Die Kritik von Sergio Marchionne am Volkswagen-Konzern wurde in Italien von allen Medien aufgenommen. Dennoch kann der Fiat-Chef in Italien nicht mehr darauf bauen, dass er in einem nationalen Reflex geschlossenen Rückhalt für seine Kritik in Richtung Deutschland finden kann. Dabei klang sie zunächst durchaus verfänglich: Der deutsche Autokonzern sei es, der ganz Europa in einen verhängnisvollen Preiskrieg gestürzt habe. Zwischen den Zeilen klingt dabei auch noch durch, dass der Volkswagen-Konzern in China riesige Gewinne erwirtschafte und damit in Europa Preisdumping betreibe.
Tatsächlich mag Marchionne darüber verärgert sein, dass der Volkswagen-Konzern für die Auslaufmodelle des Golf plakativ mit einem Nachlass von 5000 Euro wirbt. Doch das ist nur eine Art Nischenangebot für ein besonders gut ausgestattetes Dieselmodell, das schließlich immer noch mehr als 20.000 Euro kostet, im Vergleich zum vorher schon vielfach vergünstigten Preis des kompakten Fiat Bravo ab etwa 16.700 Euro.
Vor wenigen Jahren hat er VW noch als Vorbild beschrieben
Deutschlands Autobauer Nummer Eins hatte Marchionne noch vor wenigen Jahren bei der Hauptversammlung von Fiat als Vorbild für die Maximierung von Vorteilen aus vielen Gleichteilen und verschiedenen Markenprofilen beschrieben. Doch Deutschland und seine Autobauer haben bei dem italienisch-kanadischen Automanager Marchionne immer wieder für bittere Stimmung gesorgt. Zum einen scheiterte Marchionne auch am deutschen Misstrauen mit seinem Plan einer Übernahme von Opel.
Zum anderen muss er zusehen, wie die deutschen Nobelmarken in den gehobenen Marktsegmenten des italienischen Marktes die angestammten Marken Alfa Romeo oder Lancia zu einem Nischendasein und zum Teil zum völligen Rückzug verurteilten. Schließlich wirkt auch das Werben von Volkswagen um die Marke Alfa Romeo wie ein rotes Tuch, weil viele Italiener dem deutschen Autokonzern und eben nicht mehr Marchionne die Wiederbelebung eines Mythos zutrauen und dies auch in den Medien geäußert wird.
Den Nimbus als bewunderter Retter hat Marchionne verloren
In Italien hat der 60 Jahre alte Marchionne, der 2004 einen völlig zerrütteten Fiat-Konzern übernahm, längst seinen früheren Nimbus als bewunderter Retter des größten italienischen Industriekonzerns verloren. Marchionne, der mit seinen Eltern im Alter von 14 Jahren nach Kanada auswanderte und dort nach der Ausbildung zum Anwalt und Wirtschaftsprüfer eine Karriere in der Aluminiumindustrie, bei der Schweizer Zertifizierungsgesellschaft SGS und schließlich bei Fiat startete, wird in Italien immer mehr als kauziger Fremdkörper angesehen.
Dabei war ihm noch vor kurzem das Kunststück gelungen, mitten in der Krise und ohne nennenswerten Aufwand an Bargeld den amerikanischen Chrysler-Konzern zu übernehmen. Misslungen ist aber nachher der Versuch, aus dieser Übernahme auch durch eine größere Modellpalette für Fiat und Chrysler Kapital zu schlagen, etwa mit italienischen Autos auf Chrysler- und Jeep-Plattformen und amerikanischen Kleinwagen auf einer technischen Basis aus Italien. Marchionne hatte zwar 2009 den Versuch unternommen, partnerschaftlich mit Gewerkschaften und Politikern ein Zukunftsprojekt für Fiat zu starten, mit mehr gesicherten Arbeitsplätzen in Italien und 20 Milliarden Euro an Investitionen als Lockmittel, doch gab es darauf von der Politik und zwei Gewerkschaften nur zögerliche Reaktionen, von einer traditionell kommunistischen Gewerkschaft sogar Störfeuer.
Die kritischen Worte gegen VW kommen nicht an
Der rastlos zwischen Amerika und Turin hin- und herfliegende Marchionne hatte weder Zeit noch Geduld, sich in Italien auf lange Verhandlungen einzulassen. Der tiefe Sturz der Verkaufszahlen auf dem italienischen Automarkt, auf gut 60 Prozent früherer Rekordwerte, hat nun Investitionen und die Erneuerung der Modellpalette weiter in Frage gestellt. Die Gewerkschaften und Politiker fragen höhnisch nach den 20 Milliarden Euro an Investitionen, für die sie aber nicht genügend Zugeständnisse machen wollten.
Marchionne äußert sich sarkastisch über den Industriestandort Italien und hat zuletzt für ein Kompaktmodell eine Fabrik in Serbien gebaut und die Fertigung des Alfa Romeo-Spider nach Japan vergeben. Sowohl bei Italiens Linken als auch bei der rechten Lega Nord kamen daher die kritischen Worte gegen VW nicht an: „Surreal“ lautet das Urteil.
Der liebe Herr Marchionne...
Hans Glück (hansglueck)
- 28.07.2012, 10:05 Uhr
Wo wäre Fiat ohne Marchionne?
Werner Kuemmerle (wkuemmerle)
- 27.07.2012, 22:44 Uhr
Marchionne mag zwar die Gewerkschaften und Politiker gegen sich haben…
Aldo Cordoba (apothekentest)
- 27.07.2012, 22:40 Uhr
Lancia, einst der Mercedes
Norbert G. Kaess (GeJN)
- 27.07.2012, 21:14 Uhr