24.10.2008 · Auch Lateinamerika, Asien und Osteuropa trifft die Krise. Weil die Regierungen reicher Länder ihre Banken glaubwürdiger stützen können, fließt viel Geld zurück in die Industriestaaten. Und Rohstoffe, von denen viele Schwellenländer abhängen, werden wegen der nachlassenden Nachfrage immer billiger.
Von H. Mußler, C. Hein, C. Moses, S. Thielbeer und R. HermannAsien gleitet in die Krise. Dies aber ist keine Krise der Banken, denn die Finanzinstitute waren nicht weit genug globalisiert, um das ganz große Rad zu drehen. Es ist die heraufziehende Rezession im Westen, die die Exportnationen der Region mit voller Härte trifft. Bislang hat es Asien nicht geschafft, den heimischen Konsum soweit anzukurbeln, dass er einen Nachfrageeinbruch aus dem Ausland auffangen könnte. Nun aber sei das Weihnachtsgeschäft um mehr als 30 Prozent eingebrochen, berichten Logistiker in China. Im Westen wird unter dem Weihnachtsbaum gespart, und die Hersteller von Turnschuhen, Spielzeug und Computern in China und Indien bekommen dies zu spüren.
So ist vom "India shining" derzeit nichts mehr zu spüren. "Wir spüren den Untergang", schrieb das Nachrichtenmagazin "Outlook" in dieser Woche auf seinen Titel. Die Wachstumsraten der Industrie schmelzen, die Inflation legt zweistellig zu, die Auslandsreserven schwinden, und der Dollar war in Rupien nie teurer als heute. Die Kreditkrise droht nun auch auf den Ausbau der Infrastruktur durchzuschlagen, die in Indien - anders als in China - von privater Hand finanziert werden soll. In beiden Ländern hat der Aktienmarkt seit Jahresbeginn um die 60 Prozent nachgegeben. Gleichzeitig drohen auch die Immobilienblasen in beiden Ländern zu platzen. Die Einbrüche treffen die junge, noch nicht krisengestählte Mittelschicht.
Asien will die Krise ohne die Amerikaner lösen
Wohin die Reise gehen könnte, zeigt sich in diesen Tagen in Korea: Nach 4 Prozent in diesem Jahr erwartet Michael Spencer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank in Hongkong, in diesem Jahr nur noch 1,7 Prozent Wachstum. Das Wachstum des privaten Konsums hat sich vom zweiten auf das dritte Quartal schon halbiert. Der Aktienmarkt brach am Freitag erneut um 11 Prozent ein. Obwohl sich die Gerüchte über eine drohende Liquiditätskrise verstärken, lehnte die Regierung eine Hilfe des Internationalen Währungsfonds (IWF) kategorisch ab.
Damit verhält sie sich nicht anders als die übrigen Länder der Region. Die Bedingungen des IWF während der Asienkrise vor zehn Jahren haben sie als schmerzhaft empfunden. Nun wollen sie die heraufziehende Krise miteinander, aber ohne die Amerikaner zu lösen. Das kurz vor der Zahlungsunfähigkeit stehende Pakistan ist dafür ein gutes Beispiel: Das Land wendet sich lieber an die Golfstaaten, um seine Öllieferungen gestundet zu bekommen, als die Hilfe des Westens über den IWF annehmen zu müssen.
Südamerika leidet unter sinkenden Rohstoffpreisen und Kreditklemme
Auch Südamerika ist von der gegenwärtigen Krise schwer getroffen. Zwar stehen die Volkswirtschaften auf einem festeren Fundament als in früheren Notzeiten. In den jüngsten Boomjahren haben die Latinos die Staatshaushalte saniert und hohe Devisenreserven angehäuft. Jetzt aber erfolgt die Ansteckung über den Einbruch der Weltmarktpreise für Soja und andere Rohstoffe sowie durch die globale Verknappung der Kreditvergabe und die Flucht der internationalen Investoren aus allen Finanzanlagen, die als risikobehaftet gelten. Der IWF erwartet für 2009 in Südamerika noch ein Wirtschaftswachstum um 3,6 Prozent (nach 5,5 Prozent 2008). Sollten die Rohstoffpreise aber weiter sinken und die Finanzprobleme keine Lösung finden, könne die Wirtschaftsleistung bis Ende 2009 sogar sinken. Nur wenn China standhält, dann werde auch Südamerika nicht abstürzen, lautet die Diagnose. Zwei Drittel der Exporte Südamerikas gehen in andere Schwellenländer.
In Brasilien, der wichtigsten Volkswirtschaft der Region, wirkt sich die internationale Kreditklemme kritisch aus. Ausländische Banken haben die Kreditlinien gestrichen, weil sie ihre Mittel zuhause benötigen. Das lokale Banksystem gilt als solide. Doch "alle Banken horten Liquidität und warten ab, was passiert", sagt ein Banker. Das gefährdet die Binnennachfrage, die bisher als Stütze galt. Vor allem im Baugewerbe und in der Autoindustrie drohen Einbrüche. Selbst erstklassige Exportfirmen bekommen kaum Kredit; viele Exporteure haben sich mit Währungsgeschäften verspekuliert. Nachdem der Real überraschend stark abgewertet hat, drohen Milliarden-Verluste.
Das Nachbarland Argentinien ist schon seit dem Staatsbankrott von 2002 weitgehend vom internationalen Kapitalmarkt abgeschnitten. Dem Boom der Agrarexporte, von dem das Pampaland seither lebte, droht ein jähes Ende. Um inländische Reserven zu mobilisieren, will die Regierung private Rentenfonds verstaatlichen. Doch das bringt noch mehr Unsicherheit in die Wirtschaft.
Osteuropas Stabilität hängt von ausländischen Banken ab
Schon vor zehn Jahren war Osteuropa, vor allem Polen, die Tschechische Republik, Ungarn und die Slowakei, ein wichtigerer Absatzmarkt für die deutsche Industrie als die Vereinigten Staaten. Seither ist die Wirtschaft in Osteuropa jährlich mindestens doppelt so stark gewachsen wie der Euro-Raum. Das starke Wachstum war wesentlich getrieben durch Direktinvestitionen europäischer Unternehmen. Vor allem Autohersteller und ihre oft mittelständisch geprägten Zulieferer ließen sich von niedrigen Lohnkosten und staatlichen Subventionen locken. Anfällig ist Osteuropa nun vor allem deshalb, weil auch das Bankensystem zu mehr als 80 Prozent in ausländischer Hand ist. Systemrelevante einheimische Banken gibt es nach Einschätzung von Fachleuten nur in Polen (PKO), Ungarn (OTP) und in Lettland (Parex Bank). Das Stabilitätsrisiko in Osteuropa geht in der Finanzkrise also von den ausländischen Banken aus. Seitdem die europäischen Regierungen Rettungsschirme für ihre Banken und die Spareinlagen zuhause aufspannen, holen die Muttergesellschaften das Geld aus Osteuropa quasi nach Hause. Dies hat gravierende Folgen für das zuletzt immer stärker kreditfinanzierte Wachstum der Volkswirtschaften: Die Tochtergesellschaften in Osteuropa müssen die Kreditvergabe deutlich einschränken, obwohl ihr Geschäft wegen der stark wachsenden Einlagen vielerorts womöglich stabiler war als das der Mutter. Zudem geraten die Währungen unter Druck. Erschwerend kommt hinzu, dass die Konsumenten auch vielerorts verschuldet sind - in Fremdwährung, weil die Zinsen darin niedriger waren. Nun aber müssen sie in den aufwertenden Währungen wie Schweizer Franken ihren Kredit bedienen. Es scheint, als bräche der deutschen Industrie einer seiner wichtigsten Absatzmärkte weg.
Finanzkrise verschärft hausgemachte Probleme im Baltikum
Immer deutlicher hat sich in den vergangenen Wochen gezeigt, dass die baltischen Staaten, lange wegen ihrer hohen Wachstumsraten von bis zu 12 Prozent gerühmt, jetzt vor einer Rezession stehen. In Estland und Lettland ist der spekulativ aufgeblähte Immobilienmarkt zusammengebrochen. Estland hatte sich in den vergangenen 15 Jahren am deutlichsten für eine radikale Marktwirtschaft entschieden und galt wegen seiner Erfolge lange als Musterknabe. Seit dem Winterquartal 2007 ist das Wachstum eingebrochen. Für dieses Jahr rechnet die estnische Reichsbank damit, dass die Wirtschaft um 1,8 Prozent schrumpft. In Lettland sind die Immobilienpreise seit einem Jahr um 30 Prozent gesunken. Die Inflation aber hat sich von 10 auf 15 Prozent gesteigert. Vergleichsweise günstig sieht die Entwicklung noch in Litauen aus, wo das BIP im zweiten Quartal immerhin um 5,5 Prozent zulegte. Die Schwäche der exportorientierten Industrien, die Kreditverknappung und die weltweite Konjunkturflaute dürfte die Wirtschaft aber erheblich schwächen.
Anhaltender Kapitalabfluss aus der Türkei
In der Türkei hält der Sinkflug der Lira an. Seit dem Ausbruch der Krise und dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman hat sie gegenüber dem Dollar mehr als 45 Prozent an Wert verloren. Mindestens 14 Milliarden Dollar sind seither nach Schätzungen aus Marktkreisen abgeflossen. Damit befinden sich noch rund 65 Milliarden Dollar kurzfristiger Gelder in der Türkei. Hohe Zinsen von über 16 Prozent zogen das "hot money" an. Weil die Liquidität an anderen Orten gebraucht wird, verlässt es nun auch die Türkei.
Die Krise trifft vor allem die private Realwirtschaft. Immer mehr Unternehmen können ihre Kredite nicht mehr bedienen und suchen nach interessierten Kapitalgebern, heißt es. Die Inlandsnachfrage bricht ein und große Hersteller von Automobilen und dauerhaften Konsumgütern kürzen Schichten. Anders als bei früheren Krisen kann der Export wegen der Krisen auf dem wichtigsten Absatzmarkt Europa trotz der abgewerteten Lira die Wirtschaft diesmal nicht stimulieren. Da die Banken nach der Krise von 2001 aber konsolidiert wurden, sind sie von der Krise weniger betroffen als in anderen Ländern. Probleme bei den Kreditrückzahlungen werden sich in den Bankbilanzen von 2008 noch kaum niederschlagen.
Je höher die Indikatoren, desto verwundbarer die Schwellenländer
Die Commerzbank hält unter den Schwellenländern vor allem osteuropäische - darunter Bulgarien, Rumänien und das Baltikum - in der nächsten Etappe der Finanzkrise für besonders verwundbar. Denn diese Länder überschreiten als kritisch angesehe Werte in vier Indikatoren (dunkel). Sie haben erstens ein hohes Leistungsbilanzdefizit, gemessen an ihrer Wirtschaftsleistung (erste Spalte in der obigen Tabelle), das heißt, sie importieren mehr, als sie exportieren. Zweitens wächst die private Kreditnachfrage stark. Das ist zwar in einigen Ländern in Asien (Indien, Indonesien) und in Lateinamerika (Venezuela, Argentinien, Brasilien) auch der Fall. Doch dieses Kreditwachstum steht in vielen Ländern Osteuropas in einem ungesunden Verhältnis zur Größe der Volkswirtschaft insgesamt (dritte Spalte). Staaten, Unternehmen und Haushalte konsumieren also auch relativ zu anderen Staaten stark auf Pump. Erschwerend kommt hinzu, dass die Gesamtschulden, gemessen an der Größe der jeweiligen Volkswirtschaften, zu einem hohen Maß von ausländischen Banken getragen werden und kaum durch heimische Spareinlagen in den Banken gedeckt sind. Ähnlich brisant wie in Osteuropa ist die Abhängigkeit der Banken von ausländischen Einlagen in Asien nur in Korea (vierte Spalte). ham.
Dollar steigt um zwanzig Prozent
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 24.10.2008, 23:04 Uhr
Eine liederliche Würfelbude...
Harry LeRoy (Cimon)
- 25.10.2008, 04:58 Uhr
Dollar steigt, Dollar fällt
Olaf Plachetta (Plachetta)
- 27.10.2008, 00:33 Uhr
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