Die Ems-Region im Nordwesten Deutschlands und die Provinz Murcia im Süden Spaniens haben eines gemeinsam: Zum Meer ist es nicht weit. Darüber hinaus könnten die Unterschiede größer nicht sein. Im staubig-heißen Murcia ist jeder Zweite unter 25 Jahren arbeitslos. An der Ems herrscht Vollbeschäftigung. Die Unternehmen können in der nächsten Dekade voraussichtlich 30.000 Stellen nicht besetzen - es fehlt an Bewerbern.
Also flog eine emsländische Delegation voriges Jahr nach Murcia und versuchte, für ein Pilotprojekt arbeitslose junge Spanier an die Nordsee zu locken. 120 waren interessiert, 60 schickten ihren Lebenslauf, 15 flogen dann rüber. Ein guter Wert, findet der Sprecher der Initiative Ems-Achse: „Sie müssen wissen, die Spanier hängen sehr an ihren Familien.“ Genau das ist das Problem.
Spanier, Italiener, Griechen, Portugiesen - eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) zeigt, dass Südeuropäer jahrzehntelang mit den Eltern unter einem Dach wohnen: 42 Prozent der spanischen Männer zwischen 25 und 34 Jahren müssen sich als Nesthocker belächeln lassen, bei den gleichaltrigen Italienern ist es etwa die Hälfte, und bei den griechischen Altersgenossen betrifft es sogar 62 Prozent.
Da das Mietangebot so knapp ist wie die staatliche Studienunterstützung, hängen junge Erwachsene am finanziellen Tropf der Eltern. In der Wirtschaftskrise verstärkt sich das Phänomen noch. Unter den 15- bis 29-Jährigen ist mehr als jeder dritte Grieche ohne Job, in Italien sucht jeder Fünfte nach Arbeit. Eine eigene Wohnung ist kaum erschwinglich. Da hat der Rückzug ins Elternhaus sein Gutes: Er wirke wie eine „Versicherung gegen Jobverlust“, hat der Princeton-Ökonom Greg Kaplan festgestellt - wer nach der Kündigung nicht sofort den nächsten Billigjob annehmen müsse, verdiene später mehr, wenn er sich im Kinderzimmer darauf vorbereiten könne, die Traumstelle zu ergattern.
Gut verdienen wollten auch die spanischen Nesthocker, sagt der Soziologe Gerardo Meil von der Madrider Universidad Autónoma: „Viele wollen keine Minderung der gewohnten Lebensqualität hinnehmen, wenn sie ausziehen. Deshalb warten sie, bis das eigene Einkommen es erlaubt, eine Wohnung zu kaufen.“ Nur: Spanien ist nicht Amerika, das Warten macht sich nicht bezahlt. Auf der iberischen Halbinsel wie im restlichen Süden herrscht Rezession, ein Ende ist nicht absehbar. „In solch einer Situation ist es das Beste, wenn die Menschen arbeiten und nicht auf Besseres warten“, räumt Ökonom Kaplan ein. Doch anstatt der Arbeit hinterherzuziehen, so wie es junge Amerikaner machen, bleibt in Spanien die produktivste Generation immobil und konsumiert die Altersvorsorge ihrer Eltern. Gerade 24.000 Griechen, und 29.000 Spanier sind 2011 nach Deutschland eingewandert - nicht viel angesichts von einer Million Zuzüglern.
Kein reines Krisenphänomen
Die Sprachbarriere bremst. Selbst unter den 15 bis 24 Jahre alten Italienern und Spaniern geben in einer Eurobarometer-Erhebung jeweils etwa 40 Prozent an, keine Fremdsprache gut genug zu sprechen, um sich zu unterhalten.
Auszuwandern sei nur für wenige Hochqualifizierte eine ernsthafte Option, sagt der Madrider Soziologe Meil. „Zwischen der Bereitschaft zu gehen und der tatsächlichen Auswanderung ist aber auch ein Unterschied.“ Und wenn, geht’s meist nach Berlin, wo man auch mit Englisch durchkommt. Nur: In der deutschen Hauptstadt sind gute Jobs rarer als im Rest der Republik. Einen hat Alessandra Rusconi ergattert, die gebürtige Italienerin forscht am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und hat ihre Doktorarbeit über Nesthocker geschrieben: „Junge Auswanderer sollten wissen, dass es auf Dauer nicht reicht, Englisch zu sprechen, wenn sie nach Deutschland kommen.“ Sonst bleibe es oft beim Kellnern.
Die Nesthockerei ist kein reines Krisenphänomen. Im Jahr 2007 veröffentlichte das italienische Statistikinstitut eine Langzeitstudie, deren Teilnehmer vier Jahre zuvor angegeben hatten, sie wollten rasch aus der elterlichen Wohnung ausziehen - jeder Zweite davon wohnte nach all den Jahren immer noch zu Hause. Als Grund gab die Hälfte an: Bequemlichkeit.
Immer wieder haben wechselnde italienische Regierende versucht, die „Bamboccioni“, die Riesenbabys, aus dem Haus der Eltern zu kriegen. So wurde vor zwei Jahren in Rom eine monatliche „Auszugssubvention“ von 500 Euro diskutiert. Denn neben dem Verdacht, dass eine unselbständige und immobile junge Generation den Fortschritt eines Landes bremst, schlägt das späte Auszugsalter sich wohl auf die Geburtenrate nieder.
„Dort, wo junge Männer erst spät das Elternhaus verlassen, gibt es häufig weniger Nachwuchs“, sagt Reiner Klingholz vom Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung. In südeuropäischen Ländern lasse sich eine Verbindung herstellen zwischen der späten Gründung eines eigenen Haushalts und den niedrigen Geburtenraten. In Skandinavien sei das umgekehrt.
Klingholz erklärt das auch damit, dass spätes Ausziehen eine geringere Motivation mit sich bringe, eigenständig zu werden. „Die ultimative Verantwortung - eine eigene Familie zu gründen - wird dann häufig gescheut.“ Alessandra Rusconi bestätigt das: „Ein späterer Auszug und eine spätere Hochzeit bedeuten, dass fürs Kinderkriegen weniger Zeit bleibt. Da gibt es einfach eine biologische Grenze.“ In Spanien sank zwischen 2008 und 2011 die Geburtenrate von 1,46 auf 1,37, wie das Vienna Institute of Demography ermittelte.
Die alternde Gesellschaft und die hohe Jugendarbeitslosigkeit sind Gift für das Wachstum und die Stabilität des Rentensystems - und bereiten dem Wohlfahrtsmodell Familie den Garaus. Soziologin Rusconi warnt: „Die derzeitige Eltern-Generation kann nur deswegen die Jüngeren auffangen, weil sie die Ressourcen aus besseren Zeiten dazu hat. Wenn aber Mitte-30-Jährige heutzutage beruflich noch nicht Fuß gefasst haben, werden sie ihren Kindern diese Unterstützung nicht geben können.“