Home
http://www.faz.net/-gqu-73xks
Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Welt der Schulden Der Traum vom Schuldenerlass

 ·  Die Staaten der Welt werden von ihren Schulden erdrückt. Das verleiht einer radikalen Idee Auftrieb: Wieso erlassen sich nicht alle gegenseitig die Schulden und fangen neu an?

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (75)
© dapd

Die jüngsten Nachrichten zu Griechenland vermitteln den Eindruck, da drücke jemand die „Repeat“-Taste. Griechenland soll womöglich zwei Jahre Aufschub bekommen. Um über diese Zeit zu kommen, brauchen die Griechen 20 bis 30 Milliarden Euro mehr Geld. Mehr Zeit und mehr Geld - alles schon mal gehört.

Die Lösung für das Land, oft verkündet, hat sich stets als Illusion erwiesen. Der Schuldenberg bleibt. 180 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen heute die Schulden der Griechen. Selbst wenn sie über Nacht ihre Wirtschaftskraft verdoppeln würden, blieben immer noch 90 Prozent. Das ist genau die Grenze der Verschuldung, von der an es für Staaten in der Geschichte immer gefährlich wurde - also immer noch zu viel.

Die Idee übt eine große Faszination aus

Und Griechenland ist nur das Land mit den größten Problemen in der Welt der Schulden. In den Industriestaaten ist der Schuldenstand so hoch wie zum letzten Mal während des Zweiten Weltkriegs (siehe Grafik). Portugal, Spanien, Italien sind höchstverschuldet. Aber auch die Vereinigten Staaten haben die 90-Prozent-Grenze längst überschritten, Japan liegt sogar über 200 Prozent. Und Deutschland rückt gefährlich nahe an die 90 Prozent heran.

© F.A.Z.

Es ist nicht überraschend, dass in einer solchen Situation eine so simple wie radikale Idee auftaucht. Wieso erlassen sich nicht alle gegenseitig die Schulden und fangen neu an?

Die Idee übt eine große Faszination aus - vielleicht auch weil sie so simpel ist, dass sie ein Erstklässler begreifen kann. Ihre Fürsprecher findet sie im Milieu der Globalisierungskritiker und Occupy-Demonstranten. Der Anthropologe David Graeber verleiht der Idee eine Stimme. In seinem Buch „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“ schreibt er: „Es scheint mir, dass es längst Zeit ist für ein biblisches Jubelfest“ - also für ein Fest, bei dem alle Schulden erlassen werden. Nichts sei wichtiger, als „reinen Tisch zu machen für alle... und neu zu beginnen“.

Wachstumsraten von fünf bis acht Prozent keine Seltenheit

Auch Organisationen wie die britische „Jubilee Debt Campaign“, die sich einst für den Schuldenerlass zugunsten afrikanischer Staaten eingesetzt hat, schwenken um. Sie fordern ein Jubeljahr des Schuldenerlasses: zuerst für Griechenland, später für die ganze Welt.

Frustration über die verfahrene Lage in Europas Schuldenstaaten befeuert solche Ideen. Und die Kenntnis der Wirtschaftsgeschichte. Denn weder Schuldenerlasse noch einseitige Schuldenstreichungen sind etwas Neues. Zu diesem Mittel haben Menschen, Unternehmen und Staaten seit Jahrtausenden immer wieder gegriffen. Häufig mit positiven Wirkungen, zumindest für den Schuldner.

„Ein Schuldenerlass für Staaten hat sich in der Vergangenheit durchweg positiv ausgewirkt auf den Schuldner“, sagt Albrecht Ritschl, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der London School of Economics. „Es gab danach regelmäßig einen stürmischen Wiederaufschwung.“ Das hat man mehrere Male in Argentinien gesehen, aber auch in Russland im Jahr 1998 und in Deutschland in den 50er Jahren. Wachstumsraten von fünf bis acht Prozent waren da keine Seltenheit.

Das große Jubeljahr hätte ungünstige langfristige Folgen

Kein Wunder, dass die Sehnsucht nach einem solchen Befreiungsschlag wächst, vor allem in Ländern wie Griechenland, die wirtschaftlich darniederliegen. Ein Schuldenerlass für alle, das klingt zudem gerecht. Denn dabei würden nicht nur die Länder belohnt, die in der Vergangenheit vollkommen über die Stränge geschlagen haben wie Griechenland, sondern auch solidere wie Deutschland.

Aus Sicht von Ökonomen ist die große Schuldenbefreiung aber brandgefährlich. Denn sie würde für ein unvorstellbares Durcheinander sorgen. Aus einer Staatsschuldenkrise würde per Schuldenerlass automatisch eine Bankenkrise. Banken, die ja viele Staatspapiere halten, würden in Schieflage geraten, viele in die Pleite gehen. Das Leben der normalen Bürger würde sofort getroffen. „Die Sozialsysteme und Pensionskassen würden zusammenbrechen“, sagt Ritschl. Denn die Altersvorsorge vieler Menschen beruht auf Investitionen in Staatspapiere. Fallen die aus, ist die Rente weg - und auf einmal müssen die Sozialkassen einspringen, die das überfordert.

Das große Jubeljahr hätte außerdem ungünstige langfristige Folgen. Darauf weist der Schweizer Finanzwissenschaftler Charles Blankart hin: „Wenn Staaten ihre Schulden nicht zurückzahlen, passen sich die Preise an, zu denen sie künftig Geld bekommen. Die Zinsen steigen also.“ Das senkt das Wachstum. Denn je höher die Zinsen, desto niedriger die Investitionen und damit das Wachstum.

Ein kleiner Schuldenerlass, ohne dass er so heißt

Dazu kommt die Gefahr des Rückfalls. Viele Staaten, die sich einmal entschuldet haben, tun das immer wieder. Argentinien ist so ein Beispiel. Aber auch Deutschland hat nach Zählungen des Historikers Ritschl in der Geschichte fünfmal Schulden gestrichen, durch Inflation eliminiert oder erlassen bekommen. Offenbar verleiten die positiven Ergebnisse zur Wiederholung, was die Gläubiger natürlich nicht erfreut.

Den ganz großen Schnitt zu machen, das traut sich aus diesen Gründen keiner. Lieber reduzieren die Staaten der Welt ihren Schuldenberg auf unauffällige Art und Weise. „Unsere Notenbanken halten den Zins künstlich niedrig, sodass die Staaten extrem günstig umschulden können“, sagt Ritschl. „Damit werden die großen Industrienationen von der Zinslast befreit und können sich schleichend entschulden.“ Das ist ein kleiner Schuldenerlass, ohne dass er Schuldenerlass heißt.

Nichtsdestotrotz ist er gefährlich. Denn er führt, länger betrieben, dazu, dass wahnsinnig viel Geld in der Welt kursiert, was die Gefahr der Inflation erhöht. Ein großer Schuldenschnitt, so die Befürworter der großen Lösung, wäre klarer. Seine Folgen wären kurzfristig, danach könnte man sich anderen Dingen zuwenden. Wenn nicht der ganz große Schnitt, dann wenigstens der kleine für die Großschuldner Griechenland, Portugal, Spanien, vielleicht auch für Italien?

Die ungeklärte Frage ist, wann ein Staat pleite ist

Für Griechenland befürworten das sogar ein paar Wirtschaftswissenschaftler. „Seit mehr als zwei Jahren fordere ich den Schuldenerlass für Griechenland“, sagt der Wirtschaftshistoriker Ritschl. Auch Ulrich Hege, Professor und Experte für Unternehmensfinanzierung an der HEC in Paris, ist dafür. „Ich komme aus der Unternehmenswelt, da sind Bankrotte häufiger als bei den Staaten“, sagt er. „Da sieht man die Vorteile.“

Der Bankrott überschuldeter Staaten und der damit verbundene selektive Schuldenschnitt hat im Gegensatz zum großen Jubeljahr eine marktwirtschaftliche Logik. Denn wer einen Kredit vergibt, muss mit einer gewissen Ausfallwahrscheinlichkeit rechnen. Dass ein Staat pleitegehen kann, gehört dazu. Die ungeklärte Frage ist, wann ein Staat pleite ist. Erst wenn er die Steuern auf 90 Prozent erhöht hat, alle Inseln verkauft hat und trotzdem seine Zinsen nicht mehr zahlen kann? Oder schon dann, wenn die Lage so schlecht ist, dass Massenproteste ausbrechen?

Im Fall Griechenlands ist das allerdings, je länger wir warten, bald gar nicht mehr relevant. „We owe it to ourselves“, könnte man in Anlehnung an einen Aufsatz des amerikanischen Ökonomen Abba P. Lerner aus den vierziger Jahren sagen: „Wir schulden es uns selbst.“ Denn die Europäische Union hat längst implizit die griechischen Schulden übernommen. Und die Gelder, die wir an Griechenland zahlen, fließen zum Großteil sowieso gleich wieder zu uns zurück - in Form von Zinszahlungen an die Europäische Zentralbank, die EU, den Internationalen Währungsfonds.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge