16.02.2006 · Der französische Familienminister Philippe Bas sprach mit der F.A.Z. über die Besonderheiten der französischen Familienpolitik, ihre Chancen für die Frauen und über die Frage, warum Französinnen mehr Kinder bekommen als Deutsche.
In Deutschland werden wenig Kinder geboren. Die Fertilitätsrate - also die durchschnittliche Zahl Kinder je Frau - beträgt 1,35. In Frankreich liegt die Rate deutlich höher. Was machen unsere Nachbarn anders? Die französische Regierung setzt auf ein umfassendes Angebot aus Betreuungseinrichtungen, finanziellen Hilfen und Anreizen für einen raschen Wiedereinstieg der Mütter in den Beruf.
Familienminister Philippe Bas sind die Erfolge aber noch nicht genug. Er ist überzeugt, daß sich Familie und Beruf gut verbinden lassen - und daß viele Kinder ein Garant für wirtschaftliche Prosperität sind.
Monsieur Bas, im Erdgeschoß Ihres Ministeriums ist uns gerade eine Horde tobender Kinder entgegengekommen.
Unser Kindergarten schließt gerade.
Es ist 18 Uhr.
Ja, und?
In Deutschland glauben einige, Kinder sollten um diese Zeit längst zu Hause bei der möglichst nicht berufstätigen Mutter sein. Ihnen drohe eine gestörte Persönlichkeitsentwicklung, wenn sie von fremden Personen betreut werden.
Wir hatten auch einmal diese Debatte. Damals haben wir viele Studien vorgenommen, um herauszufinden, wie verschiedene Kinder in der Schule vorankommen. Es stellte sich heraus, daß die Kinder in der Schule mehr Erfolg hatten, wenn die Mutter berufstätig war. Der Einwand, nach dem diese Ergebnisse davon beeinflußt sein könnten, daß berufstätige Frauen häufig ein höheres Bildungsniveau haben, gilt nur zum Teil. Es arbeiten in Frankreich viele Frauen ohne Studium. Zwei Drittel der Empfänger des nationalen Mindestlohnes sind Frauen. Auf jeden Fall zeigen die Studien, daß die Berufstätigkeit der Mütter kein Handicap für den Erfolg der Kinder in der Schule ist. Wichtig ist für die Kinder doch, daß sie eine gute Mutter haben. Aber das heißt nicht, daß sie neben der Wiege wacht, wenn das Kind schläft, oder daß sie zu Hause den Abwasch macht, wenn das Kind in der Schule ist.
Gibt es denn in Frankreich keine Debatte über „Rabenmütter“, haben die Frauen keine Schuldgefühle?
In Frankreich sind Schuldgefühle der Mütter eher eine Sache der Vergangenheit, denn wir haben ausreichend stabile Organisationsformen gefunden. Finanzielle Unterstützung ist wichtig, führt alleine aber nicht weiter. Die ganze soziale Organisation um die Familie herum muß stimmen. Die Betreuung muß so gestaltet und qualitativ hochwertig sein, daß die berufstätige Mutter keine Schuldgefühle hat und nicht von anderen schräg angeschaut wird. Wir glauben zum Beispiel, daß unsere Ganztagsschulen die Aufnahme einer Arbeit wesentlich erleichtern. Unser Problem sind heute die schlecht ausgebildeten Frauen, die für ihre Kinder keinen Platz in der Krippe finden. Diese Frauen bleiben während der ersten drei Jahre des Kindeslebens eher zu Hause als die anderen. Und je länger sie zu Hause bleiben, desto schwerer ist der Wiedereinstieg in den Beruf. Wir haben zudem wie Deutschland die Probleme mit der zunehmenden Instabilität der Beziehungen. Um so wichtiger ist es für eine Frau, nicht von ihrem Mann abhängig zu sein.
Aber es gibt auch in Frankreich Familien, in denen ein Elternteil zu Hause bleibt.
Einige unserer Familien haben noch das traditionelle Verständnis, daß sich die Familie nur gut entwickeln kann, wenn die Mutter den ganzen Tag zu Hause ist. Doch das ist nicht die Mehrheit. Zum einen ist in Frankreich der Wunsch der Frauen zu arbeiten stark ausgeprägt. Zum anderen ist bei zwei Gehältern mehr Geld da, so daß sich die Familie besser entwickeln kann. Dieser Punkt ist eine starke Motivation - über die gewährten Steuervorteile und die großzügige finanzielle Unterstützung des Staates und der Sozialkasse für die Familien hinaus. Daher haben wir 2004 ein Gesetz eingeführt, das einen Erziehungsurlaub von drei Jahren ermöglicht und in dieser Zeit eine staatliche Unterstützung von 515 Euro im Monat durch die von Arbeitgebern und Arbeitnehmern getragene Familienkasse vorsieht. Zudem bieten wir den Eltern für die Kinderbetreuung zu Hause Steuervorteile an. Und es gibt jetzt einen neuen, nur ein Jahr dauernden Erziehungsurlaub, der aber mit 750 Euro im Monat besser vergütet ist. Warum ein Jahr? Weil wir wissen, daß vor allem die Mütter, die keine besondere Ausbildung haben, nach mehr als einem Jahr Pause große Schwierigkeiten haben, wieder Arbeit zu finden.
Wie viele Frauen arbeiten in Frankreich?
80 Prozent der Frauen befinden sich auf dem Arbeitsmarkt, als Beschäftigte oder als Arbeitssuchende.
Und wie viele Kinder bekommen sie?
Frankreich hat heute eine Fertilitätsrate von 1,94 Kindern je Frau, das ist die höchste Rate in Kontinentaleuropa. Nur Irland hat mehr, wobei die irische Geburtenrate sinkt, während unsere steigt. Wir hatten jeweils rund 800.000 Geburten in den Jahren 2005 und 2004. Es ist bemerkenswert, daß bei der hohen Geburtenrate gleichzeitig die Erwerbstätigkeit der Frauen die höchste in Europa ist.
Was zeichnet die Grundzüge der französischen Familienpolitik aus?
Unsere Familienpolitik, die schon recht alt ist, fußt auf drei Pfeilern: Der erste Pfeiler ist die Aufnahme der Kinder in der Vorschule im Alter von drei Jahren, was das Leben der Eltern erleichtert. Zweitens gibt es umfangreiche finanzielle Zuwendungen, und drittens ist die Einkommensteuer sehr vorteilhaft für Familien mit Kindern ausgestaltet.
Frankreich ist bekannt für seine vielen Krippenplätze. Sind Sie zufrieden mit dem erreichten Niveau?
Wir haben viel erreicht, aber wir brauchen noch mehr. Daher steigern wir mit Unterstützung der Familienkasse die Schaffung von Krippenplätzen. 2002 hatten wir 240.000 Krippenplätze. Bis 2008 sollen es 310.000 sein. Daher heben wir zwischen 2005 und 2008 die Mittel der Familienkasse für Krippenplätze jährlich um 7,5 Prozent an. All dies soll helfen, daß die Paare auch die von ihnen gewünschte Zahl von Kindern bekommen können. Denn das ist noch nicht der Fall. Die französische Frau möchte heute 2 oder 3 Kinder haben, im Durchschnitt also 2,5. Sie bekommt statistisch gesehen aber nur 1,94. Das soll sich ändern, denn wir glauben, daß für die Zukunft eines Landes, für seine wirtschaftliche Entwicklung, eine hohe Geburtenrate ein Trumpf ist.
Was würde passieren, wenn der französische Staat diesen Aufwand nicht triebe?
Das ist nicht leicht zu sagen, aber die Demographen scheinen sich einig zu sein, daß wir eine ähnliche Fertilitätsrate wie Deutschland hätten, vielleicht etwas mehr, so 1,4 oder 1,5.
Tun die französischen Unternehmen genug, um Familie und Arbeit zu vereinbaren?
Sie tun mehr als in der Vergangenheit. Es ist noch zu früh, um eine Bilanz zu ziehen. Aber wir ermutigen die Unternehmen sehr, zum Beispiel Betriebskindergärten einzurichten, und bieten dafür Steuervorteile. Die Zahl der Betriebskindergärten wird in diesem und im nächsten Jahr deutlich steigen.
Braucht man Betriebskindergärten überhaupt, wo es doch schon so viele Krippen und andere Kindergärten gibt?
Ich bin ein Freund der Wahlfreiheit. Wir müssen verschiedene Möglichkeiten schaffen: die Krippe, die Tagesmutter, die nach Hause kommt oder zu der man die Kinder bringt, vielleicht auch die Großeltern. Keine Frau soll sagen müssen, sie würde gerne arbeiten, habe aber nicht die Möglichkeit einer Kinderbetreuung. Jede Frau soll frei entscheiden können. Übrigens ziehen gerade viele junge Leute heute die Krippen vor, denn die Erzieher dort sind professionell ausgebildet.
Wieviel Geld gibt Frankreich für seine Familienpolitik insgesamt aus?
Alles in allem etwa 44 Milliarden Euro im Jahr.
Und Sie packen ständig noch was drauf. 500.000 Frauen nehmen den dreijährigen Erziehungsurlaub mit monatlich 515 Euro Unterstützung in Anspruch. Allein dieser Posten addiert sich auf 3 Milliarden Euro im Jahr. Das ist viel Geld.
In der Tat ist unser System im europäischen Vergleich sehr großzügig.ANTWORT: Ich glaube, wir haben das Maximum an finanzieller Unterstützung erreicht. Mehr wäre nicht sinnvoll, dies erzielte keine große Wirkung mehr bei den Familien. Was wir noch verbessern müssen, sind die Dienstleistungen um die Familie herum, besonders die Kinderbetreuung. Dabei müssen wir vor allem jenen Frauen helfen, die keine oder eine schlechte Ausbildung haben und damit keine Arbeit finden.
In welcher Weise schafft Ihre Familienpolitik Beschäftigung im Betreuungssektor?
Wir haben zum Beispiel 250.000 von Eltern beschäftigte staatlich anerkannte Kinderbetreuerinnen. Zudem bietet die steuerliche Absetzbarkeit einer Betreuung zu Hause große Anreize.
Wäre nicht die beste Familienpolitik, die Arbeitslosigkeit zu senken?
Die Senkung der Arbeitslosigkeit muß auf jeden Fall verfolgt werden, und diese Regierung hat die Arbeitsmarktpolitik zu ihrem Hauptanliegen erklärt. Das darf uns aber nicht daran hindern, gleichzeitig eine aktive Familienpolitik zu betreiben. Man braucht beides. Der Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und demographischer Entwicklung ist unbestritten. Ein Land, das viele Kinder hat, genießt normalerweise ein höheres Wirtschaftswachstum. Das ist auch in Frankreich festzustellen.
Was wäre die Alternative zu einer aktiven Familienpolitik? Mehr Einwanderung?
Es gibt schon recht viele Einwanderer in Frankreich. Außerdem stellen wir fest, daß sich die anfangs höhere Geburtenrate vieler Einwanderer nach der Ankunft in Frankreich sehr schnell unserer durchschnittlichen Rate annähert. Wir glauben, für ein Gleichgewicht in der Gesellschaft ist es besser, aktiv ein höheres Bevölkerungswachstum anzustreben.
Gibt es Länder, die die französische Familienpolitik oder Teile davon übernehmen?
Eine Familienpolitik zu kopieren ist schwierig. Es braucht Zeit und Geld. Will zum Beispiel ein Land, das die Schule erst ab 6 Jahren anbietet, eine Vorschule ab 3 Jahren einführen, muß es mit Mehrausgaben von 25 bis 30 Prozent rechnen. Und bedenken Sie, Mentalitäten und Lebensentscheidungen der Familien ändern sich nur langsam. Jedes Land sollte sich von anderen inspirieren lassen. Es muß aber seinen eigenen Weg finden.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.788,80 | +0,59% |
| FAZ-INDEX | 1.515,08 | +0,60% |
| TecDAX | 773,23 | −0,05% |
| MDAX | 10.356,30 | +0,39% |
| SDAX | 5.020,58 | +1,11% |
| REX | 421,13 | +0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.522,34 | +0,37% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 81,31 | +0,42% |
| Dow Jones | 12.898,30 | +0,11% |
| Nasdaq 100 | 2.561,61 | +0,62% |
| S&P500 | 1.349,96 | +0,22% |
| Nikkei225 | 9.002,24 | −0,15% |
| EUR/USD | 1,3289 | +0,31% |
| Rohöl Brent Crude | 118,30 $ | +0,38% |
| Gold | 1.746,00 $ | 0,00% |
| Bund Future | 137,19 € | −0,40% |