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F.A.Z.-Gespräch "Wir werden uns innerhalb des nächsten Jahres verstärken"

24.10.2005 ·  Gute Zeiten für den Pharmakonzern und seine Aktionäre: Der Vorstandsvorsitzende der Schering AG Hubertus Erlen über die geplante Dividendenerhöhung ob der hohen Gewinnmarge.

Von Andreas Mihm
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Die Schering AG plant für die kommenden Monate Zukäufe und will so auch Zweifel an der mittel- bis langfristigen Wachstumsstrategie dämpfen.

In den ersten neun Monaten hat der Pharmakonzern nach am Montag vorgelegten Daten ein Rekordergebnis erzielt und das Profitabilitätsziel für das laufende Jahr erhöht. An der Börse gehörte das Unternehmen, das in den vergangenen Monaten nach enttäuschenden Studienergebnissen zurückgestuft worden war, zu den Kursgewinnern.

„Ich bin zuversichtlich, daß wir uns innerhalb des nächsten Jahres verstärken werden“, sagte Schering-Vorstandsvorsitzender Hubertus Erlen im Gespräch mit dieser Zeitung. „Wir prüfen derzeit sehr intensiv alle Optionen.“

Klarer Akquisitionshintergrund

Als Beleg für die Ernsthaftigkeit der Bemühungen um Zukäufe wies er darauf hin, daß der Konzern die vier Millionen Aktien aus Rückkäufen des vergangenen Jahres nicht wie üblich eingezogen habe. „Das hat einen klaren Akquisitionshintergrund, wir machen das, um unser Pulver trocken zu halten.“

Ob damit eher an die Übernahme von Unternehmen oder mehr an den Erwerb von Lizenzen für neue Präparate gedacht sei, wollte er nicht sagen. „Wir optimieren die vorhandene Produktpipeline, schauen nach, wo wir etwas hinzufügen können.“

Sondiert werde für alle vier Geschäftsfelder: Gynäkologie, Diagnose, Spezialtherapeutika sowie Onkologie, dem kleinsten Segment, auf dem große Wachstumshoffnungen ruhen.

First-Class-Rating

Erlen machte deutlich, daß Zukäufe nicht am Geld scheitern würden. Zwar soll der Pensionsfonds noch in diesem Jahr mit 450 Millionen Euro dotiert und alle Pensionspflichten damit weitgehend abgedeckt werden, doch bliebe bei einem Kassenbestand von zuletzt 1,13 Milliarden Euro ausreichend Liquidität.

Zudem gibt es keine Anzeichen dafür, daß der genehmigte Rückkauf von bis zu 15 Millionen Aktien angegangen werden soll. Auch könne der Konzern 1 Milliarde Euro Kredit aufnehmen, „ohne unser First-Class-Rating zu verschlechtern“.

Auch damit sei das finanzielle Ende nicht erreicht. „Wir müssen nicht aus Kostengründen auf eine sinnvolle Option verzichten.“ Entscheidend sei, „daß die Akquisition strategisch paßt und für unsere Aktionäre Wert schöpft“.

Dividendenerhöhung

Für das laufende Jahr kündigte Erlen eine Dividendenerhöhung an. „Wir schütten immer etwa 40 Prozent des Gewinns aus, deshalb wird sich die Dividende weiter attraktiv entwickeln.“ 2004 hatte Schering 1 Euro je Aktie gezahlt.

In den ersten drei Quartalen stieg der Gewinn je Aktie gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 26 Prozent auf 2,53 (2,01) Euro. Bereinigt um Einmalgewinne, seien es immer noch 19 Prozent, sagte Finanzvorstand Jörg Spiekerkötter, der für das Gesamtjahr keine Prognose abgeben wollte. Ansonsten wurden die Geschäftserwartungen auf Basis der Quartalsdaten nach oben geschraubt.

Der Umsatz solle unverändert weiterwachsen, sagte Spiekerkötter. Das hieße auf Basis bereinigter Vorjahresdaten ein Plus von etwa 8 Prozent. Ende September hatte der Konzern 3,9 (3,64) Milliarden Euro umgesetzt. Das Betriebsergebnis legte um 18 Prozent auf 710 (600) Millionen Euro zu, der Gewinn kletterte um 25 Prozent auf 480 (385) Millionen Euro.

18-Prozent-Marke

Die Gewinnmarge im operativen Geschäft werde bereits Ende Dezember dem „für 2006 gesetzten Profitabilitätsziel von 18 Prozent nahekommen“, kündigte der Vorstandschef an. Er lehnte es ab, schon jetzt neue Margenziele für die nächsten Jahre zu nennen.

Das würde die Organisation von dem genannten Ziel ablenken. Doch die 18-Prozent-Marke sei „ein Erfolg, auf dem wir uns nicht ausruhen werden“.

Noch 2003 hatte dieser Wert bei 13 Prozent gelegen. Damals hatte der Konzern ein „Focus“-Programm zur strategischen Erneuerung und Kostensenkung aufgelegt. Die damit erzielten Einsparungen etwa bei den Personalkosten und in der Herstellung - die Zahl der Fabriken wird weltweit auf 12 halbiert - spiegelten sich auch darin wider.

Präparate zur Geburtenkontrolle

Nach dem altersbedingten Ausscheiden zweier Vorstände werde die Arbeitsteilung in dem Führungsgremium neu aufgeteilt. Schering bündele damit beispielsweise erstmals seinen globalen Einkauf. Der neue Zuschnitt habe nichts mit einer möglichen Vorentscheidung über seine Nachfolge zu tun, wehrte Erlen Fragen ab. Erlens Vertrag läuft bis Mitte 2008.

Schering konnte auf allen wichtigen Märkten und in seinen wichtigsten Produktgruppen teils zweistellige Wachstumsraten erzielen.

Auf dem margenträchtigen amerikanischen Markt, aber auch in Kanada und Lateinamerika wuchs das Geschäft um 11 Prozent; auch in Europa stiegen die Verkäufe um 6 Prozent. Mit Präparaten zur Geburtenkontrolle, deren Absatz um 9 Prozent kletterte, macht der Konzern gut ein Drittel seines Umsatzes. Hier sieht Erlen für die nächsten Jahre gute Wachstumschancen.

Bekämpfung der multiplen Sklerose

Der Absatz des Verhütungsmittels Yasmin, um das derzeit eine „Produktfamilie“ gebaut wird, stieg um 34 Prozent. Auch das seit Jahren erfolgreich eingeführte Mittel zur Bekämpfung der multiplen Sklerose, Betaferon, legte um 9 Prozent zu.

Es ist mit Umsätzen von 627 Millionen Euro bis September das mit Abstand erfolgreichste Präparat des Konzerns. Durch neue Forschungen und Indikationserweiterungen soll das auch so bleiben. „Das Marktwachstum im oberen einstelligen Bereich soll sich auch in den kommenden Jahren fortsetzen“, stellt Erlen fest.

Dabei hofft er auf ein neues Präparat namens Campath, das erstmals den Ausbruch der multiplen Sklerose verhindern könne, in Tests aber vereinzelt Nebenwirkungen bei Versuchspersonen gezeigt hat.

Angekündigte Krebspräparate

Erlen benötigt bei den eingeführten Präparaten weitere Erfolge, weil die Markteinführung neuer, für die Jahre ab 2007 und 2008 angekündigter Krebspräparate wohl erst später gelingen wird. „Da sind in diesem Jahr nicht alle Blütenträume gereift.“

Studienergebnisse hatten die hochfliegenden Erwartungen bei Schering und an der Börse mehrfach getrübt, beispielsweise bei dem erhofften Milliarden-Umsatzträger PTK/ZK.

Über die Börse dieses Jahres äußert er sich entsprechend: „Ich bin über die Kursentwicklung enttäuscht, weil alle operativen Erfolge von den Ergebnissen der Onkologie überlagert wurden.“

Dem Tumor die Blutzufuhr abschneiden

Dennoch hält Erlen an seiner Einschätzung fest, daß das mit Novartis entwickelte Mittel, das dem Tumor die Blutzufuhr abschneiden soll, ein potentieller Kassenschlager wird.

„Der große Wachstumsschub, an dem wir in der Onkologie arbeiten, wird Ende dieser Dekade oder Anfang des nächsten Jahrzehnts kommen.“

Er vergleicht das Investment in die finanziell erfolgversprechende Krebstherapie mit einem Langstreckenrennen: „Wir werden nicht aufgeben, auch wenn es irgendwo mal Rückschläge gibt.“

Quelle: F.A.Z., 25.10.2005, Nr. 248 / Seite 16
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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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