08.12.2006 · Wenn VW-Vorstandsvorsitzender Pischetsrieder zum Jahreswechsel geht, dann ist das wohl vor allem das Verdienst von Ferdinand Piëch. Der Porsche-Enkel mit dem tödlichen Blick zieht bei VW die Strippen. Und zwar solange er will.
Von Wolfgang HelmerBesonders auffällig sind die Augen. Wenn Blicke töten könnten, sagt ein Piëch-Geschädigter, von denen es viele gibt, säumten Leichen seinen Weg.
Tatsächlich besitzt Ferdinand Piëch die Gabe, sein Gegenüber mit seinen hellen Augen auf eine Art und Weise zu fixieren, die dem neutralen Beobachter mindestens sehr auffällig, wenn nicht unangenehm erscheint. Und wer abhängig ist, sollte sich nach einer solchen Fixierung Gedanken über seine weitere Karriere machen, am besten anderswo.
Piëch ist diese besondere Gabe durchaus bekannt. Nach seiner „Auto Biographie“ ist eine Art sturer Blick gewissermaßen ererbt. Schon seine Vorfahren und auch seine Mutter hätten irgendwohin starren und darüber die Welt vergessen können. Es passiere, das jemand erschrickt, obwohl er ihn ganz harmlos anschaue. Wenn das so ist, kann man leicht nachvollziehen, wie Piëch schaut, wenn er nicht harmlos ist.
Temporärer Autismus
Dieser selbstvergessene Blick scheint aber nicht nur eine Äußerlichkeit zu sein, sondern korreliert mit einer anderen Eigenschaft. Wenn er etwas erreichen wolle, gehe er auf das Problem zu und ziehe es durch, ohne zu merken, was um ihn herum stattfindet.
Die Umgebung mag sein eingeschränktes Gesichtsfeld bemerken und den Zustand nicht so richtig gemütlich finden. Das könnte man indes als milde Form eines temporären Autismus interpretieren. Piëch selbst sieht darin nichts anderes als die völlige Konzentration auf ein Thema.
Das Du ist extrem selten
Die Vielzahl der Piëch-Geschädigten ergibt sich aus dem Umstand, daß nach Piëchs Erfahrungen jedes Unternehmen allenfalls ein Fünftel Macher hat, mehrheitlich hingegen Bedenkenträger. Höchstleistungen seien nur zu erreichen, wenn man an die Grenze des Erreichbaren gehe. Und das verlaufe nicht immer harmonisch. Das stört ihn aber nicht weiter, denn sein Harmoniebedürfnis ist nicht sehr ausgeprägt. Und so erscheint es nur als logisch, daß es bei Ämterwechseln Piëchs regelmäßig zu zahlreichen Abgängen kam. Piëch kennt da kein Bedauern. Wer gut ist, setze sich auch anderswo durch, und wer nicht so gut ist, sei am besten bei der Konkurrenz aufgehoben.
Unter den Machern findet Piëch seine Mitstreiter, meistens leidenschaftliche Techniker wie er selbst. Gibt es eine gemeinsame Wellenlänge, entstehen durchaus feste und viele Jahre überdauernde Beziehungen. Dabei bleibt er immer distanziert. Das Du ist extrem selten, Schulterklopfen oder kumpelhaftes Verhalten hält er für entbehrlich.
Wolfsburg - Großvater - VW-Chef
Piëchs Verhalten wird gern mit seiner Herkunft erklärt. Er ist Enkel von Ferdinand Porsche, dem Konstrukteur des Käfers, der zugleich die Basis für das Familienimperium legte. Porsche war gegen Ende des Zweiten Weltkrieges einer der wichtigsten Rüstungskonstrukteure und zudem Hauptgeschäftsführer des Volkswagenwerkes, sein Schwiegersohn Anton Piëch war Werkleiter. Da Piëchs Vater Anton als Vorbild ausfällt – er starb, als Ferdinand fünfzehn Jahre alt war –, müsse der Großvater, so eine beliebte These, als Identifikationsfigur herhalten, die es wiederum zu übertreffen gelte.
Über solche populäre Amateurpsychologie macht sich Piëch lustig. Eine Assoziationskette Wolfsburg – Großvater – VW-Chef habe es nie gegeben; sie habe allenfalls andere zu phantasievollen Einschätzung seines Unterbewußtseins angeregt. Auch seine Erfahrungen in einem überaus strengen Schweizer Internat will er nicht als prägend anerkennen. Monokausale Erklärungsmuster reichen offensichtlich nicht aus. Ganz gewiß aber spielt der familiäre Hintergrund eine wesentliche Rolle.
Rücksicht auf Schröders Interessenlage
Piëchs Mutter Louise war eine starke Frau. Sie baute den österreichischen Zweig des Familienunternehmens auf und ging noch im hohen Alter auf Großwildjagd. Ihre vier Kinder behandelte sie im Prinzip gleich, aber Favorit sei jeweils der gewesen, dessen Leistung sie im Moment am höchsten geschätzt habe, schreibt Piëch. Bestimmend für Piëchs Verhalten war überdies der Widerstand gegen ihn, der ein beständiger Begleiter seiner Karriere ist, bis heute.
Widerstand leistete die Familie, als es um die Frage der Leitung bei Porsche ging. Piëch hatte dort als Entwicklungschef gute Arbeit geleistet und unter anderem einen Rennsportwagen, den Typ 917 entwickelt, der die Konkurrenz in Grund und Boden fuhr. Aber Piëch hatte ebenso das Entwicklungsbudget hemmungslos überschritten. Als er später für den Vorstandsvorsitz bei Audi kandidierte, wo er als Entwicklungsleiter angefangen hatte, waren der damalige Vorstandschef Wolfgang R. Habbel ebenso dagegen wie der Vorstandschef der Muttergesellschaft Volkswagen, Carl H. Hahn.
Wundersamerweise fügte es sich, daß es Piëch immer gelang, Verbündete zu finden, zur Not bei den Arbeitnehmervertretern. Auch mit dem damaligen Ministerpräsidenten Niedersachsens, Gerhard Schröder, verbündete sich Piëch, um einerseits Rücksicht auf dessen Interessenlage, nämlich eine stabile Beschäftigung zu nehmen, und um andererseits seine hochfliegenden Pläne möglichst ohne Einschränkung umsetzen zu können. Das gilt vor allem für die bis heute umstrittene Erweiterung der traditionellen Fahrzeugpalette nach oben.
Blanke Koketterie
Schon zur Zeit als Audi-Chef hatte Piëch Überlegungen über ein Modell oberhalb des A 8 angestellt, mit dem Audi in die Oberklasse vorgestoßen war. Damals bereits streckte er erste Fühler nach der Marke Bentley aus, deren elitär-sportliches Image ihn besonders reizte. Als VW-Chef erfüllte er sich dann seinen Traum, ergänzt noch um die italienische Sportwagenmarke Lamborghini und die ultimative Automarke überhaupt, Bugatti. Piëch war und ist der Meinung, ein Konzern wie Volkswagen müsse die oberste Klasse abdecken, zumal wenn die Premiumwettbewerber ihr Programm nach unten erweitern. Weitere Rechtfertigung bezieht Piëch aus dem Umstand, daß Volkswagen mit dem Dreiliterauto ebenso Maßstäbe am unteren Ende der Palette gesetzt hat. Daß Piëch nicht nur die Marke Bugatti erwarb, sondern mit dem Bugatti Veyron einen Wagen der Extreme baute, mit 1001 PS und einer Höchstgeschwindigkeit von 406 Kilometer pro Stunde, läßt sich durchaus mit seinem Naturell begründen.
Daß ihm diese Modellpolitik schwere Kritik eingetragen hat, stört ihn nicht erkennbar. Wesentliche Änderungen der Modell- und Markenpolitik sind nicht zu erwarten. Martin Winterkorn, der Piëchs Nachfolger im Vorstandsvorsitz, Bernd Pischetsrieder, jetzt ablöst, ist erstens schon seit Jahren enger Vertrauter Piëchs und zweitens Chefentwickler des VW-Oberklassemodells Phaeton gewesen, das zwar technisch mit der Konkurrenz gleichzieht, sich aber wegen des nicht vorhandenen Images schlecht verkaufte. Die dezente Abkehr von diesem Modell, die Pischetsrieder einleitete, dürfte mit zu seinem Sturz beitragen haben. Genau wissen das aber nur Pischetsrieder und Piëch, womöglich sogar nur der. Vor der Berufung Pischetsrieders hatte Piëch getönt, sein Nachfolger müsse besser sein als er selbst. Das war wohl blanke Koketterie. Denn es ist wenig wahrscheinlich, daß Piëch jemand anderen für besser halten kann.
Falls er einen Schneider hat, sollte er ihn wechseln
Als Piëch 1993 Vorstandsvorsitzender von Volkswagen wurde, verfügte der Konzern über achtundzwanzig Modelle, neun Jahre später, beim Wechsel Piëchs in den Aufsichtsratsvorsitz, waren es fünfundsechzig. Der Umsatz hatte sich weit mehr als verdoppelt, das Ergebnis 2001 erreichte, nach einem Verlust im Jahre 1993, einen Rekordwert. Dennoch gab es reichlich Defizite. Viele Marktsegmente, in denen Konkurrenten erfolgreich sind, blieben unbesetzt. Die Mängel in der Produktivität, notorisch vor allem für die Stammmarke, bestanden nach wie vor, desgleichen die viel zu hohen Personalkosten in Westdeutschland und die ebenfalls viel zu hohen Kapazitäten. Ob sich das, was Piëch immerhin über seine Jahre hingenommen hatte, unter der sich abzeichnenden Regie von Porsche ändern wird, ist die spannende Frage der nächsten Jahre.
Der erste Berufswunsch des jungen Piëch richtete sich auf die Hotellerie. Das scheiterte aber an mangelndem Talent für Fremdsprachen, womöglich die Folge einer erst viel später erkannten Legasthenie – mittlerweile gibt er die Kenntnis von vier Fremdsprachen an. So wurde er Ingenieur. Bevorzugt wäre er in die Flugzeugindustrie gegangen, das war aber mangels Industrie nicht möglich. Da blieb nur der Familienbetrieb. Er spricht meistens langsam, mit unvermittelten Pausen, die ebenso irritieren können wie er erwähnte Blick. Er trägt gern hellgraue Anzüge mit Streifen. Falls er einen Schneider hat, sollte er ihn wechseln. Piëch im Brioni-Anzug, schwer vorstellbar.
Systemkonforme Entschärfung
Aber auf Äußerlichkeiten legt er keinen sonderlichen Wert, ebenso wenig auf öffentliche Auftritte. Auch mit den Accessoires nimmt er es nicht so genau. Rudolf Augstein, damals Herausgeber des „Spiegel“ monierte einmal bei Piëchs Frau Ursula dessen zu kurze „unvermeidliche“ (Piëch) Burlington-Socken. Da hatten sich Augstein und Piëch aber schon vertragen. Zeitweise war Piëch bevorzugte Zielscheibe des Hamburger Magazins.
Den Höhepunkt erreichten die Attacken aus Anlaß der Lopez-Affäre, bei der der Spiegel einen Abgrund an Verrat witterte. Dabei ging es um den Wechsel des Managers José Ignacio Lòpez de Arriortùa von General Motors in Detroit zu Volkswagen. Dem Spanier wurde dabei vorgeworfen, Betriebsgeheimnisse mitgenommen zu haben. Da Lopez bei dem Wechsel den Vorstandschef von General Motors bloßgestellt hatte, geriet die Affäre beinahe außer Kontrolle. Nur mit tatkräftiger Hilfe des in Amerika gut vernetzten Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Liesen, dezenter politischer Eingriffe und seinem mephistophelischen Pressechef Klaus Kocks („Ein Chef muß ein Schwein sein. Das gilt auch für mich als Chef“) glätteten sich die Wogen.
Dennoch verdankt Volkswagen Lopez einiges. Nicht nur günstigere Beschaffungspreise, sondern auch einen Motivationsschub unter den Beschäftigten – Lopez sprach von den Herren Arbeitern –, der unter anderem dazu beitrug, daß Volkswagen bei Piëchs Amtsantritt einen Personalüberhang von 30.000 Beschäftigten hatte, den der kurz danach geholte Personalvorstand Peter Hartz mit der VW-Viertagewoche systemkonform entschärfte. Aber das ist eine andere Geschichte. Genauso wie die über Betriebsräte und deren Reisen mit Begleitung, vom Unternehmen alimentierte Gespielinnen und einen ums nationale Renommee gebrachten ehemaligen Personalvorstand. Bisher hat niemand Piëch damit in Verbindung gebracht, ebensowenig Pischetsrieder. Aber das muß nicht so bleiben.
Ehen und „Connections“
Auch privat bewegte sich Piëch nicht immer nach kleinbürgerlichen Normen. Die Ehe mit seiner Jugendliebe hielt nicht lange. Zu seinen erwähnenswerten Affären gehört die mit Marlene Porsche, der Frau seines Vetters Gerd Porsche. Da Gerd Porsche keinen Ehevertrag hatte, geriet das Gleichgewicht zwischen den Stämmen Porsche und Piëch zeitweise ins Wanken. Seine jetzige Ehefrau Ursula lernte Piëch praktischerweise bei sich zu Hause kennen; sie war als Gouvernante eingestellt worden. Aus Ehen und „Connections“ wie er es nennt, hat Piëch summa summarum zwölf Kinder.
Im April des nächsten Jahres wird er siebzig Jahre alt. Nach den Unternehmensregeln müßte er dann den Aufsichtsratsvorsitz abgeben. Doch inzwischen ist die Porsche AG, wo Piëch maßgeblichen Einfluß besitzt, größter Aktionär bei Volkswagen. Über seine Absichten äußert er sich nicht öffentlich. Aber Piëch bleibt die zentrale Figur bei Volkswagen, in welcher Funktion auch immer. Und zwar solange er will.
Form und Inhalt
walter mueller-wipperfuerth (wipper)
- 08.12.2006, 12:55 Uhr
Großmannssucht
Detlef Stark (wool-web)
- 08.12.2006, 17:54 Uhr
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