16.11.2008 · „Kaufe künftig nur, was Du auch verstehst“, sagen sich frustrierte Anleger und schwören: Nie wieder Zertifikate und Hedge-Fonds. Dieser Schluss ist voreilig. Wer Geld anlegt, muss kein Bankexperte werden. Es reichen Grundregeln und das Wissen, wo es neutralen Rat gibt.
Von Patrick BernauIn der Geldanlage ist eine Regel plötzlich wieder sehr beliebt. Sie heißt: "Kaufe nur, was du verstehst." Fondssparer, Aktionäre, Besitzer von Lehman-Zertifikaten - sie alle bekommen diesen Satz dieser Tage wieder oft zu hören. Und viele finden ihn sofort überzeugend.
Ob er tatsächlich sinnvoll ist, darüber denken nur wenige nach. Sollte sich wirklich jeder Sparer daran halten? Angesichts der Finanzkenntnisse der Deutschen würde das vermutlich bedeuten, dass fast alle auf Sparbuch und Tagesgeldkonto festgelegt wären. Eine Wohnung zum Vermieten wäre vermutlich schon zu viel des Risikos. Wer versteht schließlich schon genau, wie sich die Immobilienpreise entwickeln?
„Es kaufen auch Leute Autos, die keine Automechaniker sind"
Das kann die Lösung nicht sein, findet zum Beispiel der Ökonom Andreas Oehler, der an der Universität Bamberg den Anlegerschutz erforscht. Schließlich kauften Menschen auch Waschmaschinen, ohne deren Details zu verstehen. "Und es kaufen auch Leute Autos, die keine Automechaniker sind." Doch ganz so einfach kommen die Anleger nicht aus der Verantwortung, das weiß auch Oehler. Denn ein Auto zu kaufen gelingt heute ganz gut, auch wenn der Kunde seinen neuen Wagen nicht versteht, ja sogar wenn er keine Autozeitschrift abonniert hat. Die Geldanlage jedenfalls funktioniert ohne Vorkenntnisse deutlich schlechter.
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Fehler am Auto bemerkt der Verbraucher schließlich leichter als eine Fehlentscheidung beim Sparen. Wenn das Auto klappert oder nicht fährt, kann der Verbraucher es zum Händler zurückbringen und reparieren lassen. Und wenn das Auto zu langsam beschleunigt oder zu viel Sprit braucht, kann der Besitzer trotzdem damit weiterfahren. Nächstes Mal nimmt er dann halt einen anderen Motor oder eine andere Marke: Er lernt aus seinen Erfahrungen. Deshalb nennen Ökonomen das Auto "Erfahrungsgut". Und weil die Kunden lernen, achten Händler und Autohersteller darauf, dass das Auto funktioniert. Eher jedenfalls als die Banken, die sich Geldanlage-Produkte ausdenken. Es kümmern sich sogar Leute darum, dass die Bremse funktioniert: der TÜV.
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Das ist bei Anlagezertifikaten nicht so einfach, denn auch spekulative Fonds will ja niemand so einfach verbieten wie kaputte Bremsen. Am Ende bleibt ein Problem: Der normale Verbraucher hat kaum Chancen herauszufinden, wie viel sein Anlagezertifikat oder sein Fonds für ihn wirklich taugt.
Es gibt mehr Verkäufer als Berater
Der Wert steigt? Das kann daran liegen, dass es an der Börse zu jener Zeit ohnehin nach oben geht. Das Wertpapier steigt schneller als der Dax? Die Börse ist schwierig zu durchschauen - gar nicht unwahrscheinlich, dass dieser Erfolg Zufall war. Wenn der Anleger Pech hat, ist sein Geld trotzdem plötzlich weg. Nicht einmal von den Kosten bekommt der Anleger viel mit, denn die ziehen die Banken automatisch ab, oft ohne Abrechnungen auszustellen. Die Geldanlage ist für Ökonomen darum ein "Vertrauensgut": Auch nach dem Kauf hat der Anleger für lange Zeit keine Ahnung, ob er für sein Geld etwas Gutes bekommen hat. Er muss seinem Verkäufer vertrauen und kann nichts prüfen. Das ist ein Problem. Denn Anleger haben meistens zu viel Vertrauen. Die meisten glauben, ihr Bankberater sei ein echter Berater, quasi ein unabhängiger Makler zwischen den verschiedenen Anlageprodukten. "Der Kunde trifft aber meistens nicht auf einen Berater", sagt Ökonom Oehler, "sondern auf einen Verkäufer." Schließlich bekommt die Bank Provisionen dafür, dass sie ihren Kunden bestimmte Anlageprodukte verkauft.
Finanzgutachter Dietmar Vogelsang hat erst kürzlich wieder bei einem Testlauf durch mehrere Bankfilialen festgestellt, nach welchen Interessen die Bankangestellten Finanzprodukte verkaufen. Derzeit bieten sie nur wenige komplizierte Zertifikate an, sondern eher Spareinlagen bei der eigenen Bank - "weil das für viele Banken derzeit einer der günstigsten Wege ist, an Geld zu kommen".
Zwar gibt es trotz allem einige Bankangestellte, die nur das Interesse der Kunden im Blick haben. Aber die kann der Verbraucher kaum von den anderen unterscheiden, die tatsächlich nur Verkäufer sind. Die meisten Sparer müssen sich also einen unabhängigen Finanzberater suchen, der keine Provisionen von Banken oder Versicherungen bekommt. Das kostet sie manchmal mehrere hundert Euro für eine ausführliche Beratung. Aber das kann sich lohnen, wenn das Ersparte dafür umso rentierlicher und umso sicherer angelegt ist. Wer nur wenige tausend Euro anzulegen hat, für den sind die Honorare allerdings tatsächlich zu hoch - und das sind viele Leute. Ihnen empfiehlt Ökonom Oehler, sich an die Verbraucherzentralen zu wenden.
Eckdaten nennen lassen
Wenn der Berater unabhängig ist, dann kann sich der Anleger aus der großen Masse der Finanzprodukte die geeigneten heraussuchen lassen. Und muss am Ende doch wieder selbst entscheiden. Das verlangen schon die Gerichte - für die Entscheidung am Schluss kann der Anleger keinen Berater verantwortlich machen.
Um diese Entscheidung zu treffen, muss ein Anleger aber nicht verstehen, wie die Banker seinen Fonds oder seine Anleihe genau konstruieren. Er sollte sich nur die Eckdaten nennen lassen, wie den Benzinverbrauch und die PS-Zahl am Auto. Auf die Geldanlage übertragen, heißt das: Der Sparer muss wissen, wie viel Geld er am Ende mindestens und höchstens bekommen kann und auf wie viel er wahrscheinlich Chancen hat. Wer weiß, mit wie viel Geld er rechnen kann, der weiß schon viel - mehr als die meisten Leute, die ihr Geld vom Bankberater anlegen lassen.
Hier finden Sparer Hilfe
Berater: Unabhängige Finanzberater finden sich zum Beispiel im Internet auf der Seite www.berater-lotse.de und auf der Seite www.fpsb.de. Vorsicht: Auf FPSB stehen auch einige Berater, die wieder zu einem Unternehmen gehören. Auf jeden Fall sollten Anleger ihre Berater noch einmal fragen, ob sie Provisionen erhalten oder ob sie von ihrem Chef eine Vorgabe darüber bekommen haben, wie viele Geldanlage-Produkte sie im Jahr verkaufen müssen.
Buch: Einen guten Einstieg in die Geldanlage bietet zum Beispiel das Buch „Genial einfach investieren“ von dem Mannheimer Finanzprofessor Martin Weber (Campus Verlag, 24,90 Euro).
Informationsdienste: Wenn der Berater einen Fonds oder ein Zertifikat empfohlen hat, können Anleger selbst noch weitere Informationen darüber einholen. Dazu sollten sie sich die Kennnummer „Isin“ geben lassen, die „International Security Identification Number“. So eine Nummer hat jede Aktie, jeder Fonds und jedes Zertifikat. Wer die „Isin“ kennt, kann im Internet viele weitere Informationen über das Anlageprodukt finden. Investmentfonds bewertet zum Beispiel die Ratingagentur Morningstar (Informationen zu den Fonds auf www.morningstar.de), für Anlagezertifikate finden Anleger Einschätzungen unter anderem auf www.scope-zertifikate.de. bern.
Nachsitzen für Anbieter........
wolf haupricht (emilgilels)
- 16.11.2008, 15:39 Uhr
Zu einfach
Stephan Weyter (weyter)
- 16.11.2008, 16:24 Uhr
Ein Wertpapier ist immer auch ein Risikopapier
Hans-J. Sauer (Wertpapierportfolio)
- 16.11.2008, 18:15 Uhr
Zurück zum Sparbuch
Ulrich K. Ellwart (duke400)
- 16.11.2008, 19:08 Uhr
Nachsitzen für Anleger
Wolfgang Schick (lehmy)
- 16.11.2008, 20:30 Uhr
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