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EZB darf Großbanken kontrollieren : Das Mammutprojekt der Bankenaufsicht

Mitarbeiter gesucht: Die EZB in Frankfurt benötigt 1000 neue Fachleute. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Das EU-Parlament hat die Einrichtung einer einheitlichen europäischen Bankenaufsicht gebilligt. Nun muss die EZB auf die Schnelle bis zu 1000 neue Fachleute einstellen. Viele werden aus der Bundesbank dorthin wechseln - weil die EZB besser zahlt und vom EU-Steuerrecht profitiert.

          Schon seit Monaten bereitet sich die Europäische Zentralbank auf ihre neue Mammutaufgabe vor. Mit der Zustimmung des EU-Parlaments und dem endgültigen Beschluss des Europäischen Rates fällt der Startschuss für eine beispiellose Veränderung und Erweiterung der Zentralbank-Aufgaben. Der zuständige EZB-Direktor Yves Mersch aus Luxemburg spricht von einer Herkulesaufgabe.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Ganz praktisch stellt sich die Frage: Woher kriegt die EZB auf die Schnelle bis zu 1000 neue Mitarbeiter her, ausgewiesene und erfahrene Fachleute, die künftig die Aufsicht über schätzungsweise 130 Großbanken der Eurozone führen werden? „Sobald der Rat grünes Licht gegeben hat, wird es öffentliche Ausschreibungen dieser Stellen geben“, sagt eine EZB-Sprecherin. Gesucht würden etwa 700 bis 800 Bankenaufseher. Hinzu kommen noch mehr als 200 Mitarbeiter für die Verwaltung, darunter Juristen, Personaler, Statistiker und IT-Experten. Ein solcher Schwung von Bankfachleuten wurde in Frankfurt schon lange nicht mehr eingestellt; vielmehr haben viele Banken in den vergangenen Jahren zum Teil einen drastischen Personalabbau betrieben.

          Schon seit der Jahresmitte hat die EZB ein gutes Dutzend „Roadshows“ abgehalten - Veranstaltungen vor allem in den großen Notenbanken von Frankfurt über Paris und Rom bis Madrid, wo die neuen Karrierechancen vorgestellt wurden, die der „Single Supervisory Mechanism“ (SSM), so die offizielle Bezeichnung, bietet. Etwa 2000 Interessenten sollen zu diesen Veranstaltungen gekommen sein. „In Frankfurt waren von 600 Stühlen fast alle besetzt“, erzählt eine Mitarbeiterin der Bundesbank. Die Bundesbank beschäftigt derzeit rund 1200 Bankenaufseher in allen ihren Hauptverwaltungen in der Republik, nicht nur in Frankfurt, sondern auch in München, Hamburg, Berlin oder Düsseldorf. Die in Bonn ansässige Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) hat fast 500 Aufseher. Nicht wenige dieser Fachleute dürften mit einem Wechsel zur EZB liebäugeln. Bundesbank-Vize Silke Lautenschläger berichtete schon, dass ihr das Herz bei dem absehbaren Aderlass ein wenig blute.

          Gute Bezahlung

          „Ganz eindeutig besser bezahlt“ seien die EZB-Positionen, sagt ein Bundesbanker wie aus der Pistole geschossen, als er nach Gründen für einen Wechsel gefragt wird. Wer aus dem wuchtigen Betonklotz der Bundesbank im Frankfurter Norden einige hundert Meter Luftlinie weiter südlich zur EZB umzieht, würde sein Gehalt deutlich steigern - vor allem netto bliebe erheblich mehr wegen der geringeren EU-Steuern. Einige Zahlen verdeutlichen dies: Ein Masterabsolvent erhält in der Bundesbank ein Einstiegsgehalt von brutto rund 3500 Euro monatlich, dazu noch ein Weihnachtsgeld in Höhe von 60 Prozent eines Monatsgehalts. In der höchsten Besoldungsgruppe betragen die monatlichen Bezüge einer Bundesbank-Führungskraft etwa 11.000 Euro. Deutlich mehr zahlt die EZB. Für Bankenaufseher mit relativ wenig Berufserfahrung werden die Gehälter dort bei 4500 Euro beginnen (mindestens 54.408 Euro im Jahr). Für die Führung des neuen „Supervisory Boards“ der Bankenaufseher sind mehr als 18.000 Euro realistisch. Die oberste Gehaltsstufe in der EZB endet bei 245.664 Euro, gut 20.000 Euro im Monatsdurchschnitt. Dieses Gehalt winkt dem künftigen Vorsitzenden des Vorstands; als aussichtsreiche Kandidatin für die Position ist die französische Bankenaufseherin Danièle Nouy im Gespräch.

          Die Vergütung der EZB-Mitarbeiter kennt noch einige weitere Zuckerle. So gibt es Kinderzulagen und für Pendler eine Haushaltszulage von 5 Prozent zum Gehalt. Mitarbeiter, die nicht aus Deutschland stammen, erhalten eine Auslandszulage von 16 Prozent. Einen erheblichen Unterschied zur Bundesbank gibt es in der Besteuerung: EZB-Mitarbeiter werden nach EU-Recht besteuert wie die Brüsseler Kommissionsmitarbeiter. Die Steuersätze fangen bei 8 Prozent an und enden bei 45 Prozent Spitzensatz. Der Durchschnittssatz ist aber deutlich geringer als für normale deutsche Bürger, berichten Insider. „Das macht die Jobs bei der EZB schon sehr attraktiv“, heißt es aus der Bundesbank, auch wenn man in der EZB keine Verbeamtung erhält.

          Auch aus der freien Wirtschaft will die EZB Fachleute anwerben. Das sei interessant für die Mitarbeiter mittelgut zahlender deutscher Banken „oder aus den untergehenden Banken im Süden“, meint Andreas Halin von der Personalberatung Globalmind. Auch mancher entlassene Landesbanker könnte eine neue Position suchen. Der Düsseldorfer SPD-Finanzminister Norbert Walter-Borjans klopfte schon bei der EZB an, ob sie Verwendung für arbeitslose WestLBler habe. Für Spitzenleute aus dem Investmentbanking in London oder Frankfurt sei ein Wechsel aber weniger attraktiv, sagt Halin. Wesentlich mehr, gut das Doppelte der EZB-Spitzenposten verdienten auch die verantwortlichen Partner der großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Diese würden wohl kaum für einen Wechsel in die EZB zu begeistern sein.

          Derzeit sind in der EZB rund 80 Emissäre der nationalen Zentralbanken in fünf Arbeitsgruppen mit der Vorbereitung und der Konzeption der künftigen Aufsichtsaufgaben beschäftigt. Der Aufbau der künftigen Teams geschehe dann wohl „von oben runter“, heißt es aus der Zentralbank. Noch ungeklärt ist die Frage, wo die bis zu 1000 neuen Mitarbeiter der EZB unterkommen werden. Im neuen Doppelturm, der im Frankfurter Ostend gebaut wird und 2014 bezugsfertig ist, hätten sie wohl nicht alle Platz. Denkbar sei daher ein separates Quartier, heißt es. Die räumliche Distanz würde dann auch unterstreichen, dass Geldpolitik und Bankenaufsicht zwei unterschiedliche, getrennte Bereiche seien.

          Quelle: F.A.Z.

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