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Veröffentlicht: 23.11.2011, 14:47 Uhr

F.A.Z.-Gespräch: Henry Kissinger „Ich weiß nicht wie - aber die Europäer werden es schaffen“

Henry Kissinger ist auch Jahre nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik ein geschätzter Gesprächspartner. Mit kühler Schärfe analysiert er das globale Geschehen.

© dapd Der ehemalige amerikanische Außenminister Henry Kissinger

Europa bettelt in China um Hilfe, aber die Regierung in Peking hält sich zurück. Sie sagen, die chinesische Führung denkt strategisch. Ist also Europa inzwischen so unbedeutend, dass China die Probleme des Euroraums ignorieren kann?

Ja, die Chinesen denken strategisch. Aber die entscheidende Frage ist doch: Ist die Krise für China so wichtig wie für Europa? Die Regierung in Peking hat kein Interesse daran, die Welt zu verändern. Sie macht Außenpolitik. Aber damit Sie nicht auf dumme Gedanken kommen: Ich bin nicht der Regierungssprecher von China. Ich mache mir Gedanken über das amerikanische Verhältnis zu China. Ich gestalte nicht die chinesische Politik.

Aber rechnen Sie damit, dass China noch helfen wird?

Nicht in einem großen Maße. Und nicht mit Blick auf Europas Ziele. Wenn sie sehen, dass eine neue ökonomische Weltordnung entsteht dürfte, die sie als nützlich ansehen können, dann werden sie wohl helfen.

Glauben Sie noch, dass die Europäer die Krise selbst entschärfen können?

Gewiss. Ich weiß nicht wie, aber die Europäer müssen und werden es schaffen. Es kann nicht sein, dass Europa die Probleme nicht lösen kann, die es selbst verursacht hat. Wenn man die Lage mit der Situation von 1950 vergleicht, sieht man einen gewaltigen Fortschritt. Warum sollte Europa das nicht verteidigen? Aus dem Nichts hat man viel geschaffen, es wäre sinnlos, das einfach so aufzugeben.

Immer wieder hört man, Deutschland engagiere sich nicht genug. Stimmt das?

Man muss unterscheiden: Erstens, soll ein Land in einer speziellen Krise helfen? Zweitens, welche Rolle soll es dauerhaft spielen? Nothilfe ist die eine Sache, dauerhafte Verpflichtungen eine andere.

Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund das Vorgehen von Bundeskanzlerin Angela Merkel?

In Amerika gibt es viel Kritik. Ich denke, sie macht es grundsätzlich richtig. Ich finde es ziemlich gut, wie Angela Merkel die Krise anpackt. Sie zeigt Stärke und Weitsicht.

Wir haben in Europa eine etwas verquer laufende Debatte. Die einen Länder sagen, die Deutschen leisten nicht genug zur Lösung der Krise. Die Deutschen haben wiederum das Gefühl, für alles und alle zahlen zu müssen. Sehen Sie die Gefahr, dass die Krise Europa zerreißen könnte?

Viele denken das. Für mich ist es unvorstellbar, dass Europa in völlig unabhängige Staaten mit eigenen Währungen zerfällt. Wenn man sich vorstellt, was das für Konsequenzen hätte, weiß man, dass dieses Szenario nicht realistisch ist. Ich bin für Reformen in den Krisenländern. Mich hat beeindruckt, was Gerhard Schröder als Kanzler auf dem Arbeitsmarkt durchgesetzt hat - auch wenn ich nicht ein Bewunderer von all seinen Aktionen war.

In der Welt ist die Rolle Europas nicht wirklich groß.

Das stimmt. Keine Regierung außer den Deutschen war stark genug, um Reformen durchzusetzen. Der Bedeutungsverlust hat aber nicht nur ökonomische Gründe. Hinzu kommt, dass Europa nicht mehr so stark die politische Gefühle der Menschen anspricht.

17679250 © AFP Vergrößern „Manche sagen zwar, die Deutschen sollten mehr tun. Aber diese Debatte wird eher technisch als emotional geführt.“

Wie wichtig ist das europäische Durcheinander überhaupt noch für Amerika? Ist China mit seiner wirtschaftlichen und politischen Stärke nicht längst wichtiger als die alte Welt?

Tatsächlich führt Amerika gerade eine erbitterte Debatte darüber, ob man sich stärker abschotten sollte. Außenpolitik spielt da keine große Rolle. Einzige kleine Ausnahme sind die Attacken gegen China, was natürlich sehr gefährlich ist. Europa als Idee spielt in der amerikanischen Politik eine sehr untergeordnete Rolle. Manche sagen zwar, die Deutschen sollten mehr tun. Aber diese Debatte wird eher technisch als emotional geführt.

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