Man wünschte sich in der Schuldenkrise einen Hort der Sicherheit. Jemanden, dem man bedenkenlos sein Geld anvertrauen kann. Über Generationen waren das in Deutschland die Lebensversicherer. Sie bieten Sparprodukte mit mäßiger Verzinsung, dafür aber berechenbar. Gut 30 Millionen Deutsche sparen so. Auch die meisten vom Staat geförderten Riester- und Rürup-Renten und große Teile der betrieblichen Altersversorgung hängen am Wohl und Wehe der privaten Versicherer.
Diese haben auch durchaus solide auf die Finanz- und Schuldenkrise reagiert. Staatsanleihen aus den schwachen Ländern besitzen sie nur in geringen Dosen. Die unmittelbaren Folgen eines Bankrotts in Griechenland könnten sie wegstecken. Doch auch sie müssen zittern, wenn das Bankensystem europaweit in Mitleidenschaft gezogen wird. Mehr als die Hälfte ihrer Anlagen besteht aus Forderungen an Banken. Die Versicherungsbranche befindet sich daher selbst bei einem einigermaßen glimpflichen Verlauf der Krise - in gewisser Weise sogar gerade dann - in einer bedrohlichen Situation. Denn die Regierungen und die Europäische Zentralbank werden in den kommenden Jahren alles tun, um den Schuldnern das Leben zu erleichtern.
Solide finanzierte Auffanggesellschaft
Die Zinsen sind schon jetzt auf einem derart niedrigen Niveau, wie es vor kurzem niemand für möglich gehalten hätte. Für zweijährige Anleihen bietet der deutsche Staat fast gar keine Rendite mehr. Mit Zinstiteln anderer Schuldner ist mehr, aber nicht viel mehr zu holen. Solide Bankenanleihen versprechen gerade mal drei Prozent. Umgekehrt haben die Versicherungskonzerne ihren Kunden vor einigen Jahren aber noch Zinsen von vier Prozent jährlich garantiert. Später abgeschlossene Policen garantieren drei, zwei oder neuerdings nur noch 1,75 Prozent. Der Durchschnitt der Garantien liegt bei drei Prozent: So viel müssen die Versicherer mindestens erwirtschaften, wollen sie nicht selbst in eine Schieflage geraten, wie sie japanische Unternehmen vor einigen Jahren erlebt haben.
Immerhin verfügt die Branche nach der Schieflage der Mannheimer Lebensversicherung vor einigen Jahren über eine solide finanzierte Auffanggesellschaft. Doch solche Fangnetze funktionieren immer nur für Einzelfälle mittlerer Größe. Wenn das Siechtum die gesamte Branche ergreift, kann man sich nicht mehr gegenseitig stützen.
Keine beruhigende Position
Die Schwierigkeiten der Versicherer spiegeln das Problem jedes Sparers in der Schuldenkrise. Wer Geld verliehen hat, muss entweder fürchten, dass der Schuldner es nicht zurückzahlen kann. Oder er muss fürchten, dass sein Vermögen von Staats wegen angegriffen wird - entweder per Dekret, durch Steuern, Enteignung oder Umschuldung oder schleichend durch Inflation. Vieles spricht zumindest auf lange Sicht für die zweite Variante. Noch sind die Teuerungsraten erträglich, auch oberhalb des Inflationsziels der EZB von zwei Prozent. Doch schon jetzt ist der reale Zins, also der Zins nach Abzug der Teuerungsrate, negativ. Die Kaufkraft des Vermögens schwindet.
Die Ausweichmöglichkeiten sind auch für die Versicherer begrenzt. Sie sind verpflichtet, ihr Geld sicher anzulegen. Es geht also zuallererst darum, den Nominalwert ihrer Verpflichtungen erfüllen zu können. Inflation ist in diesem Zusammenhang nicht ihre erste Sorge. Hauptsache, die Versicherer haben bei Vertragsende genügend Euro, um die mit den Kunden geschlossenen Verträge zu erfüllen. Ob diese dann für das Geld noch etwas kaufen können, spielt für das Aufsichtsrecht keine Rolle. Riskante Anlagen, die höhere Renditen versprechen, dürfen die Versicherer nur in Maßen tätigen. Je mehr Eigenkapital sie haben, desto mehr dürfen sie auf Aktien, Immobilien oder Infrastrukturprojekte verteilen. Doch Kapital ist knapp. Deshalb sind die Lebensversicherer mit ihren Anlagen von mehr als 700 Milliarden Euro zu 90 Prozent in Zinspapieren gefangen. Keine beruhigende Position in einem Schuldensturm.
Was ist zu tun? Für die Kunden der Lebensversicherer ist die Antwort ernüchternd. Solange die Lage nicht eskaliert, sollten sie stillhalten. Absolute Sicherheit gibt es nirgends, und die Kosten eines Ausstiegs und kompletter Neuorientierung der Anlage sind hoch. Die Versicherer dagegen sollten ihre Kapitalanlage neu ausrichten. Das ist wegen des Aufsichtsrechts schwierig, aber es gibt Spielräume, die der Gesetzgeber noch erweitern sollte.
Außerdem sollte die Branche zumindest im Neugeschäft das Gewicht der Zinsgarantien reduzieren. Die Garantien sind ohnehin so niedrig, dass sie nach Abzug der - übrigens immer noch viel zu hohen - Kosten für Verwaltung und Vertrieb höchstens die eingezahlten Prämien der Kunden absichern. Dann kann man sich auch ganz davon entfernen, was die Spielräume in der Kapitalanlage weiter erhöhen würde. Die Versicherer sollten zeitig damit anfangen. Denn viele Sparer vertrauen ihnen und schätzen die Kombination von finanzieller Vorsorge und der Absicherung von Lebensrisiken. Außerdem sind die Versicherer darauf getrimmt, Geringverdienern das Ansparen von kleinen Summen zu ermöglichen. Deshalb werden sie für den Aufbau der privaten Altersvorsorge noch gebraucht.
Die alte Leier
gisbert heimes (gisbert4)
- 20.06.2012, 20:02 Uhr
Sehr geehrter Herr Beck,
Rudolf März (maerkur)
- 20.06.2012, 18:13 Uhr
Versicherungen - Hort der Sicherheit???
Closed via SSO (paultheodor)
- 20.06.2012, 14:53 Uhr
Unausweichlich ...
Sascha Rieger (JonasundderWal)
- 20.06.2012, 14:06 Uhr
Herr Heimes
Michael Scheffler (Striesner)
- 20.06.2012, 14:06 Uhr