11.04.2005 · Sepp Heckmann, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Messe AG, zum deutschen Messemarkt, die wachsende Konkurrenz durch Nischenanbieter und den Anspruch der Hannover Messe. Ein F.A.Z.-Gespräch.
Sepp Heckmann, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Messe AG, äußert sich im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum deutschen Messemarkt.
Die Hannover Messe war einst das bedeutendste Schaufenster der deutschen Wirtschaft. In den letzten Jahren sind viele Aussteller auf Spezialmessen abgewandert, so auf die Light & Building nach Frankfurt oder zur Automatica nach München. Hat die Hannover Messe ihre Rolle als führende Industriemesse nicht eingebüßt?
Die Hannover Messe ist unverändert das bedeutendste Schaufenster der deutschen Industrie. Sie hat es mit Erfolg geschafft, sich von einer reinen Industriemesse zur hochspezialisierten Technologiemesse zu entwickeln, und ist damit das weltweit führende Technologieereignis in jedem Jahr.
Die Hannover Messe erhebt den Anspruch, die führende Messe der Fertigungstechnologien zu sein. Aus der Fertigung sind aber weder Roboter noch Transporteinrichtungen wegzudenken. Beide Bereiche sind kein wesentlicher Bestandteil mehr der Hannover Messe. Wie können Sie dann Ihren Anspruch aufrechterhalten?
Die Hannover Messe bildet die gesamte Wertschöpfungskette der Automatisierung ab, inklusive der Robotik. Uns ist es in diesem Jahr gelungen, daß wieder 52 Aussteller aus der Robotik auf der Hannover Messe ausstellen. Die noch fehlenden Hersteller umwerben wir für das Jahr 2006 intensiv. Themen wie Logistik und Transport sind ergänzende Themen und werden auf einer, ebenfalls in Hannover stattfindenden, eigenständigen Cemat im November dargestellt.
In diesem Jahr glänzt die Messe zwar mit Rekorden. Aber das liegt doch nur daran, daß in diesem Jahr auch die alle zwei Jahre stattfindenden Teilmessen wie die Antriebstechnik, die Oberflächentechnik und die Luftdruck- und Vakuumtechnik dabei sind. Gibt es im nächsten Jahr also nur eine kleine Hannover Messe?
In diesem Jahr hat die Hannover Messe ein sehr gutes Gesamtangebot. Die zentralen Themen sind die Automatisierung, das Thema Antriebstechnik in all seinen Facetten sowie das Thema Energie. Begleitet von weiteren acht internationalen Leitmessen, die allesamt Synergien zueinander entwickeln. Turnusgemäß wird die Hannover Messe im Jahr 2006 etwas kleiner ausfallen als in diesem Jahr.
Gibt es neue Bereiche, um die die Hannover Messe ergänzt werden müßte?
Wir werden 2006 das Thema Energy neu positionieren. Dieses Thema soll neben der Automation ein zweiter großer Schwerpunkt der Hannover Messe 2006 werden. Wir erweitern hierzu das Themenspektrum. Vor allem soll die Windenergie noch größeres Gewicht erhalten. Das Thema Robotik werden wir verstärkt angehen, um die zur Automatica abgewanderten Unternehmen wieder zurückzugewinnen. Die Fachmesse Pipeline Technology findet 2006 erstmals statt. Hier geht es um das Thema Öl, aber auch um den Transport von Trinkwasser und Gasen. Viertens bekommt die Fachmesse Industrial Services & Equipment ein neues Konzept. Damit werden wir sie zur internationalen Leitmesse für Facilitymanagement, Instandhaltung und Outsourcing ausbauen.
Das Ausfransen der Hannover Messe hat ja auch mit dem Wettbewerb unter den Messegesellschaften zu tun. Es entstehen immer neue Spezialmessen. Hat die Universalmesse da noch Zukunft?
Die Hannover Messe ist schon lange nicht mehr, wie Sie es nennen, eine Universalmesse. Dies war sie vielleicht in ihrer Anfangszeit, als es nach dem Zweiten Weltkrieg darum ging, die gesamte Leistungsfähigkeit der deutschen Industrie darzustellen. Sie ist heute das weltweit führende Technologieereignis mit elf führenden Leitmessen oder nennen wir es auch Spezialmessen. Ich kann nur noch einmal wiederholen, was ich bereits eingangs gesagt habe: Die Hannover Messe hat sich von der Industriemesse zur hochkarätigen Technologiemesse entwickelt.
Sie haben gesagt, die zunehmende Aufsplitterung in Spezialmessen schade dem Messeplatz Deutschland. Warum?
Nischenmessen haben einen großen Nachteil: Sie bilden nur eine Nische ab, ohne die Gesamtzusammenhänge zu verdeutlichen. Die Hannover Messe hat den einmaligen Vorteil, die Systemintegration zu verdeutlichen. Unsere Aufgabe ist es, die Wirtschaft von dem richtigen Konzept zu überzeugen. Wir bieten Problemlösungen und Wertschöpfungsketten auf der Hannover Messe ab. Die Zusammenhänge müssen für die Besucher klar werden und die Systemintegration in den Vordergrund stellen. Deutschland ist auch deshalb Exportweltmeister, weil viele internationale Fachbesucher wissen, daß nur internationale Leitmessen wie zum Beispiel die Hannover Messe ihnen den genannten Mehrwert für ihre Investitionsentscheidungen bieten. Ich wiederhole mich vielleicht. Nischenmessen bieten dies nicht und finden überall auf der Welt statt. Hierfür braucht kein Fachbesucher weit anzureisen.
Wieviel Geld kann die Deutsche Messe AG in den Erhalt und Ausbau der Hannover Messe investieren?
Die weitere Entwicklung unserer Messen in Hannover ist noch nie an Geld gescheitert. Der weitere inhaltliche Ausbau der Hannover Messe ist finanziell gesichert.
Es gibt einen Plan Hermes 2010, der vorsieht, daß die Deutsche Messe AG bis zum Jahr 2010 kumuliert nur auf eine schwarze Null kommt. Braucht die Deutsche Messe AG nicht Geld, also weitere Gesellschafter neben dem Land Niedersachsen und der Stadt Hannover, für Investitionen in die Zukunft des Standortes?
Unsere Strategieplanung Hermes 2010 gibt uns die Möglichkeit, langfristig zu planen und zu investieren, da, wo es nötig und sinnvoll ist. Allerdings wollen wir diese Planung, und das betone ich ausdrücklich, aus erwirtschafteten Ergebnissen ohne jegliche Subventionen erreichen, und das werden wir auch! Die Zukunft des Standortes ist finanziell gesichert - wenn sich neue Konstellationen anbieten, muß man natürlich darüber reden.
Um eine Privatisierung der deutschen Messegesellschaften ist es in letzter Zeit wieder still geworden. Ihr Kollege Bernd Diederichs von der Nürnberg Messe hat vorgeschlagen, statt zu privatisieren und zu fusionieren, sollte man erst einmal mit Kooperationen dort beginnen, wo der inländische Wettbewerb nicht direkt betroffen ist, also bei der Informationstechnologie oder bei der Akquirierung ausländischer Besucher. Was halten Sie von diesem Vorschlag?
Es ist mit Recht ruhig geworden, denn diese Überlegungen sind noch unausgegoren und sollten eigentlich dann diskutiert werden, wenn Lösungen erkennbar werden. ANTWORT: Ich pflichte Herrn Diederichs bei, wir müssen trotz intensivsten Wettbewerbs und dies nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern auch europa- und weltweit darüber nachdenken, wie wir Kosten senken und gleichzeitig den Service für Aussteller und Besucher verbessern und erweitern. Die Gespräche innerhalb der GDG (Gemeinschaft Deutscher Großmessen) zu diesen Themen haben begonnen. Ich bin optimistisch, daß wir Aufgabenfelder identifizieren, wo es Gemeinsamkeiten im obigen Sinne geben kann.
Weltweit werden Messegelände ausgebaut oder entstehen neue Messegelände. Dem steigenden Flächenangebot steht eine sinkende Nachfrage gegenüber. Das ruft doch nach Konsolidierung. Wie sieht die aus?
Ich denke, wir müssen als erstes unsere Aussteller davon überzeugen, daß die fortschreitende Kannibalisierung zu immer kleineren Angebotseinheiten wenig sinnvoll ist, weder für Aussteller noch für die Besucher. Die technische Entwicklung geht in genau eine andere Richtung. Die Technologien wachsen zusammen und werden immer vernetzter. Der Systemgedanke steht für die Anwendung, das heißt Problemlösungen im Vordergrund. Diese Entwicklung nimmt die Hannover Messe auf und bildet Zusammenhänge und Wertschöpfungsketten ab. Aber es gibt auch durchaus sinnvolle Fachmessen als thematische oder regionale Ergänzungen. Das, was aber in Deutschland passiert, daß immer neue Nischen zu sogenannten internationalen Messen etabliert werden sollen, und dann viele dieser Neugründungen schon vor der ersten Veranstaltung abgesagt werden, verunsichert die Märkte deutlich. Die Zukunft erfordert Konzentration auf internationale Leitmessen, die den Besuchern einen Mehrwert anbieten und hohe internationale Anerkennung haben. Diese Konstellation bringt dann auch weiterhin internationale Fachbesucher nach Deutschland, und dies ist eine wesentliche Grundlage für die Bedeutung der Bundesrepublik Deutschland als Exportweltmeister.
Die öffentlichen Investitionen werden damit begründet, daß Messen über die Umwegrentabilität viel Geld in die Region bringen und damit Kaufkraft, Arbeitsplätze und Steuern. Was haben die Stadt Hannover und das Land Niedersachsen von einer Messegesellschaft, die selbst keinen Gewinn erwirtschaftet?
Auch hier müssen wir die Thematik etwas genauer anschauen. Die Begründung über Umwegrentabilität gelingt bei Nischenmessen nun mal nur bedingt. Die Besucher kommen aus dem engeren Einzugsgebiet, das heißt, sie reisen morgens an und abends ab. Welche Umwegrentabilität die Investitionen der Veranstalter rechtfertigen, ist mir schleierhaft, wenn gleichzeitig auch noch Subventionen für diese Messeveranstalter selbst erforderlich sind. In Hannover ist die Aufenthaltsdauer der Besucher über alles zwei Tage. Die Aussteller sind zum Beispiel bei einer Hannover Messe mit mehr als 60000 Mitarbeitern über eine Woche in Hannover. Das bedeutet eine Vollauslastung für die Hotels bis zu einem Umkreis von 50 Kilometern. An den Veranstaltungen partizipieren aber auch die Gastronomie, die Verkehrsbetriebe, Taxen und die Geschäfte in und um Hannover. Das heißt, die Region Hannover profitiert tatsächlich auch ohne Subventionserhalt in dreistelliger Millionenhöhe von der Messe.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.556,50 | +0,82% |
| EUR/USD | 1,2492 | −0,39% |
| Rohöl Brent Crude | 106,54 $ | −0,67% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
Anonym bewerben? Ist das gut?