31.08.2011 · EZB-Chef Trichet hat angekündigt, Inflationsrisiken neu zu bewerten. Jetzt spekulieren die Märkte. Terminkontrakte deuten auf einen Zinsschritt im Frühjahr hin.
Von Stefan RuhkampDie veränderte Einschätzung der Inflationsrisiken durch die Europäische Zentralbank (EZB) und schwache Konjunkturdaten haben die Spekulation auf eine Zinssenkung in der ersten Hälfte des kommenden Jahres verstärkt. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hatte am Montag angekündigt, die Zentralbank werde die Inflationsrisiken neu bewerten. Das werde auf der nächsten EZB-Ratssitzung am 8. September geschehen, wenn neue Prognosen vorliegen werden. Damit nährte Trichet die Sorge, dass die Schulden- und Finanzkrise die Konjunkturrisiken im Euroraum erhöht haben. Weitere Hinweise darauf lieferten unerwartet negative Umfragewerte zur Stimmung in der europäischen Wirtschaft. Die Ratingagentur Standard & Poor’s erwartet schwaches Wachstum, allerdings keine zweite Rezession im Euroraum.
Auf dem Geldmarkt lassen die Preise für Terminkontrakte die Erwartung erahnen, dass die EZB den Leitzins einige Monate mit 1,5 Prozent unverändert lassen wird, ehe für April 2012 eine Zinssenkung in den Kursen nahezu vollständig vorweggenommen ist. Für die Folgezeit wird eine abermalige Zinspause erwartet, ehe die Sätze wieder allmählich steigen. Im Sommer dieses Jahres war die Erwartungshaltung noch ganz anders: Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurde für 2011 eine dritte Zinserhöhung angenommen und weitere im Jahr 2012. Bis August beruhigten sich diese Spekulationen wegen der nachlassenden Dynamik der Konjunktur. Inzwischen hat sich die Erwartungshaltung umgekehrt.
Allerdings ist die Interpretation der Erwartungen auf dem Terminmarkt mit einiger Unsicherheit verbunden. Gehandelt werden zum Beispiel Terminkontrakte auf den Zinssatz für Übernachtkredite über eine Laufzeit von einem Monat. Diese Sätze liegen jedoch seit Beginn der Finanzkrise weit unter dem Leitzins, da die Zentralbank den Banken so viel Geld leiht, wie diese wünschen. Je größer die Anspannungen im Finanzsystem sind, desto mehr Geld leihen die Banken. Da viele Banken aus Vorsichtsgründen mehr leihen, als sie selbst unmittelbar brauchen, wird durch die Geldschwemme der Tagesgeldsatz gedrückt. Umso stärker, je größer die Unsicherheit ist.
Derzeit beträgt der Abstand zwischen dem Tagesgeldsatz und dem Leitzins etwa 0,6 Prozentpunkte. Nimmt man an, dass dieser Abstand in den kommenden Monaten weitgehend unverändert bleibt, muss man ihn zum Beispiel auf den für April erwarteten Tagesgeldsatz von 0,7 Prozent aufschlagen. Es ergibt sich eine Leitzinserwartung von 1,3 Prozent. Ein Zinsschritt von 1,5 auf 1,25 Prozent ist nach dieser Sichtweise also weitgehend in den Terminsätzen vorweggenommen.