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Währungsunion Ist Deutschland Hauptprofiteur des Euro?

31.07.2011 ·  In der Währungsunion sind Wechselkurse fixiert. Dabei könnte Deutschland von einer Aufwertung profitieren. Importe würden günstiger. Exportüberschüsse können dagegen verschenkt sein.

Von Matthias Kullas
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Die Schuldenkrise hat sich in Europa ausgebreitet. Mit immer größeren Bürgschaften wird versucht, die Märkte zu beruhigen. Gegenwärtig bürgt Deutschland mit bis zu 76 Prozent der jährlichen Steuereinnahmen des Bundes für die Schulden anderer Euro-Staaten. Diese enormen Summen werden oft damit begründet, dass Deutschland stark vom Euro profitiere. Zum einen, so die Begründung, habe der Wegfall des Wechselkursrisikos den Handel mit unseren Haupthandelspartnern deutlich intensiviert. Zum anderen hätte die D-Mark in den vergangenen Jahren stark aufgewertet, wodurch unsere Exporte abgenommen hätten. Deutschland insgesamt profitiere daher stark vom Euro. Nachdem aber der Euro für den deutschen Steuerzahler immer teurer wird, ist es an der Zeit, die These kritisch zu überprüfen.

Seit 1999 ist das Wechselkursrisiko für deutsche Exporte in die Eurozone entfallen. In den folgenden Jahren gab es zahlreiche Studien über die Handelseffekte der Euro-Einführung. Die Ergebnisse der Schätzungen liegen weit auseinander. Sie reichen von keinem oder nur einem geringen Handelszuwachs (Berger und Nitsch, CesIfo Working Paper 1435, 2005 sowie Bun und Klaassen im Oxford Bulletin of Economics and Statistics, 2007) über einen mittleren Handelszuwachs von etwa 18 Prozent (Faruqee, IWF Working Paper 154, 2004 und der Sachverständigenrat 2005) bis hin zu einer stattlichen Steigerung des Handels um 49 Prozent (Rose und Stanley im Journal of Economic Surveys, 2005). Die detaillierteste Untersuchung kommt von Richard Baldwin (EZB Working Paper 594, 2006). Er schätzt den handelssteigernden Effekt für Deutschland auf rund 17 Prozent.

Tatsächlich hat der deutsche Außenhandel mit den anderen Euro-Staaten seit der Wechselkursfixierung jährlich um 5 Prozent zugenommen. Betrachtet man jedoch das Wachstum der Exporte in die restliche Welt, zeigt sich, dass diese mit 6,5 Prozent deutlich stärker zugelegt haben. Der Anteil der deutschen Exporte in den Euroraum hat also in den vergangenen Jahren abgenommen (von etwa 46 Prozent auf knapp 40 Prozent). Das Gewicht der Drittländer ist um gut 5 Prozentpunkte auf über 60 Prozent gestiegen.

Das liegt daran, dass der deutsche Export insbesondere vom Wirtschaftswachstum der jeweiligen Importländer abhängt. Hier hat sich der Euroraum im Vergleich zu anderen Teilen der Welt nur schwach entwickelt. Zudem sollten die Kosten des Wechselkursrisikos nicht überschätzt werden, zumal sich Unternehmen dagegen versichern können. Lediglich langfristige Investitionsentscheidungen stark exportorientierter Unternehmen können nicht ausreichend gegen Wechselkursschwankungen abgesichert werden.

Eine Aufwertung würde importierte Vorleistungen verbilligen

Implizit wird in der Diskussion stets unterstellt, zunehmende Exportüberschüsse seien uneingeschränkt ein ökonomischer Gewinn. Noch deutlicher tritt diese Annahme beim zweiten Argument zu Tage. Es besagt, Deutschland profitiere davon, dass der Euro in den vergangenen Jahren nicht so stark aufgewertet habe, wie es die D-Mark getan hätte. Dies führe dazu, dass deutsche Unternehmen ihre Güter auf den Weltmärkten billiger anbieten könnten. Die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen würde also durch den Euro geschützt. Diese Ansicht ist so weit verbreitet, dass es vermessen scheint, sie kritisieren zu wollen.

Es gibt jedoch drei wichtige Aspekte, die meist vernachlässigt werden. So wird erstens oft unterschlagen, dass eine Aufwertung importierte Vorleistungen verbilligen würde. Dieser Effekt wird weithin unterschätzt. Immerhin bestehen deutsche Exporte zu rund 40 Prozent aus solchen Vorleistungen. Die Bundesbank zeigt zudem in einer Studie, dass sich Wechselkursänderungen gar nur zu einem Viertel in den Endpreisen widerspiegeln. Und selbst wenn die Aufwertung einer deutschen Währung zu deutlich höheren Exportpreisen für deutsche Güter geführt hätte, bedeutet dies nicht, dass die hiesigen Exporte in gleicher Weise eingebrochen wären. So hat Renate Ohr von der Universität Göttingen in ihrer neuesten Veröffentlichung gezeigt, dass die Nachfrage nach Deutschlands Exportgütern weniger preiselastisch, sondern in erster Linie konjunkturabhängig ist.

Vorteile für Konsumenten durch billigere Importe

Zweitens wird unterschlagen, dass eine Aufwertung Vorteile für die hiesigen Konsumenten mit sich brächte. Sie würden davon profitieren, dass importierte Konsumgüter oder Dienstleistungen (zum Beispiel Urlaubsreisen) günstiger würden. Vorteile für Konsumenten durch billigere Importe und eine größere Produktvielfalt sind übrigens die Begründung aller volkswirtschaftlichen Theorien für die Vorteilhaftigkeit internationalen Handels. Exporte sind lediglich ein notwendiges Übel zur Finanzierung der Importe. Ähnlich einem Maschinenbauer, der seine Maschinen nur deshalb ins Ausland verkauft, weil er eine Urlaubsreise machen oder einen Fernseher importieren möchte.

Konsumenten profitieren zudem noch durch einen indirekten Effekt von günstigeren Importen, da diese auch den Wettbewerbsdruck für hiesige Unternehmen erhöhen. Auch sie müssen ihre Güter nun zu einem besseren Preis-Leistungs-Verhältnis anbieten. Somit sinken sowohl die Preise für importierte als auch für heimische Konsumgüter. Der wohlfahrtssteigernde Effekt durch Importkonkurrenz wird oft stark unterschätzt. Ein drastisches Beispiel ist der DDR-Trabant: Aufgrund fehlender internationaler Konkurrenz konnte er über Jahrzehnte nahezu unverändert gebaut werden. Mangelnde Konkurrenz führt zur Selbstzufriedenheit, die Produkte haben ein schlechtes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Finanzkrisen können Teil des Auslandsvermögens vernichten

Drittens wird oft vergessen, dass sich Exportüberschüsse durchaus als zweischneidig erweisen können. Wenn eine Volkswirtschaft mehr exportiert als importiert, legt sie Ersparnis im Ausland an. Im umgekehrten Fall verschuldet sie sich im Ausland. Volkswirtschaften mit Export- und Importüberschüssen stehen sich somit wie Gläubiger und Schuldner gegenüber. Dies zeigt sehr schnell die Probleme, die durch Exportüberschüsse entstehen können. Zwar ist es richtig, dass eine alternde Gesellschaft auch im Ausland Ersparnisse anhäuft, die sie für die steigende Zahl von Rentnern braucht. Es kommt aber zu einer Krise, wenn die Volkswirtschaft, in der die Ersparnisse angelegt sind, diese nicht mehr zurückzahlen kann. Dann verliert Deutschland einen Teil seiner Ersparnis. Der Export wurde – rückblickend – verschenkt. In den großen Finanzkrisen 2000 und 2008/2009 wurde jeweils ein erheblicher Teil des Auslandsvermögens vernichtet.

Zudem kann der Aufbau von Auslandsersparnissen dazu führen, dass Kapital im Inland fehlt. Anstatt die Ersparnis hiesigen Unternehmen für Investitionen zur Verfügung zu stellen, fließt es an ausländische Regierungen, Konsumenten oder Betriebe. Die deutschen Exportüberschüsse führten also dazu, dass weniger Kapital für Investitionen in Deutschland zur Verfügung steht. Die empirischen Daten bestätigen diese Überlegung: Deutschland weist seit Einführung des Euro die geringste Investitionsquote aller Euro-Staaten auf. So beliefen sich die Bruttoanlageinvestitionen durchschnittlich nur auf 3,9 Prozent des BIP. Dagegen hatten die wegen der niedrigen Zinsen boomenden, heute krisengeplagten Staaten wie Irland und Spanien zweistellige Investitionsquoten. Griechenland und Portugal erreichten rund 7 Prozent. Erst mit der Euro-Krise änderte sich dieses Bild; jetzt wird wieder mehr in Deutschland investiert.

Während der zwölf Jahre seit Beginn der Währungsunion hatte Deutschland das zweitniedrigste Wachstum im Euroraum (siehe Grafik). Die These, Deutschland sei der Hauptprofiteur des Euro gewesen, erscheint fragwürdig. Und es scheint auch mehr als zweifelhaft, dass die enormen Kosten der Rettungspakte damit gerechtfertigt werden können.

Matthias Kullas ist Forschungsreferent am Centrum für Europäische Politik (CEP) in Freiburg.

Quelle: F.A.Z.
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