28.04.2004 · 180 Meter hoch, von Star-Architekt Norman Foster entworfen: Die "Essiggurke" könnte Londonern die Abneigung vor Hochhäusern nehmen. Doch die Mieter im ersten Büroturm, der seit 25 Jahren im Londoner Finanzdistrikt gebaut wird, bleiben noch aus.
Die Londoner nennen den Bau einfach "die Essiggurke" oder auch "die erotische Essiggurke". Das Gebäude überragt bis auf eine Ausnahme alle anderen in der Londoner City und ist der erste Büroturm, der in den vergangenen 25 Jahren im traditionellen Londoner Finanzdistrikt gebaut wurde, was die weiter östlich gelegene Bürostadt Canary Wharf ausschließt.
Das Londoner Hauptquartier der Schweizer Rückversicherung Swiss Re ist schon vor der offiziellen Eröffnung im Mai zu einem neuen Wahrzeichen der Londoner City geworden. Am Dienstag ist das Innere des 180 Meter hohen, von Star-Architekt Norman Foster entworfenen Baus erstmals Journalisten präsentiert worden.
Ein „radikales Gebäude“
Es handele sich um ein "radikales Gebäude", sagte Foster, weil es die Umweltbelastung durch den sparsamen Umgang mit natürlichen Ressourcen in Grenzen halte, den Raum optimal nutze und daher auch ein gesellschaftliches Signal setze.
In die Freude über die Fertigstellung mischt sich nach rund vier Jahren Planung und drei Jahren Bauzeit allerdings ein Wermutstropfen: Das Gebäude ist nur zur Hälfte belegt. Alle 800 Mitarbeiter der Swiss Re, die bislang auf fünf verschiedene Bürohäuser verstreut waren, sind eingezogen, doch bisher wurde kein einziger Fremdmieter gefunden.
"Der Bau fand während einer schweren Rezession in der City statt", sagt John Forrester von der Immobiliengesellschaft DTZ, die mit der Suche nach Mietern beauftragt ist. Nun aber sei die Talsohle erreicht, glaubt Forrester. Nachdem das Angebot von leerstehenden Büroflächen in der Londoner City seit 2000 kontinuierlich zugenommen habe, sei es im ersten Quartal 2004 erstmals wieder leicht geschrumpft.
Nachfrage steigt
Gleichzeitig nehme die Nachfrage zu. Dies zeige sich daran, daß sich Unternehmen wie Lloyds TSB, Standard Chartered, Legal & General und Norton Rose kürzlich zum Bezug neuer Büros entschlossen hätten. Auch Alec Pelmore und Robert Fowlds, Analysten bei Merrill Lynch, sind optimistischer geworden. Sie glauben, daß der bevorstehende Einzug von Lloyds TSB in einen großen Bürokomplex in der Gresham Street ein Signal setzen werde. Für die Mieter sind gute Abschlüsse zu erzielen.
Nach Schätzungen der Merrill Lynch-Analysten hat Lloyds TSB den Büroraum dort zu 42,50 Pfund (63,8 Euro) je Quadratfuß (0,09 Quadratmeter) gemietet, bei 30 Monaten mietfreier Zeit. Mitte 2001 dagegen mußten die Mieter noch rund 60 Pfund je Quadratfuß bezahlen.
Ein Gebäude wie jenes der Schweizer Rück, deren Erstellung mehrere Jahre dauere, könne man indes nicht am Auf und Ab des Immobilienmarktes ausrichten, sagt Immobilienexperte Forrester. Alleine die sieben Jahre bis zur Fertigstellung deckten rund anderthalb typische Zyklen des Immobilienmarktes ab. Die Schweizer Rück investiere mit einem langem Atem. John Fitzpatrick, Vorstandsmitglied der Swiss Re, sagte zudem, daß man vor der Entscheidung für ein eigenes Gebäude keinen geeigneten bestehenden Bau gefunden habe.
Restaurant und Bar für die Mieter
Das neue Hauptquartier der Schweizer Rück bietet auf vierzig Etagen 46 450 Quadratmeter Platz. Im obersten Stockwerk sollen bald ein Restaurant und eine Bar eröffnet werden, die aber nur von den mietenden Unternehmen genutzt werden dürfen. Durch seine gewölbte Form nimmt das Gebäude am Boden wenig Platz in Anspruch. Angenehm fällt auf, wieviel Licht in die Büroräume einfällt und wie gut das Gebäude belüftet ist, weil durch die aerodynamische Form die Außenluft wie bei einem Flugzeugflügel besonders günstig genutzt werden kann. Die Swiss Re hat das Gebäude nach eigenen Angaben pünktlich und innerhalb des vorgegebenen Budgets fertiggestellt. Wie teuer der Bau ist, verrät das Unternehmen nicht.
Das Gebäude befindet sich dort, wo in den neunziger Jahren die Baltic Exchange stand, die 1992 von einem Terroranschlag der Irisch Republikanischen Armee (IRA) schwer beschädigt worden war. Die "Essiggurke" der Schweizer Rück dürfte nach Ansicht von Architekten und Stadtplanern die traditionelle Abneigung der Londoner vor Hochhäusern zurückdrängen. Weitere "Wolkenkratzer" befinden sich bereits in Planung.
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