaltung zugunsten der Stallhaltung abnehme. Diese „Entkopplung von der Fläche“ führe zu einem Entsorgungsproblem bei der Gülle und letztlich zu einer Belastung des Wassers mit Nitrat.

Doppelt so viel Fleisch wie empfohlen

Jeder Deutsche hat 2011 im Schnitt 60 Kilogramm Fleisch gegessen. Das waren zwar mehr als zwei Kilo weniger als im Jahr davor. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung allerdings empfiehlt höchstens halb so viel Fleisch, wie derzeit hierzulande auf den Tisch kommt. Unmüßig von der Böll-Stiftung warb am Donnerstag für den „Sonntagsbraten“ - also höchstens ein- bis zweimal in der Woche Fleisch zu essen, dafür aber aus ökologischer oder tiergerechter Haltung. Noch sind die Unterschiede zu den Entwicklungsländern groß. In Afrika beträgt der durchschnittliche Fleischkonsum weniger als 20 Kilogramm pro Kopf, weltweit sind es 43 Kilogramm. China ist mit 50 Millionen Tonnen der weltgrößte Produzent von Schweinefleisch - noch allerdings stammt die Hälfte davon aus kleinbäuerlichen Betrieben. In Deutschland werden im Jahr 750 Millionen Tiere geschlachtet.

Der Deutsche Bauernverband betonte anlässlich der Veröffentlichung des „Fleischatlas“, dass der Fleischkonsum in Deutschland seit Jahrzehnten rückläufig sei. Zudem sei Billigfleisch aus Deutschland ein Mythos, sagte Bauernpräsident Rukwied. Nach Angaben des EU-Statistikamtes Eurostat sei Fleisch in Deutschland Mitte 2013 gut 28 Prozent teurer gewesen als im EU-Durchschnitt. Die Exportsubventionen für EU-Fleisch seien alle gestrichen worden. In Deutschland sei die Tierhaltung zudem sehr wohl flächengebunden. „90 Prozent der Futtermittel kommen aus dem Inland“, sagte Rukwied.

Quelle: F.A.Z.

 

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