21.04.2009 · Bis zum Sommer 2007 lief die Weltwirtschaft auf hohen Touren. Die Verbraucher konsumierten immer mehr, oft kreditfinanziert. Doch diese Ära ist vorbei. Nach dem Eindämmen der Krise dürfte es selbst unter günstigen Umständen keine Rückkehr zum früheren Verhalten geben.
Von Benedikt FehrBis zum Sommer 2007 liefen Weltwirtschaft und Welthandel auf hohen Touren. Rund um den Globus ist dies ungezählten Menschen zugute gekommen. Doch hatte der Zuwachs einen Pferdefuß: Er wurde zunehmend mit dem „Wachstumshormon“ Schulden aufgeputscht, ging mit immer größeren Ungleichgewichten in Handel und Kapitalverkehr einher. Ausgelöst durch die Krise am amerikanischen Hypothekenmarkt ist nun ein harscher Anpassungsprozess in Gang gekommen. So wird die deutsche Wirtschaftsleistung, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP), in diesem Jahr vermutlich um fünf Prozent schrumpfen, auch die Weltwirtschaft wird kontrahieren, zum ersten Mal seit Jahrzehnten. Die Vermögenseinbußen bemessen sich nach Billionen Euro. Weitere magere Jahre stehen bevor.
Motor der Weltwirtschaft war lange der amerikanische Verbraucher: Weil die Preise der Eigenheime stiegen, fühlte er sich reicher. Die Folge: Er konsumierte mehr, oft kreditfinanziert. Mit dem Konsum stieg der Import: Viele Länder waren nur zu bereit, den Bedarf zu decken, um Arbeitsplätze in der heimischen Exportindustrie zu schaffen. Sie waren deshalb auch bereit, den Export durch Kredite zu fördern. Exemplarisch steht China für eine Politik, die den Waren- und Kapitalexport mit Hilfe staatlicher Eingriffe in den Devisenmarkt sprunghaft steigerte. Als Nebenwirkung dieser Export- und Wachstumsförderung haben sich Chinas Währungsreserven seit der Jahrtausendwende auf zuletzt fast 2000 Milliarden Dollar mehr als verzehnfacht. Jetzt bangt Peking um die Wertbeständigkeit dieses Devisenschatzes. Das verdeutlicht: Beide Länder, jedes auf seine Weise, haben über ihre Verhältnisse gelebt.
Jetzt sparen die Amerikaner wieder mehr
Ähnliches gilt für viele Volkswirtschaften. So haben sich auch die Bürger in einigen Ländern im Osten Europas einem Konsumrausch hingegeben; sie fanden Finanziers im Westen, der damit seiner heimischer Industrie Absatzmärkte erschloss und den Banken neue Kreditkunden. Auch innerhalb des Euro-Raums haben sich enorme Ungleichgewichte aufgebaut. Griechenland zum Beispiel hatte 2008 ein Leistungsbilanzdefizit in Höhe von 14 Prozent des BIP, dreimal so hoch wie das der Vereinigten Staaten.
Seit Ausbruch der Krise gehen die Uhren anders. Auf einmal sorgen sich Schuldner wie Gläubiger, ob die Kredite nicht eine zu große Last sind: Weil sie sich wegen des Verfalls der Eigenheimpreise ärmer fühlen, sparen die Amerikaner wieder mehr, konsumieren weniger. Als Folge sind ihre Importe drastisch gefallen – und im Gegenzug die Exporte von China, Japan und auch Deutschland. Gleichzeitig schränken westeuropäische Banken ihre Kredite an osteuropäische Schuldner ein. Nun stockt der Export auch dorthin.
Ein Rückzugsgefecht, das hoffentlich von Erfolg gekrönt ist
Diese Anpassungsreaktionen der Konsumenten, Banken und Unternehmen haben einen Abschwung ausgelöst, der sich im Wechselspiel zwischen realer Wirtschaft und den Märkten für Immobilien, Aktien und andere Finanztitel eigendynamisch verschärft. Dabei führt – als ein Beispiel für eine der Wirkungsketten – mehr Arbeitslosigkeit zu weniger Konsum, mit ungünstigen Folgen für die reale Wirtschaft; im Extrem führt dies zudem zu mehr zahlungsunfähigen Haushalten, mehr Zwangsversteigerungen von Eigenheimen, weiterem Verfall der Immobilienpreise, weniger Bautätigkeit, höheren Verlusten der Banken – und mehr Bedarf an staatlicher Stützung.
Derzeit arbeiten die Regierungen richtigerweise daran, diese deflationären Abwärtsspiralen zu bremsen. Auf den ersten Blick paradox erscheinend, haben sie deshalb auf das Kernproblem der Krise – das Übermaß an Verschuldung – mit der Aufnahme von Schulden reagiert: um riesige Bankenrettungspläne sowie Konjunkturprogramme zu finanzieren. Aber das ist ein „Finale Furioso“, ein Rückzugsgefecht, das hoffentlich von Erfolg gekrönt ist.
In den bisherigen Importländern werden die Verbraucher auf Dauer weniger konsumieren
Nach Eindämmen der Krise dürfte es dann aber selbst unter günstigen Umständen keine Rückkehr zum früheren Verhalten geben: Denn in den bisherigen Importländern werden die Verbraucher wegen ihrer hohen Schulden auf Dauer weniger konsumieren, gleichzeitig werden die Banken vorsichtiger agieren. Und in vielen Ländern wird die Bevölkerung unter den höheren Steuern stöhnen, die benötigt werden, um die Zinsen auf die Staatsschulden zu zahlen.
Auch in Zukunft wird es Welthandel geben, Länder mit Handelsüberschüssen und solche mit Defiziten. Doch spricht einiges dafür, dass die privaten Akteure mit dem „Wachstumshormon“ Schulden künftig behutsamer umgehen werden, ebenso – hoffentlich – Notenbanken und Regierungen. Die Politik sollte nicht versuchen, diese marktwirtschaftlichem Kalkül entspringende langsamere Gangart zu konterkarieren, zum Beispiel indem sie den Außenhandel durch Subventionen aufbläht. Vielmehr sollte sie die Marktkräfte stärken, etwa durch Verzicht auf Eingriffe in den Devisenmarkt. Oder durch den Abschluss der Doha-Welthandelsrunde; das baute Handels- und Investitionsbarrieren ab. Kreditvergabe und Schuldenmachen sind unverzichtbarer Treibstoff für das Wirtschaftswachstum. Aber zu stark eingesetzt – das ist eine Lehre dieser Krise –, wird daraus ein zerstörerisches Gift.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.567,10 | +0,90% |
| EUR/USD | 1,2493 | −0,38% |
| Rohöl Brent Crude | 106,66 $ | −0,56% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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