Herr Fahrenschon, nun werden in Europa, genauer in Spanien, schon wieder Banken gerettet, vor allem Sparkassen. Was ist schiefgelaufen?
Gerettet werden müssen solche Institute, die keine echten Sparkassen sind. Die Immobilienblase in Spanien hat ihre Ursache auch darin, dass die Sparkassen das Regionalprinzip aufgegeben haben und daraufhin jeder den anderen bei der Kreditvergabe an den Immobiliensektor übertrumpfen wollte. Der Versuch, dieses durch Zusammenführung zu riesigen, börsennotierten Kapitalgesellschaften zu heilen, hat alles nur noch schlimmer gemacht. Gut, dass wir diese Fehler in Deutschland nicht gemacht haben, obwohl ja viele genau das von uns in den letzten Jahren gefordert haben.
Welche Konsequenzen sind aus den Bankenschieflagen in Spanien und überhaupt aus der sich wieder zuspitzenden Staatsschuldenkrise zu ziehen?
In Spanien sollten die Hilfen genutzt werden, um die Sparkassen wieder zu echten, ortsgebundenen Instituten zu machen und den Irrweg Kapitalgesellschaft zu korrigieren. Insgesamt gilt: Durch kurzfristige Rettungsmaßnahmen dürfen nicht die tragenden Säulen unserer Wirtschaft beschädigt werden. In Deutschland sind das die mittelständischen, familiengeführten Unternehmen und deren wichtigste Finanziers, die Sparkassen. Deutschland ist für Europa strukturrelevant. Die Rolle kann Deutschland aber nur ausfüllen, wenn wir das erhalten, was für unser Land stabilisierend ist.
Die EU-Kommission scheint die Schieflagen in Spanien anders, mit einer Europäischen Bankenunion, beheben zu wollen. Das bedeutet: europäische Bankenaufsicht und grenzüberschreitende Haftung von Banken untereinander bis hin zur Sicherung der Einlagen. Was halten Sie davon?
Wir stehen zu Europa, auch zu einer weiteren Vertiefung. Wir wollen aber kein Europa, das in einer riesigen Umverteilung fehlende Solidität überdeckt und Eigenverantwortung sowie Wettbewerb beschädigt. Für uns ist nicht akzeptabel, dass in einer sogenannten Bankenunion Sparkassen oder gar deren Kunden, die Sparer, mit ihrem Geld die Schieflagen ausländischer Banken ausgleichen sollen. Inzwischen nehmen sich doch sogar die Briten die mittelständische Struktur der deutschen Wirtschaft zum Vorbild. Dazu braucht man dezentrale Bankenstrukturen und Verantwortung vor Ort.
Was meinen Sie damit?
Es ist kein fairer Wettbewerb, wenn vom Staat gerettete ausländische Banken mit dem Geld von Steuerzahlern im Rücken hohe Einlagenzinsen für Privatkunden bieten. Das können solide Institute, die ihr Geld selbst verdienen müssen, nicht. Wir müssen aufpassen, dass in der Krise nicht alle Werte Europas - fairer Wettbewerb, Subsidiarität, Eigenverantwortung und Demokratie - beschädigt werden.
Was schlagen Sie dagegen vor?
Jede Bank muss zunächst passend zu ihrem Risikoprofil selbst Vorsorge betreiben, um Schieflagen abfedern zu können. Wenn solche Reserven nicht ausreichen, ist es gut, wenn es nationale Haftungssysteme gleichartig organisierter Banken gibt. Zum Schutz Dritter muss in solchen Fällen notfalls auch der Steuerzahler einspringen. Das wird aber nur auf nationaler Ebene möglich sein, weil dort die parlamentarische Haushaltssouveränität liegt. Ich halte es nicht für vorstellbar, dass nicht demokratisch gewählte europäische Ebenen das Geld deutscher Steuerzahler oder deutscher Sparer an ausländische Banken verteilen. Wir sind wahrlich nicht stolz auf die West LB. Aber wir stellen uns diesen Anforderungen und wickeln eine der einst größten deutschen Banken ziemlich geräuschlos ab. Solche Abwicklungen oder Verkleinerungen muss man als Konsequenz von Hilfen auch von anderen fordern.
Ein Teil der WestLB, das Verbundgeschäft mit den Sparkassen, geht in der Helaba auf. Dafür geben die Stützungsfonds von Sparkassen und Landesbanken jeweils 250 Millionen Euro und erhalten dafür Anteile an der Helaba. Vertreten Sie diese Anteile dort künftig im Verwaltungsrat?
Klar ist, dass man Vorstände anderer Landesbanken nur schwerlich in den Helaba-Verwaltungsrat aufnehmen kann. Deshalb werden dort Repräsentanten benötigt, die die Interessen der ganzen Gruppe vertreten können.
Damit senden Sie das Signal, dass Sie die Helaba unter Vernachlässigung anderer Landesbanken zum Spitzeninstitut aller deutschen Sparkassen ausbauen wollen.
Die Helaba übernimmt jetzt für die ganze Gruppe Verantwortung. Damit sind natürlich auch neue Chancen verbunden. Der DSGV und ich selbst haben aber jetzt nicht die Aufgabe, Patente zu verteilen, sondern das eingebrachte Kapital der ganzen Gruppe zu schützen. Das ist der Grund, weshalb über eine Mitwirkung im Verwaltungsrat nachgedacht wird - nicht mehr und nicht weniger.
Sie sind, zusätzlich zum wahrscheinlichen Verwaltungsratsmandat in der Helaba, schon Verwaltungsratsvorsitzender der Sparkassen-Fondsgesellschaft Deka und der Landesbank Berlin. Wie bringen Sie die zuweilen auch gegensätzlichen Interessen dieser Unternehmen unter einen Hut?
Unterschiedliche Interessen gibt es auch in Konzernen, sie bündeln sich auch dort in der Spitze. In Verbünden werden sie allerdings nach außen deutlicher, weil sie in verschiedenen Unternehmen der Gruppe angesiedelt sind. Es ist Aufgabe des Präsidenten des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, das konsequent, aber auch mit Ruhe zusammenzubringen.
Die Landesbank Berlin ist im Jahr 2007 für 5,3 Milliarden Euro von allen deutschen Sparkassen gekauft worden. Dieser Unternehmenswert musste schon zweimal abgeschrieben werden, Ihr Vorgänger hat eine engere Verzahnung mit der Deka angemahnt. Machen Sie sich die Forderung zu eigen? Und können Sie sich vorstellen, das Immobiliengeschäft der Deka sowie das Zertifikategeschäft der Sparkassen in der Landesbank Berlin zu bündeln?
Wir wollten damals in der Hauptstadt eine starke Sparkasse erhalten und unsere Marke nicht teilen. Das gilt auch weiterhin. Bei der Weiterentwicklung baue ich natürlich auf den Vorarbeiten meines Vorgängers Heinrich Haasis auf mit dem Ziel, Doppelarbeit von Deka und Landesbank Berlin zu verringern.
Wann wird über eine engere Verzahnung von Deka und Landesbank Berlin entschieden?
Gerade läuft die Abfindung der freien Aktionäre der Landesbank Berlin. Nach diesem Squeeze-Out werden wir Entscheidungen treffen.
Die Deka steht derzeit ohne Chef da. Suchen Sie vom Profil einen Investmentbanker als Nachfolger von Franz Waas?
Ich suche vor allem einen Mannschaftsführer für das zentrale Wertpapierhaus der Sparkassen. Natürlich sind Erfahrungen im Fonds- und Kapitalmarktgeschäft unverzichtbar. Wir suchen aber nicht zwingend einen Investmentbanker, sondern eher eine Führungspersönlichkeit, die auch die Sparkassen für die Deka begeistern kann.
Sie wollen den neuen Deka-Chef noch vor der Sommerpause bestimmen, die nächste Gelegenheit dafür wäre die Verwaltungsratssitzung am Donnerstag.
Für mich beginnt ein kurzer Sommerurlaub Mitte August. Bis dahin wollen wir in der Tat einen großen Schritt weiter sein. Im Moment freue ich mich, dass sich eine große Zahl von geeigneten Persönlichkeiten für die Position interessiert.
Welche Chancen hat Oliver Behrens, der den Deka-Vorstand derzeit kommissarisch führt?
Ich schätze Oliver Behrens sehr, er gehört zu den Besten seiner Zunft - deshalb hat er in einem geordneten Prozess um den Vorstandsvorsitz dieselben Chancen wie andere Kandidaten auch.
Die Deka bietet keine Zertifikate an. Wann ändert sich das?
Die Sparkassen haben vor einem Jahr die Anteile der Landesbanken übernommen. Damit muss sich die Deka so aufstellen, dass sie den Bedarf der Sparkassen und deren Kunden gut erfüllt. Dazu passen Geschäftsfeldbeschränkungen nicht. Wichtig ist mir, dabei Rücksicht auf die Risikoneigung der Sparkassen zu nehmen.
Wo sehen Sie die Deka in fünf Jahren?
Sie wird noch stärker das zentrale Wertpapierhandelshaus der Sparkassen sein. Mit ihrem Know-how könnte sie eine wichtige Rolle bei der Energiewende in Deutschland spielen. Ich sehe Investitionen in deutsche Infrastrukturen, auch in Netze, als hochinteressant an. Die zu erwartende Rendite dürfte für Sparkassen-Kunden und internationale Anleger interessant sein.
Georg Fahrenschon ist seit Mitte Mai Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. Als sein Vorgänger Heinrich Haasis im Herbst 2011 bekanntgab, er stehe für eine weitere Amtszeit nicht zur Verfügung, war Fahrenschon von regionalen, der CDU angehörenden Sparkassenverbandspräsidenten aufgefordert worden, gegen Haasis’ langjährigen Stellvertreter Rolf Gerlach zu kandidieren. Der 44 Jahre alte Fahrenschon, damals bayerischer Finanzminister, gab dafür seine parteipolitische Karriere auf.
In seinem ersten Interview im neuen Amt skizziert Fahrenschon seine Pläne. Die Sparkassen-Fondsgesellschaft Deka soll künftig auch Zertifikate anbieten dürfen und bis Mitte August einen neuen Chef haben. Im zweiten Halbjahr 2012 will Fahrenschon dann Deka und Landesbank Berlin, beide im Besitz der Sparkassen, enger verzahnen. Als erster DSGV-Präsident ist Fahrenschon bereit, in den Verwaltungsrat einer größeren Landesbank, der Helaba, einzuziehen. Die Managementaufgaben für Sparkassenverbundunternehmen beanspruchen indes derzeit nur ein Drittel seiner Zeit. Zwei Drittel wendet Fahrenschon auf, um die Sparkassen in europapolitischen und regulatorischen Fragen nach außen zu vertreten.
Ein bißchen mehr Mut hätte ich mir von Georg Fahrenschon
schon gewünscht:
Edgar Timm (duet)
- 26.06.2012, 14:13 Uhr
Spanische Sparkassen...an jeder Ecke
Gus Savel (gsavel)
- 26.06.2012, 13:44 Uhr
Hört! Hört!
Andreas Neubert (Citizen_Kane)
- 26.06.2012, 12:46 Uhr