Home
http://www.faz.net/-gqe-6yowb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

EZB-Chef Mario Draghi Bringt dieser Mann uns Inflation?

 ·  EZB-Chef Draghi wirbt um die Gunst der Deutschen. Dabei riskiert seine Geldpolitik, was diese am meisten fürchten: Inflation.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (62)
© dpa EZB-Präsident Mario Draghi

Notenbanker sind gemeinhin verschwiegene Leute, die überaus wichtige Entscheidungen treffen, aber eher im Verborgenen wirken. Anders als Politiker oder Größen des Show-Business sieht man sie selten in Talkshows, bei Podiumsdiskussionen oder gar in Boulevardzeitungen. Um so auffälliger ist, wie Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank, derzeit die Öffentlichkeit sucht. Vergangene Woche sah man ihn gleich zwei Tage lang mit ausführlichen Interviews in der „Bild“-Zeitung. Nächste Woche folgen dann Schlag auf Schlag Auftritte in Berlin beim Jahresempfang der privaten Banken am Montag und am Dienstag in Frankfurt bei der Atlantik-Brücke, einer Organisation zur Vertiefung der deutsch-amerikanischen Freundschaft.

Draghis Botschaft ist überall dieselbe: Der 64-jährige Italiener, seit November oberster Währungshüter der Eurozone, will die Deutschen mit einer Charmeoffensive für sich gewinnen. Er weiß: Viele Deutsche beäugen die Politik der EZB derzeit misstrauisch. Draghi will sie beruhigen. Dafür lässt er sich von der Boulevardzeitung sogar eine Pickelhaube aus dem Jahre 1871 schenken. Der Italiener beruft sich auf preußische Tugenden wie Sparsamkeit und Disziplin. Und verkündet: „Deutschland ist ein Vorbild“.

Alles nur Show?

Die spannende Frage: Ist das alles nur Show? Die Sorge ist verbreitet. Immerhin 64 Prozent der Deutschen haben bei einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach angegeben, sich große Sorgen um die Inflation zu machen („dass alles immer teurer wird und unser Geld an Wert verliert“). Zu Recht? Wird die Rechnung für die Euro-Retterei am Ende eine deutlich höhere Inflation in Deutschland sein?

Immerhin hat Draghi eine riskante Operation vorgenommen. Unter dem Schlagwort „Dicke Bertha“ hat der Chef der Europäischen Zentralbank den Banken Europas insgesamt mehr als eine Billion Euro zu niedrigen Zinsen geliehen. Vorher schon kaufte die Notenbank für 218 Milliarden Euro Staatsanleihen notleidender Euroländer auf. Mit beiden Schritten machte sie (indirekt) genau das, was ihr (direkt) wegen der drohenden Inflationsgefahr verboten ist: Löcher in Staatshaushalten mit der Notenpresse stopfen.

EZB-Chefvolkswirt Peter Praet beruhigt zwar, die Notenbank verfolge die Entwicklung „sehr gewissenhaft“ und sei „jederzeit bereit zu handeln“. Sein Vorgänger Jürgen Stark jedoch, der genau aus Protest gegen diese Politik zurückgetreten ist, warnt mit Nachdruck vor der Inflation. Immerhin musste die EZB ihre Prognose für die Inflationsrate 2012 gerade deutlich nach oben korrigieren - auf jetzt 2,4 Prozent. Auch Bundesbankpräsident Jens Weidmann setzte seine Vorhersage für die Inflation in Deutschland auf „mehr als zwei“ Prozent hoch.

Eine hohe Inflation

Doch das ist vermutlich nur der Anfang. „Deutschland wird als Folge der Staatsschuldenkrise in Europa eine deutlich höhere Inflation bekommen“, sagt Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Erste Anzeichen könne man auf dem Immobilienmarkt beobachten: „Die Bundesbank hat einen Anstieg der Wohnungspreise um 5,5 Prozent im vorigen Jahr festgestellt.“ In Hamburg und München seien die Wohnungspreise bereits um zweistellige Raten gestiegen. „Der nächste Schritt wird sein, dass die Tarifabschlüsse auffällig hoch ausfallen werden“, sagt Mayer. Verdi und die IG Metall brächten sich ja schon in Stellung.

„Das sind alles Alarmsignale, dass eine Lohn-Preis-Spirale beginnen könnte“, meint Chefvolkswirt Mayer. Mit einer solchen Spirale hatte sich in den siebziger Jahren die Inflation ausgebreitet. Damals wurde auch zunächst das Öl teurer. Die Gewerkschaften reagierten mit hohen Lohnforderungen. Elf Prozent mehr setzte Gewerkschaftschef Heinz Kluncker 1974 im öffentlichen Dienst durch. Die Lohn-Preis-Spirale drehte sich.

EZB-Chef Draghi ist trotzdem fest davon überzeugt, die Geldwertstabilität des Euro im Griff zu haben. „Im Euroraum gibt es keine Anzeichen für inflationäre Tendenzen, eher im Gegenteil“, sagte er in seinem ersten Interview vor gut vier Wochen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Und wenn sich eine künftige Inflation abzeichnen sollte, verfügen wir über Instrumente, um die bereitgestellte Liquidität innerhalb kurzer Zeit wieder zu absorbieren.“

Ein politisches Problem

Technisch hat die Europäische Zentralbank in der Tat Möglichkeiten, das ausgegebene Geld wieder einzusammeln. Die Instrumente tragen so schöne Namen wie „liquiditätsabsorbierende Sieben-Tage-Tender“. Dahinter verbirgt sich im Grunde nichts anderes, als dass die Notenbank ihrerseits wieder Kredite bei den Banken aufnimmt. Wie ihre Kredite an die Banken zusätzliches Geld auf den Markt bringen, so entziehen Kredite von den Banken an sie wieder Geld.

Wo die Grenzen dieses Verfahrens sind, darüber streiten die Ökonomen. Martin Feldstein, Ökonom an der amerikanischen Havard University, jedenfalls meint: „Ich fand es nicht notwendig, dass Mario Draghi den Banken ein weiteres Mal eine solche Liquiditätsspritze verabreicht hat. Aber die Europäische Zentralbank kann diese Transaktion später umkehren.“

Technisch ist die große Inflation also zu vermeiden - aber heißt das auch, dass es geschieht? Schon der Ökonom Friedrich August von Hayek wusste, als er vor 42 Jahren ein Essay („Lässt sich Inflation noch vermeiden?“) dazu verfasste: Die Inflation zu stoppen ist kein „technisches“, sondern ein „politisches Problem“. Hayek stellte damals fest, wenn die Inflation erst einmal im Gange sei, gebe es allzu viele gesellschaftliche Kräfte, die ein fundamentales Interesse daran hätten, dass die Inflation in Gang bleibe - oder sogar weiter zunehme.

Auf Dauer noch mehr Probleme

Das gilt heute für die Staaten. „Die Europäische Zentralbank finanziert de facto Staatsausgaben mit der Notenpresse“, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. „Es wird für sie sehr schwierig, sich nach dem Ende der Staatsschuldenkrise den Begehrlichkeiten der Staaten wieder zu versagen.“

Die EZB hat nämlich einen folgenschweren institutionellen Wandel in der Krise mitgemacht - der unter Umständen auf Dauer noch mehr Probleme bereiten könnte als die Euroflut der „Dicken Bertha“. Während früher allenfalls noch die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ein konkurrierendes Ziel zur Inflationsbekämpfung war, ist die Notenbank seit der Krise auch zu einer Rettungsinstitution für schwache Eurostaaten geworden.

Das hat Folgen. „Die EZB kommt in einen Zielkonflikt“, sagt Dennis Snower, der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. „Es könnte notwendig werden, die Zinsen zu erhöhen, um die Inflation zu bekämpfen. Zugleich könnte die Notenbank unter Druck stehen, die Zinsen niedrig zu halten, um die Finanzmärkte zu stabilisieren - und die Rückzahlung der von ihr vergebenen Kredite nicht zu gefährden.“

Das gilt für den einheitlichen Leitzins in Europa - aber auch für viele weniger auffällige Instrumente, mit denen die EZB die Geldpolitik bestimmt. Alles, was Ländern wie Deutschland hilft, Inflation zu vermeiden, schafft in den angeschlagenen südeuropäischen Staaten zusätzlich Druck. Die Geldflut derzeit macht es schließlich Banken, Unternehmen und Haushalten in Südeuropa leichter, trotz aller Schwierigkeiten weiterzumachen. Pleiten werden aufgeschoben, Arbeitsplätze zunächst erhalten. Sollte Draghi das Geld aber konsequent wieder einsammeln, knirscht es.

Die Wahl zwischen Deflation und Inflation

Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Mayer meint, im Anpassungsprozess in Europa bleibe grundsätzlich nur die Wahl zwischen Deflation (also dauerhaft sinkenden Preisen) in den Südländern und Inflation (also dauerhaft steigenden Preisen) in Ländern wie Deutschland. „Weil aber die Südländer im Rat der EZB die Mehrheit haben, wird die Inflation in den Ländern wie Deutschland tendenziell stärker ausfallen als die Deflation in den Südländern.“

Das muss allerdings keine zweistelligen Inflationsraten bedeuten: Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer hält drei bis vier Prozent im Durchschnitt der nächsten zehn Jahre für wahrscheinlicher.

Kommende Woche wird das Statistische Bundesamt die Steigerungsraten der Verbraucherpreise für März vorstellen. Noch ist zwar kein dramatischer Anstieg zu erwarten. Immerhin aber lag die Rate für Februar bei 2,3 Prozent, also klar über der angestrebten Grenze von zwei Prozent. Seither ist vor allem Benzin teurer geworden: Mit Preisen von knapp 1,70 Euro für einen Liter Super wurde vergangene Woche sogar ein Allzeithoch erreicht.

Gleichsam vorbereitet wurde diese Phase höherer Inflation durch zahlreiche Äußerungen internationaler Ökonomen. IWF-Chefökonom Olivier Blanchard regte an, das Inflationsziel der Notenbank einfach von zwei auf vier Prozent zu verdoppeln. Ihm schien nach der Bankenkrise die Deflation eine größere Gefahr als die Inflation.

„Inflation ist die Lösung“

Der amerikanische Nobelpreisträger Paul Krugman meint sogar: „Die Inflation ist nicht das Problem - sondern die Lösung.“ Wenn die Staaten die gewaltigen Schulden zurückzahlen wollten, die sie angehäuft haben, müssten sie die Steuern drastisch erhöhen. Ein solches Szenario ist politisch aber kaum durchsetzbar. Entsprechend könnten die Regierungen darauf setzen, die Schulden durch Inflation peu à peu zu entwerten. Das geht allerdings nur, wenn durch zusätzliche Maßnahmen, etwa Kapitalverkehrskontrollen, die Flucht der Anleger in andere Länder eingegrenzt werden kann. „Financial Repression“ ist der Ausdruck dafür, von dem seit einem Papier der Ökonomen Carmen Reinhard und Belén Sbrancia häufiger die Rede ist.

Es stellt sich allerdings die Frage: Ist das gerecht? Eine kalte Enteignung der Besitzer von Geldvermögen anstelle einer Steuer für alle? Erfahrungsgemäß trifft Inflation schließlich vor allem die Besitzer kleiner und mittlerer Vermögen - während die wirklich Reichen mit einem eigenen Family-Office sich oftmals besser zu schützen wissen. Außerdem gehört es zu den Tücken der Inflation, dass sie nicht nur Sparguthaben und Altersvorsorge entwertet. Sondern auch alle Preise in einem Land so verzerrt, dass Investitionen unterbleiben - und die Wirtschaft zu lahmen beginnt.

Mit der Wahl seiner militärischen Bilder scheint Mario Draghi übrigens nicht immer ganz glücklich zu liegen. „Dicke Bertha“ taufte der EZB-Präsident seine Geldspritze für die Banken. Nach einem 42-Zentimeter-Geschütz, produziert von Krupp im Ersten Weltkrieg. Jetzt unken die Frankfurter Banker: Nicht nur, dass die „Dicke Bertha“ teuer und militärisch nicht besonders erfolgreich war; die dicken Mauern der französischen Festungen aus Stahlbeton durchbrach sie nicht. Nach dem Krieg sorgten die hohen Schulden Deutschlands auch für einen höchst unerwünschten Effekt: eine galoppierende Geldentwertung mit Briefmarken über Millionen Mark und Löhnen, die mit Wäschekörben voll Papiergeld gezahlt wurden.

EZB-Chefvolkswirt Peter Praet: „Wir beobachten alles genau“

Herr Praet, viele Menschen in Deutschland haben Angst vor der Inflation. Zu Recht?

Was die Menschen im Moment sehen, ist vor allem der starke Anstieg der Öl- und damit der Energiepreise. Das treibt die augenblickliche Inflationsrate nach oben. Auch sind einige Nahrungsmittelpreise in den letzten Monaten witterungsbedingt angestiegen. Die Preise der meisten anderen Konsumprodukte entwickeln sich aber recht moderat. Deshalb können wir nicht von einem generellen Inflationsproblem sprechen. Nicht in Deutschland und auch nicht im Euroraum insgesamt. Für das nächste Jahr erwarten wir einen Rückgang der Preissteigerungsrate. Und die längerfristigen Inflationserwartungen sind stabil bei knapp unter zwei Prozent, sie entsprechen also unseren Vorstellungen von Preisstabilität. Aber um es klar zu sagen: Wir verfolgen die Entwicklung sehr gewissenhaft. Sollte sich der Inflationsdruck erhöhen, sind wir in der EZB jederzeit bereit, entschlossen und präventiv zu handeln. Aber alle Wirtschaftsakteure tragen Verantwortung. Zum Beispiel können die Verbraucher durch ihr Verhalten zum Eindämmen des Preisdrucks beitragen, indem sie Preise und Qualität rigoros vergleichen, also ganz bewusst auswählen und einkaufen.

Im Augenblick merken die Menschen, dass Wohnungen viel teurer werden, das Benzin an der Tankstelle und die Kosten fürs Heizen. Muss einen das nicht beunruhigen?

Wie gesagt, handelt es sich bei Öl- und Energiepreissteigerungen um die Preiserhöhung einzelner Güter und nicht um ein allgemeines Inflationsproblem. Das kennen die Verbraucher bereits aus der Vergangenheit. Dies spendet zwar keinen Trost an der Tankstelle, sollte aber doch allgemeinen Inflationsängsten entgegenwirken. Bei den Preisen für Wohnimmobilien können wir gerade in Deutschland auf eine lange Periode relativ niedriger und zum Teil sogar rückläufiger Preisentwicklungen zurückblicken. Die jüngsten gegenläufigen Entwicklungen in einigen Regionen Deutschlands werden wir, wie alle anderen Wirtschaftsindikatoren, sehr genau beobachten. Wichtig ist, dass auch potentielle Käufer Vorsicht bei zu hohen Immobilienpreisen walten lassen, da ein äquivalenter Wiederverkaufswert in Zukunft nicht garantiert sein könnte.

Viele Ökonomen äußern Zweifel, dass die Europäische Zentralbank das viele Geld, das sie zur Krisenbekämpfung ausgegeben hat, irgendwann wieder einsammeln kann. Sind ihre Sorgen unbegründet?

Die EZB hat den Banken vermehrt Liquidität gegen Sicherheiten zur Verfügung gestellt. Andernfalls hätte es zu enormen Refinanzierungsschwierigkeiten auf Seiten der Banken kommen können, mit sehr negativen Auswirkungen für Haushalte und Unternehmen. Dieser Vorgang treibt nicht die Inflation, aber hat eine Kreditklemme im Euroraum vermieden. Wir werden als Notenbank aber sehr genau beobachten, welche Auswirkungen dies auf die Realwirtschaft haben wird. Wir hoffen auf eine Stabilisierung und Belebung der Kreditvergabe, sind aber sehr wachsam. Im Fall des Falles haben wir alle notwendigen Instrumente, um gegenzusteuern. Unsere jetzt fast vierzehnjährige Geschichte sollte jedermann gezeigt haben, dass die EZB den Willen und die Unabhängigkeit besitzt, rechtzeitig zu handeln.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge

Protektionismus nach Brüsseler Art

Von Hendrik Kafsack, Brüssel

Die Europäische Kommission will Strafzölle auf Solarmodule aus China erheben. Zahlreiche Unternehmen warnen vor der Reaktion Chinas. Davon darf sich die EU nicht beeinflussen lassen – trotzdem sollten die Mitgliedsstaaten alles daran setzten, die Kommission von ihren Plänen abzubringen. Mehr 29 13

Umfrage

Gentests machen Aussagen über das Risiko künftiger Krankheiten. Wollen Sie Ihr Risiko kennen?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Umfrage

Sollen Ein- und Zwei-Cent-Münzen abgeschafft werden?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Wichtigste Werte
Name Wert Änderung
  F.A.Z.-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
  Bund Future --  --
Umfrage

Soll die Selbstanzeige für Steuerhinterzieher abgeschafft werden?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.