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F.A.Z.-Konferenz : Fernseher, Waschmaschinen, Drohnen - zu vermieten

Alexander Birken ist Vorstandsvorsitzender der Otto-Gruppe. Bild: Klaus Weddig

Keine Angst vor der Digitalisierung: Das predigen so unterschiedliche Unternehmen wie Otto oder Siemens. Und sie sind mit innovativen Ideen durchaus erfolgreich.

          Alexander Birken weiß: Wer sich nicht verändern will, hat bald ein großes Problem. Für Unternehmen wie Otto, das der Manager seit Jahresbeginn leitet, gilt das ganz besonders. Jahrzehntelang gehörte der dicke Katalog der Hamburger zum guten Ton in deutschen Wohnzimmern. Heute gibt es den Katalog immer noch, allerdings ist die Auflage kaum noch der Rede wert, und das Geld wird woanders verdient: 90 Prozent des Geschäfts läuft heute online ab.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wer sich wundert, warum es Otto im Gegensatz zu den langjährigen Konkurrenten Quelle und Neckermann noch immer gibt, dem erzählt Birken von einem Unternehmen, das inzwischen viel breiter aufgestellt ist als früher und das Amazon und das Internet nicht fürchtet. Auf der dritten Disruptionskonferenz des Frankfurter Allgemeine Forums berichtete der Chef der Otto Group, wie er dem großen Handelsschreck Kontra bieten will. Man könne versuchen, Amazon zu imitieren. Aber man könne sich auch überlegen, eine Verkaufsplattform anders zu gestalten als die Amerikaner.

          Wachstum weiter beschleunigen

          Zum Beispiel so wie Aboutyou. Der Internet-Modeanbieter ist erst seit gut drei Jahren am Markt und wächst kräftig. Mit einem Umsatz von 135 Millionen Euro im vergangenen Geschäftsjahr übertraf das Otto-Unternehmen das angepeilte 100-Millionen-Ziel deutlich. In fünf Jahren soll die Umsatzmilliarde erreicht sein.

          Was macht den Erfolg aus? Man setze auf eine weibliche Klientel und auf starken persönlichen Service, sagt Birken und spricht von „radikaler Personalisierung“. Auch das Versprechen von 100 Tagen Rückgaberecht dürfte geholfen haben, die Kundinnenschar auf die Marke von einer halben Million hochgetrieben zu haben.

          Start-up-Projekte wie Aboutyou locken inzwischen nicht nur Konsumenten, sondern auch Geldgeber. In der Hamburger Firmengruppe wird der Einstieg externer Investoren und auch die Möglichkeit von Börsengängen erörtert. Das Ziel: Das Wachstum noch weiter zu beschleunigen.

          „Die ganze Wertschöpfung digitalisieren“

          Daneben sind es ganz neue Geschäftsmodelle, mit denen Unternehmen im Zeitalter der Digitalisierung gut zu überleben versuchen. Otto setzt auf den Trend der Sharing Economy, also der Ökonomie des Teilens. Unter der Marke „Otto now“ müssen Kunden nicht kaufen, sondern sie können mieten: Fernseher, Waschmaschinen, Tablets, Kaffeevollautomaten, Drohnen oder E-Bikes.

          Als Kundengruppen denkt man an den Studenten, der in einer WG ohne Waschmaschine wohnt, oder an junge Familien mit Kindern, deren Ansprüche sich häufig ändern. Nicht jeder im Unternehmen fand das Projekt gut: Mieten statt kaufen – konterkariert das nicht das etablierte Geschäftsmodell? Birken setzt solchen Sorgen die These entgegen: „innovate or die“ – sei innovativ oder gehe unter. Und da sei es gelegentlich notwendig, das eigene Geschäft zu kannibalisieren.

          Auch jenseits des Handels gilt: Was digitalisierbar ist, wird hemmungslos digitalisiert. Mit seinem Geschäftsfeld Digital Factory gehört der Technologiekonzern Siemens zu den Vorreitern. „Die ganze Wertschöpfungskette muss digitalisiert werden“, so lautet das Mantra von Jan Mrosik, der den Siemens-Bereich Digital Factory. In Frankfurt demonstrierte Mrsosik, dass nicht nur das Produktdesign inzwischen im PC stattfindet. Auch die Produktion in einer Fabrik selbst lässt sich simulieren – um zum Beispiel mögliche Engpässe schon vor einer echten Produktion virtuell zu identifizieren. Oder die Leistungsfähigkeit und das Verhalten von Produkten.

          Heute muss man nicht mehr auf die Straße, um die Wärmeentwicklung in einem neuen Motor unter Belastung zu prüfen. Heute liefert der PC die realen Bedingungen und zeigt mögliche Schwächen auf. Gerne spricht Mrosik vom „digitalen Zwilling“: erst wird simuliert, dann kommt ein Prototyp, und dann erst wird produziert.

          Wer generell am Sinn der digitalen Transformation der Wirtschaft zweifelte, für den hatte Postchef Frank Appel zum Konferenzauftakt am Donnerstagabend ein paar klare Botschaften mitgebracht: Dass Digitalisierung Arbeitsplätze vernichte, sei ein „Mythos“. Und auch, dass sie kompliziert sei. Vielmehr versuche mancher in der Wirtschaft, sich hinter komplexen Schlagworten zu verstecken, um sich damit unentbehrlich zu machen.

          Quelle: F.A.Z.

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