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Veröffentlicht: 10.07.2017, 07:51 Uhr

Dämm-Vorschriften Die Feuerwehr schlägt Alarm

Mit teils deutlichen Verschärfungen will die Feuerwehr in Deutschland weitere schwere Brände von Häuserfassaden verhindern. Eine Änderung der Vorschriften könnte teuer werden – auch weil sich eine ungewöhnliche Allianz formiert hat.

von , Ludwigshafen
© dpa Viele wärmegedämmte Häuser haben Polystyrol an den Außenwänden.

Die Feuerwehren fordern einen schärferen Brandschutz für Polystyrol-gedämmte Fassaden. Am 12. Juni – zwei Tage vor dem verheerenden Hochhausbrand in London – haben der Deutsche Feuerwehrverband und die Leiter der Berufsfeuerwehren ein gemeinsames Positionspapier veröffentlicht, das es in sich hat. Die Profis verlangen darin einen Brandriegel aus nichtbrennbarem Material in jedem Stockwerk und nicht mehr nur in jedem zweiten. Zudem müssten bewegliche Brandlasten, also etwa Mülltonnen „eingehaust“ werden, um ein Überspringen eines Brandes auf die Fassaden zu verhindern. Ist das nicht möglich, sollte man das gesamte Erdgeschoss mit nicht brennbaren Dämmmaterialien verkleiden.

Bernd  Freytag Folgen:

Zur Begründung heißt es: Brände von Wärmedämmverbundsystemen, in denen Polystyrolschaum verarbeitet sei, stellten die Feuerwehrwehren vor enorme Herausforderungen. „Die rasante Brandausbreitungsgeschwindigkeit und die enorme Rauchintensität dieser Systeme unterscheiden sich deutlich von anderen Fassadenbränden.“

Wohin mit den alten Styroporplatten?

Die Forderung platzt in eine aufgewühlte Stimmung. Das Brandinferno in London, bei dem mindestens 79 Menschen ihr Leben verloren und bei dem eine mit einem Kunststoffkern gefüllte und mit Aluminium verkleidete Fassade den Brand vermutlich beförderte, in jedem Fall aber nicht stoppte, hat auch in Deutschland zu besorgten Reaktionen geführt. Die zwangsweise Räumung eines Hochhauses in Wuppertal folgte, und Fragen zum Brandschutz werden laut.

Die Hersteller von Dämmmaterialien stehen gewaltig unter Druck, zumal der Markt seit einiger Zeit schrumpft: Obwohl die Bauwirtschaft brummt, ist der Markt für Wärmedämmverbundsysteme in Deutschland 2016 zum fünften Mal in Folge zurückgegangen. Die Entsorgung von alten Styroporplatten ist noch immer nicht gelöst. Noch ein Jahr darf der „gefährliche Müll“ weiter verbrannt werden, dann muss eine langfristige Lösung her. Die Akzeptanz von erdölbasiertem Styropor aber ist wesentlich für den Erfolg der Energiewende. Die billigen Dämmungen sind an den meisten Fassaden verbaut. Eine weitere Einschränkung oder ein Verbot würde das Bauen bei gleichen Energieeinsparvorschriften erheblich verteuern.

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Dämmwirtschaft und Teile der Politik versuchten nach dem Brand in London die aufgeheizte Debatte zu beruhigen. Eine Woche nach dem Unglück meldete sich eine ungewöhnliche Allianz aus Unternehmensverbänden und Umweltschutzorganisationen zu Wort. In einem Informationsschreiben listen die Unterzeichner die Bestimmungen in Deutschland auf und nennen Möglichkeiten, die Sicherheit zu erhöhen – bis hin zu Alternativen für das umstrittene Polystyrol. Die Initiatoren, darunter Chemiekonzerne, Hersteller von Dämmungen, aber auch der Naturschutzbund Nabu und die Deutsche Umwelthilfe, stellten ihre unterschiedlichen Interessen zurück, um die Dämmlust nicht weiter zu bremsen. Die Unterzeichner weisen darauf hin, dass in Deutschland für Gebäude zwischen sieben und 22 Meter Höhe schwer entflammbare Dämmungen vorgeschrieben seien. Nach „einigen Brandereignissen“ sei das Brandverhalten nochmals überprüft und die Vorgaben geändert worden.

Die Bilanz der Feuerwehren ist eine andere. In der von der Frankfurter Feuerwehr initiierten freiwilligen Meldeliste für Brände mit Polystyrol-Fassaden sind nach Angaben des Feuerwehrverbandes über 90 Brandfälle mit elf Todesfällen und 124 Verletzten aufgeführt. „Besonderes Augenmerk möchten wir darauf richten, dass die Toten nicht in der Brandwohnung selbst verstorben sind, sondern in Wohnungen anderer Geschosse.“

Feuerwehren befürchten laxere Regeln

Die Feuerwehren sorgen sich vor allem wegen der anstehenden Harmonisierung von Prüfverfahren für das sogenannte Bauprodukterecht in der EU. Seit August 2016 laufen die Verhandlungen. „Wir befürchten, dass die Brandschutzvorschriften ausgehöhlt werden könnten“, sagt Björn Maiworm, Brandoberrat bei der Münchner Feuerwehr und Mitautor des Papiers.

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Unabhängige Experten halten die Forderung der Feuerwehr für berechtigt. Der Mainzer Brandschutzsachverständige Gero Lehmann sagt, Brandriegel in jedem Geschoss seien umsetzbar und – abhängig von der Gebäudehöhe – sinnvoll. Die Wirkung einer vollständigen Verkleidung des Erdgeschosses nur mit nicht brennbaren Materialien oder eine nicht brennbare Abtrennung mobiler Brandlasten sei aber fragwürdig, zumal der Begriff bewegliche Brandlasten schwer zu fassen sei. „Das können nicht nur Mülltonnen sein, sondern auch Rasenmäher oder sogar das eigene Auto.“

Die Forderung der Feuerwehr geht noch weiter. Wenn es nicht möglich sei, die beweglichen Brandlasten abzutrennen oder für Abstand zur Fassade zu sorgen, müsse das Erdgeschoss „mit nicht brennbaren Dämmmaterialien ertüchtigt werden“. Mit anderen Worten: Die alte Styropordämmung muss ab, eine neue, nicht brennbare, drauf. Über die Forderungen der Feuerwehrleute entscheidet die Bauministerkonferenz Ende November.

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