Ein Internetunternehmen geht an die Börse, verdoppelt seinen Wert am ersten Tag, und schon ertönt - beinahe automatisch - die Warnung vor einer Spekulationsblase. Zu präsent scheint der Zusammenbruch vor zehn Jahren noch zu sein. Dabei hätte ein kurzer Blick auf die Fakten schnell die Unterschiede klargemacht. Damals bekam jedes Unternehmen Geld, das eine Idee für das Internet hatte, mochte sie auch noch so aussichtslos sein. Heute bekommen die wenigen Unternehmen Geld, die 100 Millionen Nutzer oder mehr von ihrer Idee schon überzeugt haben. Damals war das Internet seit etwa fünf Jahren populär; heute ist das Medium immerhin 15 Jahre alt. Damals nutzte ein Viertel der Bevölkerung in Deutschland das Netz - heute sind es drei Viertel mit einer durchschnittlichen Nutzungsdauer von zwei Stunden am Tag. Damals war der elektronische Handel weitgehend eine Vision; heute geben die Menschen in Deutschland im Jahr rund 60 Milliarden Euro per Mausklick aus. Damals waren Breitbandanschlüsse oder internetfähige Handys die absolute Ausnahme - heute ist schnelles Internet beinahe überall und jederzeit die Regel. Damals war das Netz der Sammelplatz der sogenannten "Nerds", heute ein akzeptiertes Medium in der Mitte der Gesellschaft.
Zehn Jahre Entwicklung haben aus einem Experimentierfeld einen reifen Marktplatz gemacht, dessen Entwicklung lange nicht zu Ende ist. Das mobile Internet ist der nächste große Entwicklungsschritt, Cloud Computing, das Internet der Dinge oder die unter der Bezeichnung "Big Data" diskutierte individuelle Anpassung des Web auf Basis großer Datenmengen zeichnen sich als nächste große Entwicklungsschritte schon ab.
„Social Media“ ist die beliebteste Tätigkeit im Netz
Und der größte Schritt der vergangenen vier Jahre, die Entwicklung vom Web 1.0 zum Web 2.0, also das Entstehen "sozialer Medien" mit der Partizipation der Menschen am Geschehen im Web, dem Mitreden, Mitdiskutieren, Erstellen von Inhalten, Bloggen, Kommentieren, Bewerten oder dem Netzwerken auf Facebook oder Twitter erreicht längst die Massen: Eine Milliarde Menschen in aller Welt sind in sozialen Netzen aktiv; in Deutschland sind es mehr als 30 Millionen Nutzer. "Social Media" ist die beliebteste Tätigkeit im Web - was die großen Plattformen für diese Tätigkeiten wie Facebook, Twitter oder das Geschäftsnetzwerk Linkedin entsprechend populär macht.
Die Geschäftsmodelle dieser Unternehmen basieren auf dem Gesetz der großen Zahlen: Facebook hat im vergangenen Jahr rund 2 Milliarden Dollar Umsatz gemacht - mit durchschnittlich 500 Millionen Nutzern. Das ergibt also einen Durchschnittsumsatz von 4 Dollar je Nutzer im Jahr. Bei Linkedin, dem Spieleanbieter Zynga oder der Video-Website Youtube ist das Verhältnis ähnlich. Alle Unternehmen erzielen einen vergleichsweise kleinen Umsatz je Nutzer, haben aber in kürzester Zeit mehr als 100 Millionen Nutzer an sich gebunden und damit einen wuchtigen Hebel in der Hand: Schon geringe Erhöhungen des Durchschnittsumsatzes treiben den Gesamtumsatz schnell hoch.
Am Anfang ist Nutzerwachstum wichtiger als Umsatzwachstum
Wichtig ist dabei zu verstehen, dass der Schwerpunkt der Unternehmen in ihren jungen Märkten auf dem Nutzerwachstum liegt; Umsatz spielt in dieser Wachstumsphase meist nur eine geringe Rolle. Wenn sie wollen, dann können sie aber: Facebook hat seinen Umsatz im vergangenen Jahr mal eben auf 2 Milliarden Dollar verdreifacht - ohne sich dabei sonderlich angestrengt oder das Wachstum vernachlässigt zu haben.
Dass diese Demonstrationen der Stärke die Phantasie an der Börse hochtreiben und Spekulationen beflügeln, überrascht wenig. Denn dort sind alle auf der Suche nach dem "nächsten großen Ding" im Internet, das ähnlich "fliegt", wie Google es seit dem Börsengang getan hat. Da die führenden Internet-Unternehmen meist einen weit größeren Marktanteil haben als traditionelle Marktführer, können die Modelle der Zweit- oder Drittplazierten im Markt auch schnell kollabieren. MySpace oder Studi VZ sind die Nutzer in Richtung Facebook davongelaufen. Ob Xing den deutschen Markt auf Dauer gegen Linkedin verteidigen kann, ist eine spannende Frage. Insofern kann auch jeder Marktführer wieder vom Thron gestoßen werden, was den Spekulationsanteil am Börsenkurs eines Internet-Unternehmens zusätzlich erhöht.
Nun ist nicht jedes Unternehmen gleich ein zweites Google, aber Facebook und Linkedin werden eben die besten Chancen eingeräumt, die sozialen Marktplätze zu besetzen. Dazu hat Twitter die große Möglichkeit, zur zentralen Nachrichtendrehscheibe zu werden. Denn nahezu alle Medien, Blogger, Unternehmen oder Wissenschaftler speisen ihre Informationen dort ein. Noch aber hat das Management nicht den Schlüssel gefunden, diesen Schatz zu Geld zu machen. Ein Börsengang des Kurznachrichtendienstes ist also so schnell nicht zu erwarten. Und selbst Facebook-Chef Mark Zuckerberg dämpfte gerade die Erwartung, sein Netzwerk alsbald an die Börse zu bringen. "Nicht jetzt", lautete seine Antwort auf die entsprechende Frage. Aber bald, werden seine Investoren stumm hinzugefügt haben. An der Börse wird Facebook als das nächste große Ding gesehen.