Home
http://www.faz.net/-gqu-z7yk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Umschuldung Was kosten uns die Griechen?

22.05.2011 ·  Wenn sich Griechenland für zahlungsunfähig erklärt, kostet das Milliarden für Deutschland. Immer noch günstiger, als weiterzumachen wie bisher. Das hat das DIW für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung errechnet.

Von Lisa Nienhaus
Artikel Bilder (8) Lesermeinungen (0)

Ein Jahr ist es her, dass es um die Griechen so schlecht stand, dass sie ihr eigenes Rettungspaket bekamen. Anfang Mai 2010 wurden die Kredite von EU und IWF beschlossen. Damit sollte dem Land in seiner Geldnot geholfen werden, bis es sich wieder berappeln würde und selbst für sich sorgen könnte.

Heute, ein Jahr später, sieht es nicht besser aus. Trotz der Milliardenkredite und trotz (oder vielleicht auch wegen) der angemahnten Reformen kämpft sich Griechenland durch eine tiefe Rezession (siehe Grafik). Die Schulden steigen statt zu sinken. Und schon ein Drittel davon liegen bei den Rettern EU, IWF und der Europäischen Zentralbank (EZB) - und damit bei den europäischen Steuerzahlern.

Es geht nicht voran in Griechenland, lautet die Diagnose. Aber was tun? Umschuldung jetzt, fordern viele Ökonomen. Bevor es zu spät ist. Bloß nicht, empört sich die Europäische Zentralbank. Viel zu gefährlich und viel zu teuer.

Wer hat recht? Ansgar Belke und Christian Dreger vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung haben für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung gerechnet.

Weitermachen wie bisher

Wie teuer es wird, wenn wir fleißig weiter Kredite an Griechenland vergeben, hängt davon ab, wie stark wir noch an die Griechen glauben. Sind wir etwa der Ansicht, dass die Griechen es bis 2015 schaffen, sich zu berappeln und an den Kapitalmarkt zurückzukehren, um uns dann sofort alle Schulden zurückzuzahlen, dann wird es recht günstig (Szenario 1, siehe Grafik). 19,2 Milliarden Euro hat uns dann die Griechenland-Rettung gekostet.

Doch - ganz ehrlich - daran glaubt kaum noch einer, der nicht selbst Grieche ist. Oder, wie Thomas Mayer, Chefökonom der Deutschen Bank, es formuliert: "Es müsste schon ein Wunder geschehen, damit Griechenland in der näheren Zukunft wieder an den Markt könnte. Man müsste Öl in der Ägäis finden oder Ähnliches."

Bleibt die Möglichkeit, dass die Griechen zwar weiter Kredite bekommen, sich aber nicht berappeln. Extreme Pessimisten glauben überhaupt nicht mehr daran, dass die Griechen irgendeinen Rettungskredit der EU zurückzahlen. Wenn wir annehmen, dass die EU-Kredite an Griechenland im Jahr 2015 ausfallen (Szenario 3), dann treibt das die Kosten für die Deutschen deutlich: auf 56,1 Milliarden Euro. Darin noch nicht enthalten sind die Kosten für die EZB, die ja auch eine Menge griechischer Staatsanleihen hält. Fallen auch ihre Kredite teilweise aus, wird es noch teurer.

Allerdings ist dieser Ausgang extrem unwahrscheinlich. Denn selbst wenn ein Staat pleite geht, bedient er in der Regel noch einen Teil seiner Schulden, zumindest nach einer gewissen Zeit. Die DIW-Forscher gehen deshalb davon aus, dass es realistisch ist, dass Griechenland am Ende ein Drittel seiner Schuld bedient (Szenario 2). Auch das ist angesichts der politischen Bekundungen allüberall ziemlich pessimistisch, die Forscher halten es allerdings für realistisch angesichts der Schuldenlast, die die Griechen drückt.

In diesem Fall entstehen dem deutschen Staat immerhin noch Kosten von sage und schreibe 38 Milliarden Euro. Angesichts dieser Dimensionen fragen sich die Ökonomen zu Recht, ob es nicht günstiger ist, gleich umzuschulden.

Sofort umschulden

Wer umschulden will, sollte das schnell und überraschend tun. Die Forscher nehmen in ihrer Rechnung an, Griechenland bedient ab Mitte 2011 50 Prozent seiner Schulden nicht mehr. Bei der EU entstehen dadurch sofort große Verluste. Griechenland hingegen profitiert von dem Befreiungsschlag. Das Land ist auf einen Schlag weit weniger verschuldet und die Anleger vertrauen ihm wieder. Ende 2013 kehrt es an den Kapitalmarkt zurück. Davon profitiert auch die EU, denn Griechenland zahlt die Restschuld zurück (Szenario 4).

Trotzdem wird das nicht billig für die Deutschen. 36,9 Milliarden Euro kostet sie die Umschuldung noch ohne die Kosten, die der EZB entstehen. Ob diese nämlich ihre Verluste wirklich sofort voll realisieren muss, ist umstritten. Viele Ökonomen argumentieren, die EZB könnte die Verluste strecken und einfach jahrelang weniger oder keinen Gewinn an die Regierungen überweisen.

Das Ergebnis zeigt: Die schnelle Umschuldung kommt den deutschen Steuerzahler billiger als das Weitermachen wie bisher. Und zwar nicht nur, wenn man für die Griechen rabenschwarz sieht und glaubt, dass sie keinen EU-Kredit zurückzahlen (Szenario 3), sondern auch dann, wenn sie immerhin ein Drittel der EU-Kredite 2015 tilgen (Szenario 2).

Doch was geschieht, wenn die griechische Umschuldung solch einen Wirbel verursacht, dass andere Länder angesteckt werden und Portugal und Irland auf einmal auch umschulden müssen? Das beschreibt Szenario 5. Die Kosten stiegen erheblich auf 42,3 Milliarden Euro.

Was tun?

Die Rechnung der DIW-Forscher zeigt: Die Umschuldung Griechenlands lohnt sich für die Deutschen - solange sie gut funktioniert und keine anderen Länder ansteckt. Denn sie ist günstiger als das Weitermachen wie bisher. Zumindest wenn man wie die DIW-Forscher sicher ist, dass es um die Selbstheilungskräfte der Griechen schlecht bestellt ist.

Allerdings muss die Umschuldung schnell erfolgen. Je früher sie kommt, desto schneller gelingt es Griechenland, sich wieder zu berappeln, und desto günstiger wird es für die Deutschen.

Eine weitere Erkenntnis ist allerdings unvermeidlich. Egal, wie wir jetzt weitermachen: Es wird in jedem Fall sehr teuer für die deutschen Steuerzahler. Wenn man nur aufs Geld schaut, bietet die Umschuldung nur einen minimalen Vorteil gegenüber dem Weitermachen wie bisher: 36,9 statt 38 Milliarden Euro an Kosten. Dafür besteht aber das Risiko der Ansteckung anderer Länder und die Gefahr, dass weitere Banken gestützt werden müssen. Beides würde teuer. Kein Wunder, dass Politiker zögern, sich dafür auszusprechen.

Trotzdem plädieren die DIW-Forscher wie die meisten Ökonomen für die Umschuldung. "Ansonsten landen wir in einem Teufelskreis", sagt Ansgar Belke. "Die Privaten ziehen ihr Geld aus Griechenland ab, es müssen immer mehr Kredite gezahlt werden. Die Griechen sind dauerhaft abgekoppelt von den internationalen Finanzmärkten."

Deutsche-Bank-Volkswirt Thomas Mayer formuliert das noch drastischer: "Am besten ist für Deutschland am Ende die Lösung, die wirklich funktioniert, die also dazu führt, dass die Griechen keine neuen Kredite von EU und IWF mehr brauchen. Alles, was dieses Ziel verfehlt, wäre verlorenes Geld." Denn es gibt ein Risiko des Weitermachens wie bisher, das jetzt schon zu erkennen ist: politische Proteste. "Die Steuerzahler in der EU werden die Griechenland-Hilfen nicht so lange unterstützen, wie das Land braucht, um sich wieder zu berappeln", sagt Mayer. "Es bleibt wohl nur die Umschuldung." Ebenso sieht es Daniel Gros, der Direktor des Centre for European Policy Studies (CEPS): "Wenn Griechenland weiter am EU-Tropf hängt, sind die politischen Kosten für ganz Europa einfach zu hoch."

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge

Eine deutsche Bank

Von Gerald Braunberger

Josef Ackermann verlässt die Deutsche Bank, die Doppelspitze Anshu Jain und Jürgen Fitschen übernimmt. Das Kredithaus agiert überall auf der Welt - von der Rolle eines Weltmarktführers ist die Bank allerdings weit entfernt. Mehr 5 7