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FAZ.NET-Spezial Finanzkrise Wege zur Rettung der Wall Street

22.03.2008 ·  Die Finanzmärkte kommen nicht zur Ruhe; die Banken misstrauen einander wie noch nie. Jetzt zeigen auch noch die Rohstoffmärkte Anzeichen von Schwächen. Amerika scheint entschlossen, zur Rettung der Wall Street eine Politik der Dollar-Abwertung zu verfolgen. Doch die sozialen Kosten werden hoch sein.

Von Holger Steltzner
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Das globale Finanzsystem ist in der schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Diese Krise ist schlimmer als das Platzen der Internetblase an den Börsen zur Jahrtausendwende, heimtückischer als der Börsencrash von 1987, hartnäckiger als der Schock nach den Terrorangriffen auf Amerika. In dieser Krise breitet sich der Vertrauensschwund langsam von einem Markt zum nächsten aus – wie ein gefährliches Gift in einem Körper.

Aus einer lokalen Kreditkrise am amerikanischen Häusermarkt wurde zunächst eine Vertrauenskrise unter Banken. Notenbanken aus Amerika, Europa und Asien haben in gemeinsamen Rettungseinsätzen die Geldmärkte geflutet und ein Austrocknen verhindert. Doch das Misstrauen unter den Banken ist unvermindert groß, die Liquiditätskrise wächst sich zu einer globalen Verschuldungskrise aus, erfasst Beteiligungsgesellschaften, Hedge-Fonds und Versicherungen. Auf die Verschuldungskrise folgt im nächsten Schritt die Pleitewelle. Am Ende könnte diese Finanzkrise auf die Gütermärkte überspringen und in eine allgemeine Wirtschaftskrise ausarten.

Nicht nur die Banken sind die Schuldigen

Wer nach den Schuldigen der Finanzkrise fragt, darf nicht nur auf die Banken schauen. Die amerikanische Notenbank Fed hatte mit Zinsen zum Nulltarif zur Spekulation auf Kredit verführt. Anleger ließen sich nicht lange bitten, Bankaufseher spielten mit, Politiker priesen den amerikanischen Traum vom noch größeren Eigenheim und freuten sich über den kreditfinanzierten Konsumrausch. Kreditjongleure in den Investmentbanken und die in ihren Diensten stehenden Ratingagenturen erledigten den Rest. Auf der Jagd nach noch mehr Rendite verloren alle Akteure das Gefühl für Risiko.

Seit dem Platzen der Spekulationsblase geben die Notenbanken mit Liquiditätshilfen Zeit in der Hoffnung auf Besserung, doch die stellt sich nicht ein. Die amerikanische Regierung springt mit einem 170 Milliarden Dollar teuren Konjunkturprogramm bei, doch auch das zeigt bislang wenig Wirkung. Der Verfall der Hauspreise, die vielen Zwangsversteigerungen und die Börsenbaisse wirken stärker als die Steuerrückzahlung. Mit dem Fall von Bear Stearns hat die Finanzkrise ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Zur Rettung der fünftgrößten amerikanischen Investmentbank gibt die Notenbank Fed eine Garantie in Höhe von 30 Milliarden Dollar, die Investmentbank JP Morgan übernimmt dank dieser Staatshilfe den Wettbewerber – zuvor haben die Aktionäre von Bear Stearns fast ihr gesamtes Kapital verloren.

Ackermanns Analyse ist treffend

Diese amerikanische Realität hat der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Ackermann, mit seiner Äußerung beschrieben, er glaube nicht allein an die Selbstheilungskräfte der Märkte. Zeitpunkt und gewählte Formulierung mögen ungeschickt sein. Doch die Analyse der amerikanischen Lage ist treffend. Einige deutsche Politiker wollen das ausschlachten. Ihre Klagen über unfähige Bankmanager mögen berechtigt sein, fallen aber auf sie selbst zurück.

Ein kurzer Auszug aus der langen Politikerliste der Verwaltungs- und Aufsichtsräte von KfW, IKB, Sachsen LB, Bayern LB der West LB zur Erinnerung: Dort sitzen unter anderen die Minister Glos und Steinbrück einträchtig neben dem Parteichef der Linken, Lafontaine. Sie alle haben als Aufseher versagt. Die Milliardenverluste dieser Staatsbanken tragen selbstverständlich die deutschen Steuerzahler. Die Politiker haben nicht den Mut, kleine Banken ohne Kundeneinlagen wie die IKB oder die Sachsen LB abzuwickeln. Lieber werfen sie dem schlechten Geld neue Steuermittel hinterher.

Stabilisierung der Häuserpreise braucht Zeit

Niemand kann heute sagen, wann das ein Ende hat. Die Lösung der Krise muss von dort kommen, wo sie begonnen hat, vom amerikanischen Häusermarkt. Die Stabilisierung der Hauspreise braucht Zeit. Für viele Häuser und auch für zahlreiche Wertpapiere und Kredite gibt es gegenwärtig keine Preise mehr, keinen Handel, keinen Markt. Weil die Risikomodelle der Banken versagen, kennen weder Bankvorstand noch Wirtschaftsprüfer den echten Wert der Bilanzen. Wer seine eigene Position nicht bewerten kann, der misstraut jeder Gegenpartei. Das ist der Kern der Vertrauenskrise. In der großen Gier wurden ständig neue Kredite aufgenommen, um die Rendite des eingesetzten Kapitals weiter zu steigern. Banken, Beteiligungsgesellschaften und Hedge-Fonds wurden zu Verschuldungsmaschinen mit abenteuerlichen Kredithebeln im Verhältnis zum geringen Eigenkapital. Diese Kredite können jetzt nicht mehr bedient werden.

Einen großen Teil der Nominalwerte wird wohl die Inflation entwerten. Amerikas Regierung und Notenbank scheinen entschlossen zu sein, zur Rettung der Wall Street eine Politik der Dollar-Abwertung zu verfolgen. Der amerikanische Realzins ist nach den kräftigen Zinssenkungen bereits negativ. Der Dollar fällt im Verhältnis zum Euro von einem Tief zum nächsten, Inhaber von Dollar-Wertpapieren in Asien, Arabien und Europa überdenken ihre Anlagestrategie. Die sozialen Kosten für einen solchen Kurs sind hoch, unter hoher Inflation leiden besonders die Bezieher geringer Einkommen. Es wird zu einem gewaltigen Vermögenstransfer von Gläubigern zu Schuldnern kommen. Am Ende dieser Krise wird es Gewinner und Verlierer geben – und die Erkenntnis, dass das Leben nicht immer gerecht ist.

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