16.04.2010 · Das Misstrauen der Anleger konzentriert sich in der Schuldenkrise bislang auf Griechenland. Denn die Risikoaufschläge für Portugal, Irland und Spanien sind auf den Anleihemärkten nur mäßig gestiegen. Das aber könnte sich rasch ändern.
Von Alexander Armbruster und Stefan RuhkampArm dran sind beide. Giorgos Papakonstantinou und Fernando Teixeira sind Finanzminister von Euro-Ländern, deren Verschuldung besonders schnell steigt. Und auch die Höhe der Schuldenlast ist für beide ähnlich hoch. Doch während der Grieche den Investoren zeitweise mehr als 7 Prozent Zinsen bieten musste, kommt der Portugiese mit Zinsen von etwa 4,5 Prozent zu Geld. Aus Sicht der Investoren konzentriert sich die europäische Schuldenkrise immer noch auf Griechenland. Die Kurse der Anleihen aus Portugal, Italien, Irland und Spanien haben sich dagegen relativ stabil entwickelt. Doch die scheinbar geringe Ansteckungsgefahr könnte eine Fehldiagnose sein. „Die relative Ruhe ist fundamental nicht gerechtfertigt und könnte sich rasch ändern“, warnt Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank. „Griechenland ist der Damm.“ Wenn der breche, werde es auch für die anderen finanzschwachen Euro-Staaten schwierig.
Nach Ansicht von Jürgen Michels, Chefvolkswirt der Citigroup für Europa, bleibt die infolge der Finanzkrise gestiegene Staatsverschuldung noch auf absehbare Zeit ein dominierendes Thema. „Investoren werden viel klarer als vor der Krise zwischen den einzelnen Staaten und ihrer Fähigkeit, Schulden zu tilgen, unterscheiden.“ Das gelte sowohl innerhalb der Euro-Gruppe als auch für Länder wie die Vereinigten Staaten und Großbritannien, die ebenfalls mit steigenden Staatsschulden zu kämpfen hätten. Michels geht hingegen nicht davon aus, dass beispielsweise Spanien oder Portugal nun unter denselben extremen Druck geraten werden in Form höherer Risikoaufschläge wie die Hellenen. „Griechenland unterscheidet sich in zwei wichtigen Dingen von den anderen Ländern: Es ist nahezu unvorbereitet mit der aktuellen Situation konfrontiert worden, und seine Regierung kann noch kein bereits erfolgreiches Sparprogramm vorweisen.“ Griechenland sei deshalb besonders auf Vertrauen angewiesen.
Im Juli droht der Effekt zweier Leitzinserhöhungen
Gleichwohl erwartet Michels nicht, dass Griechenland aus dem Euro-Raum ausscheidet. Michels geht davon, dass die Euro-Länder und der Internationale Währungsfonds helfen werden. Zudem erwartet er, dass die europäischen Staaten einen Mechanismus einrichten, mit dem sie Krisen begegnen können. Dazu werde auch gehören, dass sich die Regierungen in der Wirtschaftspolitik stärker als bisher abstimmen werden. Allerdings werde der Zinsabstand portugiesischer und spanischer Anleihen gegenüber den als Maßstab für Ausfallsicherheit geltenden deutschen Bundesanleihen auch größer werden, ohne dass sich die Anleger mehr Sorgen um deren Zahlungsfähigkeit machten.
Grund dafür sei, dass mit Beginn der zweiten Jahreshälfte viel Liquidität aus den Märkten abgezogen werde. Michels verweist darauf, dass am 1. Juli insgesamt 442 Milliarden Euro aus dem ersten zwölf Monate laufenden Finanzierungsgeschäft der Europäischen Zentralbank (EZB) fällig werden, die Banken dann aber nicht mehr die Möglichkeit haben, unbegrenzte Liquidität mit der gleichen Laufzeit bei der EZB aufzunehmen. Dann könnten die Dreimonats-Zinsen zwischen 30 und 50 Basispunkte zulegen. „Das hat ungefähr den Effekt von zwei Leitzinserhöhungen.“ Die entzogene Liquidität und die damit einhergehenden steigenden Kurzfristzinsen könnten dazu führen, dass zum Beispiel spanische und portugiesische Anleihen höher rentieren werden ungeachtet von Sorgen über die Zahlungsfähigkeit der Länder.
Anleger bewerten Griechenland deutlich anders
Auf die Aktienmärkte wirken sich die griechischen Finanzprobleme momentan nicht nennenswert aus. Die wichtigsten Leitindizes steigen fast kontinuierlich in der Erwartung, dass sich die Volkswirtschaften von der Krise erholen und die Unternehmensgewinne stärker wachsen. „Griechenland würde nur dann die Aktienmärkte stark belasten, wenn es tatsächlich zahlungsunfähig würde“, sagt Dirk Schumacher, Volkswirt der amerikanischen Bank Goldman Sachs.
Die Frage, ob das Land solvent bleibt, stelle sich indes erst im kommenden Jahr. „Mit der angebotenen Hilfe hat die griechische Regierung Zeit bekommen, zu sparen und ihren Haushalt zu konsolidieren. Wenn sie das Haushaltsdefizit deutlich verringern kann, werden auch die Märkte dem Land wieder mehr vertrauen.“ Die Gefahr, dass sich die Griechenland-Krise auf andere Länder des Euro-Raumes ausdehnen könnte, hält Schumacher für gering, zumal nach einer Rettung durch die übrigen Euro-Länder und den Internationalen Währungsfonds. Auch nach Ansicht von Huw Worthington, einem Zinsstrategen der britischen Bank Barclays, haben die Anleger bisher klar zwischen Griechenland und den übrigen Ländern des Euro-Raumes unterschieden und werden das auch weiter tun.