21.09.2008 · Es war eine Woche des Schreckens: Banken stürzten ein, Börsen bebten, jetzt greift der Staat durch. Doch eine Frage bleibt: Ist der amerikanische Finanzkapitalismus am Ende?
Von Inge KloepferDarauf haben zwar alle gewartet: Am Ende einer Woche des Schreckens folgte die Erleichterung. Die amerikanische Regierung wird ein gigantisches Rettungspaket für die angeschlagene Finanzbranche schnüren und ihr mit 500 wenn nicht sogar 800 Milliarden Dollar unter die Arme greifen. Hochbetrieb herrscht am heutigen Sonntag in Washington und New York, wenn die Einzelheiten dieser beispiellosen Rettungsaktion verhandelt werden.
So viel aber ist jetzt schon klar: Die Regierung wird die notleidenden Kredite kaufen und damit die Milliarden-Risiken übernehmen, die bereits etliche große und kleine Banken in den Ruin getrieben oder an den Rand des Abgrunds gebracht haben. Ein waghalsiges Manöver mit ungewissem Ausgang, denn keiner weiß, ob das erst der Anfang einer Rettungsaktion ist - oder schon deren Höhepunkt.
„Die Wall Street ist kaputt.“ Diesen Satz schleuderte vor einigen Tagen die „Washington Post“ ihren Lesern entgegen. „Das System erlebt einen postmodernen Bankencrash“, stand in der „International Herald Tribune“ - aus der Feder des weltbekannten amerikanischen Ökonomen Paul Krugman. Von selbstzerstörerischen Kräften des Kapitalismus sprachen selbst diejenigen, die über die Jahre gerade durch diesen Kapitalismus ein Vermögen gemacht hatten.
Unvorstellbare Ausmaße
Das amerikanische Selbstbewusstsein ist erschüttert. Tatsächlich hat die Krise des amerikanischen Finanzsystems, die längst auch die Finanzmärkte rund um den Globus mit in den Strudel gezogen hat, unvorstellbare Ausmaße angenommen. 540 Milliarden Doller haben die amerikanischen Banken seither abgeschrieben. Mehr als zehn Banken, darunter die drei Wall-Street-Größen Bear Sterns, Merrill Lynch und Lehman Brothers sind fast über Nacht von der Bildfläche verschwunden. Für den Versicherungsriesen AIG hat die amerikanische Regierung 85 Milliarden Dollar bereitgestellt und ihn damit im Handumdrehen verstaatlicht. Nur so konnte sie seinen Zusammenbruch verhindern. Die Investmentbank Lehman Brothers dagegen schickte sie in die Insolvenz.
Jeder fünfte Mitarbeiter an der Wall Street hat in den letzten 12 Monaten seinen Job verloren. Und noch Zigtausende werden folgen. Die Banken vertrauen sich längst nicht mehr, das befeuert die Krise und droht auch noch die letzten beiden großen Investmenthäuser Goldman Sachs oder Morgan Stanley mitzureißen. Weil die Bereitschaft, sich gegenseitig Geld zu leihen, versiegt ist, fluteten die Notenbanken vergangene Woche die Finanzmärkte - an einem einzigen Tag pumpten sie 180 Milliarden Dollar auf den Markt. Und, so viel ist jetzt schon sicher: Die Versuche, Amerika und die Welt auf diese Weise vor dem Zusammenbruch des Finanzsystems zu retten, wird die amerikanische Regierung mehr als eine Billion Dollar kosten.
Den Glauben an ihr eigenes Wirtschaftsmodell verloren
Es scheint, als hätten die Amerikaner den Glauben an ihr eigenes Wirtschaftsmodell verloren. An ein System, das über Jahre hoch erfolgreich war. Das vor allem von den Finanzmärkten getrieben wurde und dem Land Prosperität und Wohlstand brachte. Selbst die eifrigsten Verfechter dieses Modells sind inzwischen dabei, es gänzlich abzuschreiben. Es sieht aus, als sei „Das Ende des amerikanischen Kapitalismus“ bereits eingeläutet, wie Zeitungen titeln. Und tatsächlich stellt sich die Frage: Hat das amerikanische Modell versagt? Zeigen die Verwerfungen im Finanzsystem dessen Scheitern?
Die Finanzkrise jedenfalls gleicht einem Erdbeben, in dessen Spalten ganze Wolkenkratzer versinken. Doch das Scheitern des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus beweist sie nicht. Die Welt braucht Banken und Börsen - nicht nur die Wirtschaft. Und die Finanzmärkte sind ihr Motor.
Will ein Unternehmen ein anderes kaufen, wie das Familienunternehmen Schaeffler den viel größeren Reifenhersteller Continental, muss es dafür Geld besitzen. Das ist aber meistens nicht der Fall. Also muss es sich Geld beschaffen, im Schaeffler-Fall 12 Milliarden Euro. Das geht nur über eine Bank und über den Kapitalmarkt.
Eine Welt ohne Finanzmärkte wäre eine arme Welt
Auch Banken wären mit ihren Möglichkeiten schnell am Ende, wenn sie sich nicht selbst an den Finanzmärkten Geld beschaffen könnten, um Kredite zu finanzieren. Die Möglichkeit haben sie und können zudem ihre verschiedenen Kredite bündeln, in kleinen Tranchen weiterverkaufen und so das Ausfallrisiko auf viele Schultern verteilen.
Nicht nur, dass Banken und Börsen so das Geld der Anleger seiner sinnvollsten Verwendung zuführen - indem sie Sparer und Investoren verbinden. Sie ermöglichen auch die Verteilung des Risikos auf viele Schultern. Und sogar die Versicherung gegen das Ausfallrisiko. Nicht zuletzt bewerten sie auch die Unternehmen. Im Idealfall bringen die Finanzmärkte ein Höchstmaß an Effizienz bei der Verwendung von Kapital.
Eine Welt ohne Finanzmärkte wäre im physischen Sinne sehr viel ärmer. Je entwickelter die Finanzmärkte sind, je einfallsreicher ihre Akteure und je größer ihre Produktvielfalt, desto schneller lässt sich Geld beschaffen und anlegen. Sogar maßgeschneidert für jeden Einzelnen, zugeschnitten auf seine Bedürfnisse und seine Risikobereitschaft. Und: auf beiden Seiten des Marktes.
An dieser Tatsache ändert auch die jüngste Krise nichts. Doch reichen die Banken längst nicht mehr nur das Geld für Privat- und Firmenkunden weiter. Sie machen auch selbst Geschäfte. Sie leihen sich Geld und investieren es auf eigene Rechnung. Sie tun das in der Hoffnung, dass sie am Handel mit immer komplexeren Produkten mehr verdienen, als sie für das geliehene Geld bezahlen müssen. Das muss nicht schlecht sein, solange die Banken es nicht wie Merrill Lynch oder Lehman Brothers auf die Spitze treiben.
Schneller - und unübersichtlicher
So sind die Finanzmärkte über die vergangenen 20 Jahre geradezu explodiert. Sie sind schneller geworden, unübersichtlicher. Sie haben sich regelrecht aufgebläht. Ihre Geschäfte haben nur noch zum Teil mit der realen Wirtschaft zu tun: Ein Drittel der Gewinne aller Firmen der amerikanischen Wirtschaft erzielte 2007 die Finanzindustrie. Dafür entlohnten allein die fünf größten Investmentbanken der Wall Street ihre Mitarbeiter mit Rekord-Boni, die sich auf 38 Milliarden Dollar summieren.
Das Besondere am amerikanischen Modell, an das dessen leidenschaftlichste Verfechter nun nicht mehr recht glauben mögen, ist sein enormer Einfluss auf die reale Wirtschaft. Viel stärker als hierzulande ist die Wirtschaft mit ihren Unternehmen und Privatpersonen in den Vereinigten Staaten von der Finanzindustrie verändert worden. Investmentbanken haben amerikanische Firmen dazu getrieben, sich zu restrukturieren und zu verändern. Sie haben Hunderte von Managern aus ihrer Lethargie gerissen. Mit schier unerschöpflicher Kreativität haben sie für die Wirtschaft immer neue Zugänge zu Kapital geschaffen. Der Aufstieg von Google - ohne die Finanzmärkte wäre er nicht denkbar gewesen.
Für das amerikanische Wirtschaftswachstum, für die Verwirklichung neuer Geschäftsideen und für das Schaffen neuer Arbeitsplätze spielten die Finanzinstitute eine zentrale Rolle. Doch nicht nur dort. Auch im Leben der Bürger. Weil die es gewohnt sind, Erspartes in Aktien und Wertpapiere anzulegen und damit fürs Alter vorzusorgen, sind die Banken ein immens wichtiger Teil. Viele Bürger sind unerwartet reich, wieder arm und wieder reich geworden. Viel mehr als hierzulande, wo sich das Engagement in Wertpapieren in engen Grenzen hält.
Über Jahre lief alles glatt
Über Jahre lief alles glatt. Den amerikanischen Finanzmärkten mit ihrem enormen Einfluss auf die Realwirtschaft war der Wiederaufstieg der Vereinigten Staaten zur führenden Wirtschaftsmacht zuzuschreiben.
Firmen wurden ertragreicher, ihre Aktienkurse stiegen und beflügelten wiederum die Realwirtschaft: Konsumenten hatten Vertrauen in die Marktentwicklung und taten, was von ihnen erwartet wurde: Sie konsumierten und trieben so die Wirtschaft weiter an. Häufig auf Kredit, weil sie sich aufgrund der Entwicklung an den Finanzmärkten wohlhabender wähnten, als sie es wohl gewesen wären, wenn sie das Risiko bedacht hätten. Doch dafür gab es keinen Grund. Sie handelten genau so, wie es an den Märkten unter Profis gang und gäbe ist: Sie schrieben den Status quo in die Zukunft fort.
Sie kauften Immobilien und wurden millionenfach zu Hausbesitzern, weil sie bei Angeboten der Banken zugriffen, ohne zu bedenken, dass es Entwicklungen gibt, in denen sich Schulden nicht mehr bedienen lassen. Die Banken ihrerseits scherten sich wenig um die Kreditwürdigkeit ihrer Kunden. Im Gegenteil. Sie drängten selbst Einkommensschwache geradezu ins finanzielle Abenteuer. Nicht nur, weil die Immobilienpreise ständig weiter stiegen, sondern auch, weil sie dank neuer Finanzprodukte in der Lage waren, die Rückzahlungs- und Zinsansprüche an ihre hochverschuldeten Kunden zu bündeln und gestückelt an andere zu verkaufen. Das Kreditrisiko waren sie somit los.
Wurzeln der Krise
Alle Akteure hatten eines gemeinsam: Sie konnten sich nicht vorstellen, dass die Entwicklung nach Jahren starken Wirtschaftswachstums und starker Wertsteigerung zu Ende geht. Hausbesitzer, Kreditgeber, Investmentbanker und die Aufsichtsbehörden verloren die Risiken aus dem Blick. Genau das waren die Wurzeln der Krise, die in den boomenden ersten Jahren des neuen Jahrhunderts zu wachsen begannen.
Im Kern großer Finanzkrisen steht nicht die Systemfrage, sondern die Frage nach dem Umgang mit dem Risiko. So folgen Krisen in ihrer Entstehung bestimmten Mustern. Es beginnt mit einer Innovation, sei es die Taucherglocke oder die Glühbirne. An den Finanzmärkten sind es neue Produkte wie Indexfonds, Junk-Bonds oder hoch komplexe Techniken, mit denen Kredite verbrieft, weiterverkauft und gehandelt werden. Je mehr Marktteilnehmer merken, wie viel Geld sich mit den Innovationen verdienen lässt, desto mehr werden sie sich dort engagieren und aus Produkten wieder neue Produkte erschaffen. Deutsche Banken sind das beste Beispiel.
Sie sind irgendwann aufgesprungen, haben Milliarden Euro in Produkte investiert, an deren Ende irgendwo ein amerikanischer Hausbesitzer stand. Alle wollten dabei sein und trieben die Preise in die Höhe. Auch daran lässt sich wieder trefflich verdienen. Das Modell funktionierte. Die steigenden Gewinne wurden von den Akteuren und auch denen, die Regeln setzen, als Beweis gesehen. Das Risiko geriet in den Hintergrund - niemand konnte sich mehr vorstellen, dass der Prozess ein Ende hat. Doch die Regeln blieben: Entweder führt ein realwirtschaftlicher Schock dazu, dass das Geschäft in sich zusammenfällt, oder die Übertreibung bewirkt das.
Krisen und Lösungen folgen einem Schema
Im Fall der jüngsten Krise war es die Übertreibung. Als im Frühjahr 2007 die Immobilienpreise sogar fielen, konnten viele Hausbesitzer ihre Kredite nicht mehr bedienen. Es häuften sich die Zahlungsausfälle, die im April 2007 mit der Hypothekenbank New Century Financial ihr erstes Opfer forderten. Betroffen waren zunächst die Subprime-Darlehen, also jene, die an einkommensschwache Bürger mit geringer Bonität begeben wurden. Schlagartig wurden den Jongleuren die Risiken klar: Sie hatten es zu weit getrieben. Im Sommer war die Krise offensichtlich. Notenbanken überschwemmten die Märkte mit Liquidität in nie dagewesener Menge. Die Erwartungen der Marktteilnehmer kannten plötzlich nur eine Richtung: abwärts.
Die Lösungen der Krisen folgen meistens einem Muster: Der Staat übernimmt Teile des Risikos und schafft neue Regeln für den Markt. So war es nicht nur Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre in der Savings-&-Loan-Krise, als nach wilden Spekulationen am amerikanischen Immobilienmarkt mehr als 1000 Sparkassen zusammenbrachen und die Regierung mit Hilfe eines Staatsfonds die Institute samt ihrer Risiken übernahm. Ein halbes Jahrhundert vorher, in den 30er Jahren zu Zeiten der Großen Depression hatte die Regierung schon einmal mit einem staatlichen Unternehmen die Hypotheken zahlungsunfähiger Bürger übernommen. Heute wird sie es wieder tun.
Nicht nur, um den Hausbesitzern zu helfen, sondern vor allem, um die Finanzwelt von Belastungen zu befreien, die sie längst nicht mehr tragen kann. Die Politiker können nicht anders: Denn die gigantischen Kosten staatlichen Eingreifens erscheinen allemal erträglicher als die unabsehbaren Folgen des Laissez-faire.
Wenn sich die Finanzwelt erholt hat, wird auch die nächste Krise wieder dem gleichen Schema folgen. Am Anfang wird eine Innovation stehen, mit der sich viel Geld verdienen lässt. Den Marktteilnehmern wird es gelingen, sich mit Ideen Freiräume zu schaffen jenseits eines strikten Regelwerks. Das nämlich wird kommen. Die Behörden werden versuchen, die Banker zu zwingen, künftig die Risiken ihres Geschäfts im Blick zu halten. Doch die Beschränkungen von morgen richten sich auf die Ideen von gestern. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis die Suche nach dem Geschäft mit den größten Gewinnen klügere, komplexere und womöglich auch undurchsichtigere Innovationen hervorbringt.
Krisen als Resultat von Kreativität
Was in den achtziger Jahren Junk-Bonds hieß und in den Neunzigern Derivate, sind heute komplizierte Produkte, mit denen sich Baudarlehen in Wertpapiere verwandeln lassen. Sie alle hatten und haben ihr Gutes. Morgen werden die Innovationen wieder anders heißen, aber sie werden eine Weile die Realwirtschaft beflügeln, Wirtschaftswachstum und Wohlstand schaffen und viele Menschen sehr reich und wieder arm machen.
Das amerikanische Modell funktioniert. Seine Krisen sind das Resultat von Kreativität und fehlendem Vorstellungsvermögen. Politiker, Investment- und Notenbanker - sie alle schreiben stets eine gegenwärtige Entwicklung in die Zukunft fort. Im Boom mögen sich selbst die versiertesten Profis, nicht einmal die Notenbanker, die mit billigem Geld ihren Beitrag zur Krise geleistet haben, vorstellen, dass auch der ein Ende hat.
Wo war der Schock?
Reiner Luecker (Reinerluecker)
- 21.09.2008, 16:13 Uhr
Krisen als Resultat von Kreativität?
Konstantin Schneider (bundesboy)
- 21.09.2008, 19:00 Uhr
Das amerikanische Modell funktioniert.
Dieter Spethmann (dspeth)
- 21.09.2008, 19:27 Uhr
Wer sind die Krisengewinnler?
Alex Merck (AlexM3)
- 21.09.2008, 20:20 Uhr
No problem .. der Irakkrieg kostet noch mehr .
Heino German (polkataenzer)
- 21.09.2008, 23:35 Uhr
Inge Kloepfer Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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