Als die Bank von England, damals die private Bank des britischen Königs, im frühen achtzehnten Jahrhundert ein erstes eigenes Gebäude in der Threadneedle Street errichtete, war dies zwar stattlich, mit einer tempelartigen Fassade, doch keineswegs dominant in der City. Das überragende Gebäude blieb die nahe St.-Paul's- Kathedrale. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg war die Kirche mit 111 Metern das größte Gebäude der Stadt. Erst in den sechziger Jahren wurden höhere Bürowolkenkratzer errichtet. Inzwischen überragen ein Dutzend Geschäfts- und Bankentürme die Kathedrale. In vielen Metropolen beherrschen heute die Türme der Hochfinanz die Skyline.
Woher kommt das enorme Wachstum des Finanzsektors, das sich auch architektonisch zeigt? Was ermöglicht die angeblich so starke Wertschöpfung? „Wunder oder Illusion?“ Unter diesem Titel haben drei Ökonomen der Bank of England, darunter Andrew Haldane, der oberste Fachmann für Finanzstabilität, soeben eine Studie veröffentlicht, die sich äußerst kritisch mit dem volkswirtschaftlichen Beitrag des Finanzsektors beschäftigt. Ihre These: Der Finanzsektor sei maßlos aufgebläht. Es gab kein „Produktivitätswunder“, wie vielfach behauptet, sondern eine systematische Unterschätzung von Risiken. Daraus folgten Scheingewinne ohne volkswirtschaftlichen Wert.
Rasender Wachstum des Finanzsektors
Die Zahlen zum raschen Wachstum der Banken in den vergangenen drei Jahrzehnten, die Haldane präsentiert, beeindrucken: Während sich die Wirtschaftsleistung im Vereinigten Königreich zwischen 1980 und 2008 verdoppelte, schaffte der Finanzsektor eine Verdreifachung. Sein Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg von 5 auf 8 Prozent. Von den späten vierziger bis in die siebziger Jahre machten die Bruttogewinne des Finanzsektors durchschnittlich 1,5 Prozent aller Gewinne aus, 2008 waren es 15 Prozent.
In den Vereinigten Staaten gab es eine ähnliche Entwicklung: Dort wuchs der Anteil des Finanzsektors von 2 auf heute 8 Prozent des BIP. Nach Daten des „Banker Magazine“ berichteten die tausend größten Banken der Welt 2007/2008, kurz vor der großen Krise, insgesamt fast 800 Milliarden Dollar Gewinne - 150 Prozent mehr als zur Jahrtausendwende.
Was wertvoll schien, war oft Illusion
Doch was ist Gold, was ist Katzengold in den Bilanzen? Viele „Werte“ entpuppten sich in der Krise als Illusion. Und auch der volkswirtschaftliche Beitrag der Banken, ihre „Bruttowertschöpfung“, sei nach der gängigen Messung grob überzeichnet, meint Haldane. Theoretisch kann man das BIP auf drei Arten berechnen: über die Entstehung, die Verwendung oder die Verteilung. Bei der letzten Methode wird von den Gehältern und Boni sowie den Gewinnen im Finanzsektor auf seinen volkswirtschaftlichen Beitrag geschlossen. Das ist aber recht trivial und ökonomisch wenig aussagekräftig.
Anspruchsvoller ist eine Berechnung über die Entstehungsseite des BIP. Dabei kommt es auf die Wertschöpfung an. Bei vielen Bankgeschäften, etwa einer Überweisung oder eine Beratung, ergibt sich die Wertschöpfung aus den Gebühren, die der Kunde zahlt, abzüglich der Kosten der Bank für Personal, Mieten, IT-Infrastruktur und andere Ausgaben.
Problem: Das Risiko ist im Nachhinein größer als erwartet
Was aber ist die Wertschöpfung bei einem zinstragenden Kredit, der aus dem Nichts geschaffen wird? Bringen mehr und mehr Kredite immer mehr Wertschöpfung? Für diese schwierigen Fragen, die Haldane und seine Mitautoren aufgreifen, wird seit den neunziger Jahren international das FISIM-Konzept (Financial Intermediation Services Indirectly Measured) genutzt.
Hier wird der „Mehrwert“ eines Kredits als Differenz aus dem Zins für das Darlehen und einem Referenzzinssatz berechnet. Der Referenzsatz ist im Wesentlichen der Zins für risikolose Ausleihungen zuzüglich einer passenden Risikoprämie. Die direkte Wertschöpfung der Bank ist also, Kapital zu vermitteln und ein Risiko zu übernehmen. Indirekt ergibt sich ein weiterer volkswirtschaftlicher Ertrag, wenn - so die Theorie - produktive Investitionen ermöglicht werden, welche insgesamt mehr Wohlstand für die Gesellschaft bringen.
Doch was, wenn sich das Risiko im Nachhinein (ex post) als viel größer herausstellt und die Investition scheitert? Was, wenn die Risiken insgesamt unterschätzt wurden? Dann war auch der Referenzzins zu niedrig angesetzt. „In Zeiten, wenn das Risiko steigt, kann der Beitrag des Finanzsektors zur Realwirtschaft überschätzt werden“, schreibt Haldane. Zwar habe der Finanzsektor viel Risiko getragen, doch das allein sei ja noch keine produktive Tätigkeit. So betrachtet erscheint auch das „Produktivitätswunder“ der Banker, das bis in die Krise andauerte, in anderem Licht: Nach den gängigen Statistiken konnten diese nämlich zwischen 1995 und 2007 ihre Produktivität jährlich um 2,2 Prozent steigern - wahre Supermänner also, die weit über dem Durchschnitt der restlichen Wirtschaft mit 0,5 bis 1 Prozent Zuwachs der Arbeitsproduktivität standen.
„Risikoillusion wird mit Absicht gemacht“
Sieht man genauer hin, so hat dieses „Wunder“ vor allem damit zu tun, dass die Banker immer größere Hebel für ihre Geschäfte einsetzten, kritisiert Haldane. Sie nahmen immer weniger Eigenkapital und spekulierten mit immer mehr Fremdkapital. Das trieb die Eigenkapitalrendite in luftige Höhen. Von den siebziger Jahren bis zur Krise verdreifachte sie sich in Großbritannien auf mehr als 20 Prozent, etwa das Doppelte des Werts in der übrigen Wirtschaft. Und es steigerte auch die Gehälter der Banker auf etwa das Doppelte des mittleren Einkommens der restlichen Wirtschaft. Von „Exzessen“ spricht Haldane. Eine Vermutung ist zudem, dass es in manchen Bereichen des Banking wenig Wettbewerb gibt, so dass die Banker dort Marktmacht haben und extra hohe Gewinne einstreichen.
Das vermeintliche Wunder der Banker beruhte nach Haldane auf einer Risikoillusion: In seinem Fazit wird er noch deutlicher: „Risikoillusion ist kein Unfall, sie wird mit Absicht gemacht. Es ist im Interesse der Bankmanager, Illusionen wie Wunder aussehen zu lassen.“ Darauf sollte niemand mehr reinfallen. Solch scharfe Analysen aus der altehrwürdigen Bank of England werden die Banker in den hohen Türmen aufhorchen lassen.
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