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Feldversuch im Straßenverkehr Wie egoistisch sind die Autofahrer?

18.06.2011 ·  Wann sind Autofahrer bereit, auf die Vorfahrt zu verzichten? Und sind Frauen großzügiger als Männer? Das haben unsere Reporter an vier Kreuzungen untersucht. Es ist eine zentrale Frage der Ökonomie.

Von Patrick Bernau
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Es ist die alte große Frage der Wirtschaftstheorie: Wie egoistisch sind die Menschen - nehmen sie Rücksicht aufeinander, oder verfolgt jeder stur sein Eigeninteresse? Viele denken jedenfalls: Die Welt wäre ein besserer Platz, wenn die Leute nur nicht so sehr an sich selbst denken und mehr Rücksicht aufeinander nehmen würden.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat den Egoismus getestet, und zwar an der härtesten Front, die der Alltag zu bieten hat. Dort, wo auch sanfte Männer die Sau rauslassen: im Straßenverkehr. Journalisten der F.A.S. haben sich an Kreuzungen gestellt in drei deutschen Städten und in Rom. Sie haben die härteste Zeit des Tages gewählt, die Hauptverkehrszeit, und sie haben mehr als 600 Autos beobachtet: Überlassen Fahrer einander die Vorfahrt, obwohl sie das nicht müssten? Wer lässt wen vor? Wer wird besonders freundlich behandelt? Und wer sind die größten Egoisten? Die Ergebnisse sind verblüffend.

Die Idee zu dieser Zählung stammt von australischen Forschern. Redzo Mujcic und Paul Frijters von der University of Queensland haben Kreuzungen in der Stadt Brisbane beobachtet. Sie glauben, dass es kaum einen besseren Ort gibt, um einen Eindruck von Egoismus und Altruismus im echten Leben zu bekommen. Wenn der Autofahrer mit Vorfahrt anhalte, resümieren sie, dann gebe es keinen versteckten Nutzen für ihn. „Das ist vorbehaltlose Freundlichkeit, Altruismus.“

Die Ergebnisse aus Europa und Australien, von wissenschaftlicher Forschung und journalistischer Recherche gleichen sich erstaunlich. Der Kampf der Geschlechter beispielsweise wird überall ähnlich entschieden. Die Freundlichen, das sind die Männer. Sie lassen vielen anderen den Vortritt - und zwar vor allem dann, wenn im anderen Auto eine Frau sitzt. Untereinander nehmen die Damen dagegen keine Rücksicht.

Wenn alle drängeln, kommt keiner voran

Das zeigt die Statistik deutlich: Wenn eine Frau an der Einmündung wartete, verzichteten mehr als 40 Prozent der Männer auf ihre Vorfahrt, doch gerade mal 26 Prozent der Frauen. Insgesamt ließen die Fahrer auf den Hauptstraßen ungefähr in jedem dritten Fall einen Wagen aus der Nebenstraße vor. Die Kreuzungen waren allerdings auch entsprechend ausgesucht. Nämlich so, dass die Autofahrer auf der Vorfahrtsstraße tatsächlich auch die Gelegenheit zum Vorlassen haben: Sie dürfen nicht zu schnell ankommen und müssen die Nebenstraße im Blick haben. Gleichzeitig muss die Hauptstraße ordentlich Verkehr haben - denn wo die nächste Verkehrslücke nahe ist, muss keiner vorgelassen werden. Deshalb war die Rücksicht an der vielbefahrenen Kreuzung in Böblingen größer als im Kölner Wohngebiet, wo nur selten mehr als vier Autos hintereinander auf der Vorfahrtsstraße kommen.

Das zeigt, warum die Rücksicht im Straßenverkehr tatsächlich nützt: Ohne Entgegenkommen würde sich der Verkehr auf den Nebenstraßen in Böblingen oder dem bayerischen Dorf Kleindingharting oft kilometerweit zurückstauen. Das gilt zumindest, solange sich die Autofahrer auf der Nebenstraße an die Verkehrsregeln halten. Dass es auch anders gehen kann, zeigt der Bericht des Korrespondenten aus Rom: Er meldete der Redaktion, er habe eine neue Kategorie auf dem Zählbogen einführen müssen: das Vordrängeln.

Wer für Geld fährt, hat keine Zeit zu warten

In Deutschland sind es gerade die Berufsautofahrer, die am wenigsten Rücksicht nehmen: Busfahrer, Taxifahrer, Lasterfahrer. Sie alle fahren für andere, und deren Zeit wollen sie offenbar nicht verschenken.

Besonders zuvorkommend waren dagegen - entgegen manchem Klischee - die Fahrer großer Limousinen. Wie die Kleinwagenfahrer auch, sind sie besonders zu ihresgleichen nett. Aber auch die Fahrer alter Rostlauben können sich nicht beschweren. Universell rücksichtsvoll sind auch ältere Autofahrer. In der australischen Studie und der F.A.S.-Zählung lag die Grenze zwischen Alt und Jung ungefähr bei 40 Jahren, und zwar nach Sichteinschätzung. Von der Freundlichkeit der Alten profitieren vor allem die jungen Fahrer. Die revanchieren sich allerdings kaum. Doch am meisten Rücksicht bringt ein einfacher Kniff: Sobald ein Mitfahrer im Auto sitzt, wird jeder Fahrer gleich viel freundlicher.

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Jahrgang 1981, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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