24.10.2008 · Die amerikanischen Banken versuchen, durch eine nationale Konsolidierungswelle ihre international führende Position zu erhalten. Bislang hat die Krise aber noch keine große Debatte über die künftige Bedeutung der Finanzstandorte ausgelöst. Dabei ist New York nicht der einzige Standort, der um seine Vormacht bangen muss.
Von Norbert Kuls und Holger PaulDie anhaltende Finanzkrise wird den Wettbewerb zwischen der Wall Street und den anderen großen internationalen Finanzstandorten verschärfen. Fachleute gehen aber davon aus, dass die Amerikaner ihre Position als Weltfinanzstandort Nummer eins verteidigen werden, auch wenn die Krise auf dem amerikanischen Häusermarkt begann und durch die risikoreiche Geschäftspolitik und den Zusammenbruch amerikanischer Investmentbanken verstärkt wurde. "Es wird zwar zu einer deutlich spürbaren Verschiebung der Geldströme hin zu Finanzstandorten kommen, an denen mehr Geschäftsbanken sitzen", sagt ein langjähriger Marktbeobachter. "Aber die Wall Street wird alles versuchen, um ihre Macht zu erhalten."
In der amerikanischen Bankenbranche hat die Frage nach der zukünftigen Bedeutung des Finanzstandortes New York angesichts der immer noch unsicheren Lage bisher noch keine große Debatte ausgelöst. Amerikanische Banker sind derzeit in erster Linie mit der Rettung angeschlagener Institute beschäftigt. Aber in der Branche wird dennoch aufmerksam registriert, dass der amerikanische Finanzminister Henry Paulson auch gesunden Banken staatliches Eigenkapital geben will, damit sie andere Institute aufkaufen können. Aus Sicht der amerikanischen Regierung macht es strategisch Sinn, in der Krise die starken Häuser zu unterstützen, erläutert der Konstanzer Finanzprofessor Günter Franke. "Man schützt sich damit vor Übernahmen von außen, etwa durch gut kapitalisierte japanische Banken", sagt er. In der ersten Phase der Krise hatten angeschlagene amerikanische Finanzgiganten wie die Citigroup oder Merrill Lynch Finanzspritzen asiatischer und arabischer Staatsfonds erhalten. Erst kürzlich hat sich die japanische Bankengruppe Mitsubishi UFJ an der amerikanischen Bank Morgan Stanley beteiligt. Die britische Bank Barclays kaufte das amerikanische Kapitalmarktgeschäft der kollabierten New Yorker Investmentbank Lehman Brothers, und die spanische Großbank Santander übernahm die angeschlagene Regionalbank Sovereign, an der sie vorher schon beteiligt war. "Insgesamt halten sich gesunde europäische Banken wegen der unsicheren Lage aber mit Engagements in den Vereinigten Staaten zurück", sagt ein hochrangiger amerikanischer Bankmanager.
Inneramerikanische Konsolidierung
Die Finanzkrise hat vor allem zu einer inneramerikanischen Konsolidierung der Finanzbranche geführt. Die Großbanken J.P. Morgan Chase und Bank of America, die als vergleichsweise stark gelten, haben kräftig zugekauft. J.P. Morgan übernahm im März mit Unterstützung der Regierung die Investmentbank Bear Stearns und kürzlich die größte amerikanische Sparkasse Washington Mutual. Die Bank of America kaufte den größten Hypothekenanbieter des Landes, Countrywide, und schluckt derzeit die Investmentbank Merrill Lynch. Und die große Regionalbank Wells Fargo wird nach dem Kauf der Großbank Wachovia endgültig in die amerikanische Bankenoberliga vorstoßen.
Für eine solche Zwangskonsolidierung gebe es in den Vereinigten Staaten auch deshalb Bedarf, weil im Hinterland noch eine Vielzahl kleinerer Institute existieren, ergänzt Gerd Häusler, der langjährige Leiter der Abteilung Kapitalmärkte des Internationalen Währungsfonds. Umso ärgerlicher sei es, dass in Deutschland im Zuge der Bankenrettung nicht über ähnliche Konsolidierungen diskutiert werde, sondern vor allem über Moral und Managergehälter.
Allerdings teilen längst nicht alle Ökonomen die Ansicht, dass eine staatlich verordnete Fusionswelle sinnvoll ist. Der Wuppertaler Wirtschaftsprofessor Paul Welfens etwa spricht von einer "Paulson-Autokratie, die allem widerspreche, wofür die Marktwirtschaft steht. "Wir brauchen vielmehr die Entflechtung von Banken und mehr Wettbewerb", sagt Welfens. Aber das scheint nicht das Ziel der amerikanischen Regierung und der verbliebenen Wall-Street-Häuser zu sein. Es gibt derzeit zwar keinen "Masterplan" für die Zeit nach dem Krisenende. "Dafür hat man einfach keine Zeit, wenn ständig neue Rettungsmaßnahmen organisiert werden müssen", beschreibt ein Bankenfachmann in New York die Stimmung. Aber als "netter Nebeneffekt" seien die weitere Stärkung der gesunden Banken und der kurze Draht vieler Banker zu ihrem einstigen Mitstreiter, dem früheren Goldman-Sachs-Chef Henry Paulson, durchaus willkommen. Drastischer drückt es ein Manager einer amerikanischen Großbank aus, der sein Haus zu den Gewinnern der Krise zählt. "Es herrscht Krieg zwischen den Banken. Am Ende zählt nur, wer dabei übrig bleibt", sagt er.
Experten erwarten Machtverschiebung in Richtung Asien
Dabei ist New York nicht der einzige Standort, der nach dem Fall der Investmentbanken um seine Vormachtstellung bangen muss. In der Londoner City gibt es ähnliche Sorgen. So beschwerte sich unlängst zum Beispiel die amerikanische Hedge-Fonds-Lobby (MFA) in einem Schreiben an die Bank of England, dass ihre Vermögenspositionen in der europäischen Tochtergesellschaft von Lehman Brothers noch immer eingefroren seien. Die englische Notenbank solle das rasch ändern, ansonsten drohten "desaströse Folgen" für den gesamten britischen Markt, hieß es wenig freundlich. "Die jüngste Entwicklung stellt die Zukunft des gesamten britischen Prime-Broker-Markts in Frage", lautete eine Formulierung. Als Prime-Broker-Geschäft bezeichnen Banken ihre Dienstleistungen für Hedge-Fonds, Investmentvehikel für reiche Privatanleger und Institutionen.
Angesichts der Milliardensummen, mit denen solche Fonds operieren, ist der Druck, den sie ausüben können, gewaltig. Manche Marktbeobachter vermuten deshalb, dass die Regierungen in Washington und London entgegen den aktuellen Trends letztlich gar kein allzu großes Interesse zeigen werden, die Finanzmärkte strenger zu regulieren. Man könne zwar mit schärferen Eigenkapitalvorschriften für die Banken leben, heißt es an der Wall Street. Weitergehende Einschränkungen lehne man aber ab. Eine Lockerung der Aufsicht unter dem Eindruck der Krise kommt nach Ansicht von Fachleuten aber ebenfalls nicht in Frage. "Es wird zweifellos mehr Regulierung geben", sagt Mark Perlow, ein Wertpapierrechtler bei der Kanzlei K&L Gates. Schon vor der seit Mai 2007 schwelenden Finanzkrise war unter amerikanischen Wirtschaftsführern die Angst vor einem Bedeutungsverlust des Finanzplatzes New York gestiegen. Eine Umfrage der Unternehmensberatung McKinsey unter Vorstandschefs und Wall-Street-Experten hatte die nach den Bilanzskandalen am Anfang des Jahrzehnts schärfer gewordene Regulierung kritisiert. Die wurde für ein nachlassendes Interesse ausländischer Unternehmen an Börsengängen in New York verantwortlich gemacht.
Für die Zukunft erwarten einige Experten nun eine Machtverschiebung unter den Finanzplätzen Richtung Asien. Dennoch scheint der Status von New York als wichtigster Börsenstandort angesichts der großen Zahl der dort notierten Weltkonzerne auf absehbare Zeit gesichert. Finanzprofessor Günter Franke: "Singapur hätte sicherlich Chancen, eine echte Konkurrenz zu New York zu werden. Aber dazu müssten erst einmal die großen Konzerne dort an die Börse gehen."
Nummer Eins?!
A C (papaleo2000)
- 24.10.2008, 18:32 Uhr
Wall Street
resi mayer (kimwales)
- 24.10.2008, 18:35 Uhr
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