Home
http://www.faz.net/-gqe-s1af
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 18. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ferdinand Piech Die Intrigen des Porsche-Enkels

05.03.2006 ·  Aufsichtsratschef Ferdinand Piech spielt bei VW eine dubiose Rolle. Er demontiert Vorstand Pischetsrieder, um selbst an der Macht zu bleiben. Jedes Mittel ist ihm recht. Was treibt ihn um?

Von Henning Peitsmeier
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Ferdinand Piech mag große Auftritte in der Öffentlichkeit nicht allzu sehr. Er braucht sie auch nicht, um Großes zu bewirken. Vorige Woche reichte dem medienscheuen VW-Aufsichtsratsvorsitzenden eine gezielte Indiskretion, um ein mittleres Beben auszulösen. Ein einziger Satz im „Wall Street Journal Europe“ läßt Europas größten Autokonzern seit Tagen kopfstehen: „Ich kenne kein Unternehmen in Deutschland, wo jemand mit zehn Arbeitnehmer-Gegenstimmen überleben konnte“, hat Piech gesagt und damit eine Debatte um die Zukunft von Vorstandschef Bernd Pischetsrieder losgetreten.

Über diesen einen Satz diskutiert nun die gesamte Autonation. Was treibt den alten Mann um, hier seinen eigenen Vorstand öffentlich zu demontieren? Noch dazu jemanden, den er selbst vor drei Jahren als seinen Nachfolger auserwählt hat? „Piech ist um sein Lebenswerk besorgt“, sagt ein Automanager, der den Porsche-Enkel seit vielen Jahren kennt. Piech, dieser ebenso geniale wie mißtrauische Konstrukteur, könne einfach nicht mehr länger mit ansehen, wie Pischetsrieder mit seinem Nachlaß bei VW umgeht, wie er die Nobelkarosse „Phaeton“ in Amerika gestoppt und die Luxusstrategie scheibchenweise auf Eis gelegt hat. Deshalb, so Piechs Überzeugung, muß Pischetsrieder weg. Und deshalb dieser eine Satz.

Das Erbe sichern

Piech sieht seine Lebensaufgabe darin, das Erbe seines Großvaters Ferdinand Porsche zu sichern. Zu dem legendären Käfer-Erfinder hat er immer aufgeschaut. An dem Großvater will er gemessen werden: „Es war immer mein Ziel, einmal eine größere Firma zu leiten als mein Großvater“, hat Piech einmal gesagt.

Schon heute ist der 68 Jahre alte Österreicher so mächtig, wie es sein Großvater nie war. Die Familien Porsche und Piech kontrollieren den Sportwagenhersteller Porsche, Piech allein besitzt mehr als zehn Prozent der Stammaktien. Er ist nicht nur Aufsichtsratsvorsitzender von VW und Mitglied im Porsche-Aufsichtsgremium, sondern auch Mitinhaber der Porsche Holding in Salzburg, einem der wichtigsten VW-Vertriebspartner in vielen Ländern. Kurzum: bei Piech laufen die Fäden von Porsche und VW zusammen.

Schwierige Situation

Für ihn sind beide Autofirmen unzertrennlich. Ganz im Sinne seines Großvaters hat er sie wieder zusammengeführt, hat Porsche im September vergangenen Jahres zum milliardenschweren Einstieg bei VW verholfen. Jetzt fehlt nur noch der richtige Mann im Vorstand, der unter ihm, Piech, den Laden richtig führt. Einer wie Wendelin Wiedeking, der seit 13 Jahren amtierende Porsche-Chef? Nichts läge näher, auch wenn Wiedeking heute entsprechende Ambitionen dementiert. Was sollte er auch anderes sagen? Noch ist der Posten mit Pischetsrieder besetzt. Und Wiedeking ist eh in einer schwierigen Situation, weil Piech bei Porsche Eigentümer ist. Gegen die Interessen des Eigentümers hätte es auch ein erfolgreicher Manager wie Wiedeking schwer.

Es wäre nicht das erste Mal, daß Piech Karrieren schnell befördert und abrupt wieder beendet. Wie Schachfiguren hat Piech über zwei Jahrzehnte hinweg Manager auf die richtigen Posten geschoben, hat sie öffentlich selten gelobt, aber um so häufiger getadelt. Schwer hatten es immer jene Manager, die Piechs Nachlaß übernahmen. Als erstes erwischte es 1993 Audi-Chef Franz-Josef Kortüm, der schon nach 13 Monaten gefeuert wurde, weil Piech die Absatzzahlen nicht paßten. Daß Audi zuvor unter Piech auf Halde produziert hatte, wurde Kortüm zum Verhängnis. Auch der selbstbewußte Nachfolger Herbert Demel mußte den Posten bald wieder räumen, als er zum wiederholten Male mit Piech aneinandergeraten war. Ein prominentes Opfer bei der Marke mit den vier Ringen war auch Franz-Josef Paeffgen. Ihn hatte Piech 2001 pikanterweise über ein Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung abgeschossen, in dem er den „Stillstand“ bei Audi kritisiert hatte.

Das „System Piech“ funktionierte

Wer Fehler machte, bekam schnell Piechs Ungeduld zu spüren. Piech selbst hat scheinbar mühelos für alle Managementprobleme auch in der Grauzone zwischen Politik und Wirtschaft eine Lösung gefunden. In den Jahren, als Niedersachsen von der SPD regiert wurde, hat Piech bei VW ein dichtes Netz von wechselseitigen Beziehungen und Abhängigkeiten gewoben. Als Vorstand kaufte er Bugatti und Lamborghini, gab Milliarden für Luxusträume aus, ohne daß der Betriebsrat auch nur einmal protestiert hätte. Die VW-Arbeitnehmer hielt Personalvorstand Peter Hartz bei Laune. Das „System Piech“, es funktionierte sogar im VW-Skandal um Korruption und lustreisende Betriebsräte einwandfrei.

Es klingt paradox, doch die VW-Affäre, die Duzfreund Hartz zum Verhängnis wurde, hat Piechs Macht noch gefestigt. Gewerkschafter und Betriebsräte stehen in Nibelungentreue zum VW-Aufsichtsratsvorsitzenden, der eigentlich ein Mann der Kapitalseite ist. Gemeinsam haben sie den Audi-Personalvorstand Horst Neumann bei VW als neuen Arbeitsdirektor im Aufsichtsrat durchgeboxt - gegen den Willen von Pischetsrieder. Gemeinsam machen sie auch schon seit Monaten Front gegen Christian Wulff. Der CDU-Politiker sitzt als Ministerpräsident des Landes Niedersachsen im VW-Aufsichtsrat. Er hatte es gewagt, in der VW-Affäre Piech zum Rücktritt aufzufordern, nachdem der eine Ehrenerklärung für Hartz abgegeben hatte. Piech ist deswegen auch über Pischetsrieder verärgert. Der hatte ebenfalls die Doppelrolle Piechs als Porsche-Miteigentümer und VW-Aufsichtsratschef kritisiert. Daß Piech 2007 den Aufsichtsratsvorsitz bei VW abgibt, scheint heute fraglicher denn je.

Der VW-Konzern steckt mitten in einer überaus schwierigen Phase: Pischetsrieder muß am kommenden Dienstag in Wolfsburg die Bilanz vorlegen, muß erklären, wie er die harte Sanierung durchziehen will, der möglicherweise jede fünfte von heute noch 100.000 Stellen in Deutschland zum Opfer fallen kann. Und zu allem Überfluß wird Pischetsrieder Auskunft über seine berufliche Zukunft geben müssen. Wohl wissend, daß darüber jemand anderes entscheidet: Piech wird sich das Schauspiel womöglich vom fernen Salzburg aus in aller Ruhe anschauen. Das Stück, das in Wolfsburg aufgeführt wird, kennt er bereits. Er hat es inszeniert.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.03.2006, Nr. 9 / Seite 38
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Gläubiger dritter Klasse

Von Holger Steltzner

Wenn in Griechenland in Kürze der Schuldenschnitt vollzogen wird, ist die EZB fein raus. Ein juristischer Trick schützt die Bilanz der Zentralbank. Mitten im Spiel werden einfach die Regeln geändert. Mehr 5 13

17.02.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.848,03 +1,42%
 OK
Umfrage

Sollen Kinderlose einen „Solidarzuschlag" zahlen?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.