Die öffentliche Zustimmung zur Währungsunion ist derart gesunken, dass sich 50 Manager großer Konzerne nun zu einer ungewöhnlichen ganzseitigen Zeitungsanzeige zusammengetan haben. „Der Euro ist notwendig“, lautet die Überschrift des Anzeigentextes, der in deutschen und französischen Zeitungen gedruckt wurde (siehe Bild ↓). Der Text beginnt mit den Worten „Die Währungsunion steckt in einer Krise, der Euro steht in der Kritik“. Damit weicht er von der Sprachregelung der meisten Politiker und der Europäischen Zentralbank (EZB) ab, die beteuern, es gebe keine Euro-Krise, sondern nur Schuldenkrisen einiger Mitgliedsländer. Die öffentliche Meinung glaubt dies nicht, wie Umfragen zeigen. Nach dem jüngsten Politbarometer sehen 80 Prozent der Deutschen durch die Schuldenkrisen eine Gefahr für die Stabilität des Euro. Zugleich lehnen 60 Prozent der Befragten weitere Kreditpakete der EU ab.
Gegen den wachsenden Unmut setzen die 50 Manager das Argument, der Euro habe die Rolle Europas gestärkt. „Wer hätte vor 12 Jahren, als der Euro eingeführt wurde, gedacht, dass er heute gegenüber dem Dollar und zahlreichen anderen Währungen mehr wert sein würde als damals“, heißt es in der Anzeige. Allerdings zeigt sich darin nach Meinung vieler Devisenfachleute auch die Schwäche des Dollar, dessen Außenwert durch die extrem expansive Geldpolitik der amerikanischen Notenbank bewusst gedrückt wird.
Asien und Ostasien gewinnt für Deutschland an Bedeutung
Das Hauptargument der Konzernlenker sind die Vorteile stabiler Wechselkurse innerhalb des Euroraums. Diese hätten einen Zuwachs an Wohlstand ermöglicht. Unbestritten ist unter Ökonomen, dass der Euro durch den Wegfall von Wechselkursrisiko und Umtauschgebühren die Kosten für grenzüberschreitende Transaktionen verringert hat. Daraus folgt, dass Handel und Wohlfahrt zunehmen. Mit Blick auf die deutschen Exporterfolge betonte Kanzlerin Angela Merkel jüngst: „Deutschland profitiert vom Euro wie kaum ein anderes Land.“ Allerdings zeigt die Statistik, dass der deutsche Außenhandel mit Ländern außerhalb des Euroraums stärker gewachsen ist als der innerhalb des Euro. Von 1999, dem Jahr der Festschreibung der Wechselkurse, bis 2010 sank der Anteil des Exports in den Euroraum am Gesamtexport von 46 auf 41 Prozent. An Bedeutung zugenommen hat der Außenhandel mit Asien und Osteuropa – obwohl die Wechselkurse dieser Handelspartner schwanken und sie zum Teil erheblich abgewertet haben.
Die oft gehörte Formulierung, Deutschland sei „Hauptprofiteur des Euro“, verwenden die deutschen und französischen Manager in der Anzeige nicht. Die Behauptung ist unter Ökonomen auch umstritten. Schon ein oberflächlicher Blick in die Wachstumsstatistiken von Eurostat muss skeptisch stimmen. In den zwölf Jahren seit Einführung des Euro hat Deutschland mit das niedrigste durchschnittliche Wachstum gehabt. Es lag – trotz des jüngsten kräftigen Aufschwungs – mit 1,2 Prozent signifikant unter dem Durchschnitt des Währungsraums (1,5 Prozent) oder der gesamten EU (1,7 Prozent).
Auch gemessen am Jahrzehnt vor der Euro-Einführung hat sich das Wachstum in Deutschland nicht beschleunigt. Die europäischen Länder wie Schweden, Großbritannien und die Schweiz, die nicht am Euro teilnehmen, hatten höheres Wachstum als Deutschland; nur Dänemark wuchs noch langsamer, im Euroraum war Italien das Schlusslicht. Die höchsten Wachstumsraten im Euroraum hatten bezeichnenderweise die Peripherieländer: Irland wuchs im Durchschnitt der Jahre 1999 bis 2010 fast um 4 Prozent im Jahr selbst unter Einbeziehung der jüngsten Rezession, Griechenland um 2,7 Prozent und Spanien um 2,6 Prozent.
Am Boom dieser Randländer, die nun in der Krise stecken, war die Konstruktion des Euro nicht unbeteiligt. Schon vor Beginn der Währungsunion fielen die Zinsen in diesen Ländern drastisch. Zuvor hatten sie wegen ihrer höheren Inflation und höherer Risikoaufschläge höhere Zinsen zahlen müssen. Nun stand auf einmal billiges Geld im Übermaß zur Verfügung. „Wegen der Zinskonvergenz haben sich Spanier, Portugiesen, Griechen und andere billig verschulden können“, sagt Hans-Werner Sinn, der Präsident des Ifo-Instituts. „Das Kapital floss an die Peripherie und löste dort einen Boom aus. Es kam zu einer Überhitzung mit viel zu stark steigenden Löhnen und einem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit.“ Für Sinn, der sich als Euro-Befürworter sieht, hat die Krise also durchaus mit dem Euro zu tun. „Die Volkswirtschaften wurden richtig ,high‘ gemacht mit der Droge des billigen Geldes, und die EZB hat sich nicht getraut, Zinsen zu erhöhen und die Konjunktur der Südländer abzukühlen.“
Die schleppende wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands in den ersten Jahren des Euro hat zumindest zum Teil auch mit dem Euro zu tun. Einige Ökonomen wie Sinn betonen den Kapitalexport in die Peripherie; die Folge sei hierzulande die Investitionsschwäche gewesen. Einige Ökonomen verweisen auch darauf, dass Deutschland mit einem überhöhten Wechselkurs in die Währungsunion eintrat. In den neunziger Jahren waren zudem die Löhne schneller als die Produktivität gestiegen. Beides hatte die preisliche Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produkte gemindert. Nach der Jahrtausendwende stagnierte die Wirtschaft in Deutschland; die Arbeitnehmer übten sich in schmerzhafter Lohnzurückhaltung. „Wir sind billiger geworden und in gewisser Weise auch ärmer“, sagt Ifo-Chef Sinn zu dieser „Realabwertung“, deren Beispiel nun auch die Euroländer folgen müssten, die über ihre Verhältnisse gelebt haben.
Durch die maßvollen Tarifabschlüsse wurden die deutschen Produkte wieder wettbewerbsfähig für den Export. Lüder Gerken, Direktor des Centrums für Europäische Politik (CEP) in Freiburg, betont: „Die Hartz-Reformen in Verbindung mit Lohnzurückhaltung sind die Triebkräfte des deutschen Exporterfolges, nicht der Euro.“ Gerken warnt aber davor, Exportüberschüsse als Selbstzweck zu sehen. „Die deutschen Exporte wurden zum Teil durch deutsche Kredite finanziert.“ Nun zeige sich aber, dass nicht alle Länder die Kredite zurückzahlen können, kritisiert er. „Daraus folgt, dass Deutschland seine Exportgüter verschenkt hat. Die Rechnung wird gegenwärtig dem deutschen Steuerzahler gestellt.“
"Deutschland Hauptprofiteur des Euro"!?
K. Peter Luecke (microplan2002)
- 21.06.2011, 21:48 Uhr
gut, dass das mal klargestellt wird
alois schneider (formal)
- 21.06.2011, 21:51 Uhr
Wachstum des Wohlstands
Pascal Perters (lepetitpuce)
- 21.06.2011, 21:56 Uhr
Währung ist nicht gleich €
Heinz Körber (H1Lem)
- 21.06.2011, 21:57 Uhr
Vor-teil
M schwarzer (Skisma)
- 21.06.2011, 21:58 Uhr