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Finanzkrise Weltwirtschaft aus dem Gleichgewicht

14.11.2008 ·  Europas Politiker wecken zu hohe Erwartungen vor dem Weltfinanzgipfel in Washington. Populistische Schnellschüsse dienen der Sache nicht, wie die emotional aufgeladene Suche nach Schuldigen in Deutschland zeigt.

Von Holger Steltzner
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Europas Politiker wecken zu hohe Erwartungen vor dem Weltfinanzgipfel in Washington (siehe auch: Ein Gipfeltreffen der überzogenen Erwartungen). Die Pläne der EU, die vom Neuentwurf des Weltfinanzsystems bis zur Verwirklichung nur hundert Tage vorsehen, können nicht an einem Wochenende verhandelt werden. Damit das Weltfinanzsystem nicht noch einmal mit Billionen Steuergeldern gerettet werden muss, sind bessere Regeln für die Märkte dringend nötig. Das verlangt zunächst eine Analyse der Fehlerursachen und danach von den Politikern das Bohren dicker Bretter. Populistische Schnellschüsse dienen der Sache nicht, wie die emotional aufgeladene Suche nach Schuldigen in Deutschland zeigt. Hier stehen vor allem Banken, Hedge-Fonds und Ratingagenturen am Pranger. Sie sind aber nur Teil des Problems, nicht die Lösung. Warum fragt denn niemand nach den Wirtschaftsprüfern, die alle Bankgeschäfte geprüft und testiert haben, teils sogar außerhalb der Bilanz?

Aus guten Gründen ist kaum ein Wirtschaftsbereich so stark reguliert wie der Finanzmarkt, wo Gesetze, Börsenverordnungen, staatliche Notenbanken und amtliche Aufseher die Geschäfte regeln, überwachen und auch selbst betreiben. Doch das Versagen der Aufsicht und der Notenbanken wird verschwiegen. Als politisch korrekt gilt, das Marktversagen zu geißeln und das Versagen des Staates auszusparen. Dabei waren es amerikanische Politiker, die den Traum vom Eigenheim für jedermann zum Regierungsprogramm erhoben und — über staatliche Hypothekenbanken und mit Zinsen unter der Inflationsrate durch die Notenbank — auch für die Finanzierung sorgten. Deren früherer Präsident Greenspan hat sogar den Erfindungsreichtum der Investmentbanken gepriesen.

Kein Markt und kein Territorium soll ohne Regulierung bleiben

Doch die wundersame Geldvermehrung der Banken über fragwürdige Kreditkettenbriefe ging nicht lange gut. In dem stürmisch gewachsenen, ungeregelten Geschäft mit Kreditderivaten, das nicht über Börsen organisiert, sondern zwischen Banken abgewickelt wird, hat die Selbstregulierung der Märkte nicht funktioniert. Dazu haben falsche Anreizsysteme in den Investmentbanken maßgeblich beigetragen. Auf der kollektiven Jagd nach höheren Renditen machten hohe Gewinnchancen viele Händler blind für das Risiko; mögliche Verluste mussten sie ja nicht tragen. Hier haben Aufsichtsräte und Vorstände vieler Banken versagt. Das gilt auch für die Verletzung goldener Bankregeln. Bankmanager haben mit viel zu hohen Kredithebeln und gefährlich niedrigen Eigenkapitalpuffern hantiert. Kurzum: In der schwersten Finanzkrise seit 1929 mischen sich Staats- und Marktversagen.

Unter Führung des französischen Staatspräsidenten Sarkozy will die EU nun eine neue Finanzarchitektur entwerfen. Kein Markt, kein Institut und kein Territorium der Erde soll ohne Regulierung oder Aufsicht bleiben: Die Ratingagenturen sollen an die Kandare genommen, die Bilanzierungsregeln angepasst, ein Verhaltenskodex in der Finanzbranche eingeführt und der Internationale Währungsfonds mit der Überwachung von allem betraut werden. Doch warum sollte die Welt folgen, wenn Europa kein Beispiel gibt? Auch in der EU gab es einen Wettlauf um möglichst laxe Aufsichten. Bis heute kann sich die EU nicht auf eine einheitliche Aufsicht über ihre Versicherungskonzerne einigen. Aber sie will alle Banken unter eine Weltfinanzaufsicht stellen.

Auch Obama wird die Interessen der Wall Street vertreten

Für viele Amerikaner ist der kommende Präsident Obama ein Hoffnungsträger. Doch auch er wird die Interessen der Wall Street vertreten und amerikanische Finanzinstitute einer Weltaufsicht kaum unterordnen. Warum sollen eigentlich globale Aufseher besser arbeiten als nationale? Wie soll eine Weltfinanzbehörde Risiken beurteilen, die nicht einmal die Banken selbst im Griff haben? Denn die Risikomodelle der Banken taugen nur bedingt; die Krise hat die Annahmen der modernen Portfoliotheorie über die Preisbildung an den Finanzmärkten erschüttert. Nach diesem Modell dürften so große Preissprünge wie nach dem Platzen der Internet- und der Immobilienblase nur einmal im Jahrtausend vorkommen. Nun ist das aber schon zweimal in fünf Jahren passiert – und die Risikomodelle der Banken spielen verrückt.

Auf dem Washingtoner Finanzgipfel sollte nicht nur über Regulierung und Aufsicht, sondern auch über die globalen Ungleichgewichte im Welthandel und deren Risiken gesprochen werden. China hat den Yuan einseitig an den Dollar gekoppelt, um sich Exportvorteile zu verschaffen. Mit ihrem Konsum haben die amerikanischen Verbraucher den chinesischen Wirtschaftsaufschwung ermöglicht; dafür hat die Volksrepublik große Teile der Verschuldung der Vereinigten Staaten finanziert. Um den Kurs des Yuan zu drücken, kaufen die Chinesen täglich Dollar. So häufen sie einen riesigen Berg Währungsreserven auf, den sie in amerikanische Staatsanleihen investieren. Die Reserven Chinas sind der Spiegel amerikanischer Schulden. Beide Länder befinden sich in gegenseitiger Abhängigkeit – und die Weltwirtschaft in der Zwickmühle. Es ist höchste Zeit, den Abbau dieser Ungleichgewichte einzuleiten, damit es nicht zu noch größeren Schocks an den Märkten kommt. (siehe auch: Finanzmarktexperte Barry Eichengreen: „Verschlafene Regulatoren hielten die Banker nicht im Zaum“)

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Jahrgang 1962, Herausgeber.

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