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Analyse : Geldpolitische Beruhigungsmittel

Janet Yellen ist die mächtigste Notenbankerin der Welt. Bild: AP

Die großen Notenbanken wollen die Finanzmärkte beruhigen. Wie lange kann das funktionieren?

          Seit Wochen kursieren an den internationalen Finanzmärkten Spekulationen über ein sogenanntes Abkommen von Schanghai. Demnach hätten sich mit der amerikanischen Fed, der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Bank des chinesischen Volkes die drei großen Notenbanken der Welt informell darauf geeinigt, im Interesse der Stabilität der Weltwirtschaft die internationalen Finanzmärkte durch eine Abstimmung ihrer Politik zu beruhigen. Aussehen soll die Übereinstimmung wie folgt: Die Fed nimmt durch eine zeitliche Streckung ihrer Leitzinserhöhungen Aufwertungsdruck vom Dollar, die EZB nimmt durch den Verzicht auf weitere drastische Lockerungen ihrer Geldpolitik Abwertungsdruck vom Euro, und die Chinesen verzichten auf absehbare Zeit auf weitere Abwertungen des Renminbis (Yuans).

          Ob dieses informelle Abkommen existiert, ist nicht gesichert. Aber alle Beteiligten, die Geldpolitiker ebenso wie die Finanzmarktteilnehmer, verhalten sich so, als existierte es. Den neuesten Beleg lieferte die Vorsitzende der Fed, Janet Yellen, am Dienstag in einer geldpolitischen Grundsatzrede, in der sie sich mit Hinweis auf einen starken Dollar und Verunsicherung in der Weltwirtschaft für eine sehr zögerliche Straffung der amerikanischen Geldpolitik aussprach. Die jüngsten Entscheidungen der EZB wurden an den internationalen Finanzmärkten weit weniger expansiv eingeschätzt als in Deutschland: An den Märkten zählte vor allem die Ankündigung Mario Draghis, den negativen Einlagenzins zumindest auf absehbare Zeit nicht weiter senken zu wollen. Und die Bank des chinesischen Volkes steht seit Wochen mit Wort und Tat bereit, eine neuerliche Schwäche ihrer Währung zu verhindern.

          Erhoffte Erholung der Weltwirtschaft

          Die Wirkungen der geldpolitischen Beruhigungsmittel sind an den Finanzmärkten unübersehbar: Die Aktienkurse und Rohstoffpreise haben sich von ihren Schwächeanfällen in den ersten Wochen des Jahres ein Stück weit erholt. Der Euro wertet seit längerer Zeit am Devisenmarkt nicht weiter ab; gegenüber der amerikanischen Währung erscheint sein Kurs in einem Band zwischen 1,05 und 1,15 Dollar nahezu wie eingemauert. Westliche Kapitalanleger investieren wieder in die im vergangenen Jahr in Panik verlassenen Schwellenländer. Stimmungsindikatoren zeigen ein zunehmendes Maß an Gelassenheit an den internationalen Finanzmärkten an.

          Geldpolitische Abstimmungen offizieller und informeller Natur hat es in den vergangenen Jahrzehnten häufig gegeben. Ihre Ergebnisse sind zwiespältig. Sie können nur so lange positiv wirken, wie internationale Rücksichtnahmen der Geldpolitik nicht in Konflikt mit den heimischen Prioritäten geraten. In der aktuellen Situation ist diese Frage vor allem mit Blick auf die Lage in den Vereinigten Staaten umstritten, wo die Wirtschaft seit sieben Jahren wächst, das Wachstum aber keine große Dynamik entfaltet.

          Eine Position wird von der Mehrheit in der Fed sowie von vielen Ökonomen in der akademischen Welt, in Organisationen wie dem Internationalen Währungsfonds und in privaten Finanzhäusern vertreten. Sie sieht das Wirtschaftswachstum in den Vereinigten Staaten durch eine enttäuschende Produktivitätsentwicklung, eine ernüchternde Gewinndynamik vieler Unternehmen und eine wenig dynamische Weltwirtschaft erheblich beschränkt. Zusammen mit der Annahme, dass in Industrienationen mit hoher Ersparnis und niedrigen Investitionen amerikanische Kapitalanlagen als sicherer Hafen für die Welt dienen, folgt der Schluss, dass die Zinsen nur langsam steigen dürfen. Und da die Amerikaner einen starken Einfluss auf das Zinsniveau in der Welt haben, halten sie damit das Welt-Zinsniveau niedrig. Das Kalkül lautet, dass durch niedrige Zinsen das Wirtschaftswachstum stimuliert wird, so dass in der Folge die Zinsen wieder steigen können. Geht das Kalkül auf, erholt sich im Optimalfall die Weltwirtschaft ohne Turbulenzen an den Finanzmärkten.

          Überschätzung der Geldpolitik

          Das ist eine Wette mit ungewissem Ausgang, deren Basis ein seit Krisenbeginn verstaubt wirkendes Lehrbuchwissen bildet. Ein Risiko dieser Strategie besteht in einer Unterschätzung des Inflationspotentials der amerikanischen Wirtschaft. Es ist wahr, dass trotz einer günstigen Entwicklung des Arbeitsmarkts die Löhne langsamer steigen als erwartet und daher auch die Inflationsrate bisher nicht spürbar zunimmt. Das muss nicht so bleiben. Kursgewinne für inflationsgeschützte amerikanische Staatsanleihen und für Gold belegen, dass sich an den Finanzmärkten die ersten Anleger darauf einstellen, dass die Fed zu langsam sein könnte, um einen Anstieg der Inflationsrate rechtzeitig aufzuhalten.

          Das zweite Risiko ist die Überschätzung der Geldpolitik als Stabilisierer der Finanzmärkte. Kritiker wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) halten die geldpolitische Strategie der großen Notenbanken generell für verfehlt. Aus ihrer Sicht müssten, ausgehend von den Vereinigten Staaten, die großen Notenbanken klar und deutlich steigende Leitzinsen andeuten. Andernfalls drohten an den Finanzmärkten und in den Realwirtschaften Verwerfungen. Viele Marktteilnehmer vertrauen heute der Fed, aber Marktteilnehmer sind wetterwendisch.

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

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          Quelle: F.A.Z.

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